NSU-Prozess Bundesanwaltschaft wirft Zeuge Falschaussage vor

Im NSU-Prozess ist ein Jugendfreund von Uwe Böhnhardt massiv unter Druck geraten: Zunächst wurde er mit einem ungeklärten Kindermord konfrontiert, dann wertete die Bundesanwaltschaft seine Erinnerungslücken als Falschaussage.

Zeuge Enrico T. (im April): Große Erinnerungslücken
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Zeuge Enrico T. (im April): Große Erinnerungslücken


München - Nebenkläger-Vertreter haben im Münchner NSU-Prozess einen Jugendfreund von Uwe Böhnhardt befragt. Sie konfrontierten den Zeugen mit einem ungeklärten Kindermord in Jena aus dem Jahr 1993. Die Anwälte hielten Enrico T. mehrere Passagen aus Polizeivernehmungen vor. Darin heißt es, die Polizei habe ihn als Verdächtigen für den Mord an dem damals neun Jahre alten Bernd Beckmann geführt.

Böhnhardts Jugendfreund soll demnach 2012, wenige Monate nach dem Auffliegen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), gesagt haben: "Mein Bootsmotor wurde damals in der Nähe der Leiche gefunden, und ich soll diesen damals dahingelegt haben." Nachdem er in der Presse von den Taten des NSU-Trios gelesen habe, glaube er aber, dass Böhnhardt mit dem Mord an dem Kind etwas zu tun gehabt haben könne.

Vor Gericht behauptete der Zeuge, er erinnere sich nicht mehr daran. Auf mehrfache Nachfragen räumte er nur einen Streit mit Böhnhardt ein. Dabei sei es um "Sachen" gegangen, die er in einem Brückenpfeiler am Saale-Ufer in Jena versteckt und von denen Böhnhardt etwas weggenommen habe.

Mehrfache Ermahnungen des Richters

Die Bundesanwaltschaft hält T. für einen der Beschaffer der Ceska-Pistole, mit der die NSU-Terroristen neun ihrer zehn Mordopfer erschossen haben sollen. Zu seiner Rolle bei diesem Geschäft und über seine Kontakte zu einem weiteren möglichen Waffenbeschaffer in der Schweiz machte der Zeuge aber so gut wie keine Angaben und sagte immer wieder, er erinnere sich nicht. Der Vorsitzende Richter ermahnte ihn mehrmals, wahrheitsgemäß zu antworten, was auch bedeute, dass er wissentlich keine Tatsachen verschweigen dürfe.

Die Bundesanwaltschaft warf dem Zeugen am Ende der Vernehmung "uneidliche Falschaussage" vor und beantragte, entsprechende Fragen und Antworten zu protokollieren. Dabei ging es auch um eine Reise vor wenigen Wochen in die Schweiz, zu der der Zeuge sagte, er erinnere sich nicht, ob er dort mit seinem Freund über den NSU-Prozess und seine anstehende Vernehmung gesprochen habe. Bereits bei einer Vernehmung im April hatte T. auf viele Fragen geantwortet, er könne sich nicht erinnern. In einem anderen Verfahren ist er bereits einmal wegen Falschaussage verurteilt worden.

Vor T.s Vernehmung hatte ein Ermittler des Bundeskriminalamts einen Einblick in die konspirativen Strukturen des NSU und seiner Helfer gegeben. Er stützte sich dabei auf die Polizeivernehmung eines inzwischen ausgestiegenen Neonazis, der vorübergehend mit der Hauptangeklagten Beate Zschäpe liiert war.

Den Mitangeklagten Ralf Wohlleben habe der Aussteiger als den "intellektuellen Kopf" der Gruppe bezeichnet. Bei einem Treffen mit den Untergetauchten in einer Fluchtwohnung sei er nach eigenen Angaben von Uwe Mundlos bedroht worden, weil er vergessen habe, sein Handy vorher auszuschalten. "Es war allgemein bekannt, dass die Szene vom Verfassungsschutz durchsetzt war", zitierte der Vorsitzende Richter aus dem Vernehmungsprotokoll.

wit/dpa

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