Plädoyers der Anklage im NSU-Prozess "Meisterin im Verschleiern"

Beate Zschäpe spielte im "Nationalsozialistischen Untergrund" eine entscheidende Rolle - diese These untermauern die Ankläger derzeit im NSU-Prozess. Zschäpe habe als "harmlose Hausfrau" wichtige Tarnung geliefert.

Beate Zschäpe im NSU-Prozess
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Beate Zschäpe im NSU-Prozess

Von , München


Wird im NSU-Prozess die Verhandlung unterbrochen, müssen Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben in eine Arrestzelle unterhalb des Gerichtssaals. Hier gibt es Tageslicht nur durch einen schmalen Schacht, keine frische Luft. Ein Zustand, der ihnen inzwischen vertraut sein dürfte, aber zusetzt: Beide sitzen seit mehr als fünf Jahren in Untersuchungshaft.

Am Dienstag hat die Bundesanwaltschaft mit ihrem Plädoyer begonnen, 22 Stunden soll der Schlussvortrag dauern, immer wieder unterbrochen von Pausen. Sie sind ein Zugeständnis, damit die Prozessbeteiligten konzentriert folgen können.

Wohlleben finde in diesen Pausen in der Arrestzelle weder Ruhe noch Erholung, monierte sein Verteidiger Wolfram Nahrath bereits nach der zweiten Etappe. Es sei "heiß und stickig" und es herrsche "Schlachthausatmosphäre".

Oberstaatsanwältin Anette Greger unterbricht daher auch an diesem 376. Verhandlungstag alle 30 bis 45 Minuten ihren Schlussvortrag: Es geht um die Erkenntnisse aus der Beweisaufnahme zum Innenleben der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).

Warum konnte das Trio mehr als 13 Jahre lang unentdeckt im Untergrund leben, töten, rauben? Weil nach Ansicht der Bundesanwaltschaft Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ein "unglaubliches Vertrauen" zusammengeschweißt hat. Die beiden Männer seien "kein psychopathisches Duo" gewesen, das "in mörderische Exzesse verfiel", während Zschäpe "nebenher lebte", sagt Greger.

Nur gemeinsam sei das erfolgreiche Abtauchen über die vielen Jahre möglich gewesen. Greger untermauert an diesem Tag einmal die Ansicht der Anklage von der gleichberechtigten Mittäterschaft Zschäpes innerhalb des NSU. Ihr sei es stets darum gegangen, die beiden Männer, die töteten und raubten, "sorgfältigst abzusichern".

Schusswaffen, Munition, Sprengstoff

Jeder habe bestimmte Aufgaben "im Sinne der gemeinsamen Sache" zu erfüllen gehabt: Zschäpe habe sich als "harmlose Hausfrau" um Sim-Karten, Mobiltelefone und Ausweise gekümmert. Mundlos habe Wohnmobile und andere Fahrzeuge angemietet. Gemeinsam mit Böhnhardt hätten sie Schusswaffen, Munition und Sprengstoff beschafft.

Greger spricht von einem "engen Zusammenspiel", von drei Mitgliedern, die "Hand in Hand arbeiteten". Das belege die Organisation sämtlicher Verstecke, vor allem aber die Beschaffung und Sicherung der vielen falschen Personalien, hinter denen sie ihre wahre Identität verbargen.

Während Uwe Mundlos in den fast 13 Jahren im Untergrund durchweg den Alias-Namen Max-Florian nutzte, verwendete Böhnhardt erst den Namen eines Kameraden aus der Chemnitzer Neonazi-Szene, später den des mitangeklagten Holger G.

Zschäpe jedoch jonglierte mit elf erfundenen Personalien: Sie nannte sich Lise, Lisa, Susann, Silvia und Mandy, versehen mit verschiedenen Nachnamen. Zschäpe entwickelte sich laut Greger zur "Meisterin im Verschleiern". Auch untereinander hätten sich die drei mit ihren Tarnnamen angeredet.

Herzstück der Terrorzelle sei die gemeinsame Wohnung gewesen, sagt Greger. Nach außen komplett mit Kameras überwacht, im Innern das Zuhause des Trios mit Waffen, Papieren, Beute, Archiv und der gesamten Logistik.

Unter Zschäpes Hochbett habe sich der Haupt-Computer befunden, der allen dreien zur Verfügung gestanden habe und von allen dreien genutzt worden sei, so Greger. Aus den festgestellten Recherchen, die das Trio an diesem Rechner durchführte, zieht die Bundesanwaltschaft Rückschlüsse auf die Aufteilung des Trios.

Demnach war Zschäpe ein gleichberechtigtes Mitglied der terroristischen Zelle und keineswegs abhängig und unterdrückt von Mundlos und Böhnhardt, wie sie in ihrer Einlassung und gegenüber dem Gutachter Joachim Bauer angab. Ihre Rolle war eine zentrale, ohne die laut Ankläger die Taten des NSU nicht so viele Jahre lang unentdeckt möglich gewesen seien.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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