Hinterbliebene im NSU-Prozess "Mein Herz ist mit Mehmet begraben"

Im NSU-Prozess hat sich die Witwe des ermordeten Mehmet Kubasik an die Angeklagten gewandt - es war einer der emotionalsten Momente in dem Verfahren.

Elif Kubasik 2012 am Gedenkstein für ihren Mann in Dortmund
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Elif Kubasik 2012 am Gedenkstein für ihren Mann in Dortmund

Von und Thomas Hauzenberger, München


Beate Zschäpe dürfte darauf vorbereitet worden sein, dass sich nun erneut Angehörige von Opfern der NSU-Verbrechensserie direkt an sie wenden. Um kurz nach 14 Uhr war es dann so weit: Noch vor dem Plädoyer ihres Anwalts Carsten Ilius ergriff Elif Kubasik das Wort. Sie vermied das Stehpult, an dem Vertreter der Bundesanwaltschaft und der Nebenklage bereits plädiert haben, und setzte sich an einen Tisch.

Sie ist die Frau von Mehmet Kubasik, dem mutmaßlich achten Mordopfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds". Der 40-Jährige türkischer Herkunft und kurdischer Abstammung wurde am 4. April 2006 vor seinem Kiosk in Dortmund mit vier Schüssen getötet. Zwei Tage später wurde in Kassel Halit Yozgat erschossen.

"Ich bin Kurdin und Alevitin und Dortmunderin, eine deutsche Staatsangehörige", sagt Elif Kubasik. Im Jahr 1991 seien sie, ihr Mann und die gemeinsame Tochter Gamze als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und hätten politisches Asyl erhalten. "Mehmet und ich haben uns sehr geliebt und haben geheiratet, er war sehr liebevoll, er war sehr besorgt um seine Familie, war vernarrt in seine Kinder, er hatte eine sehr enge Bindung zu seiner Tochter Gamze."

"Mein Herz ist mit Mehmet begraben", sagt die Witwe weiter. "Ich glaube, die Stärke, die ich heute zeigen kann, die kommt einfach durch die Beziehung mit ihm."

Sie spricht von dem Vertrauen, der Sicherheit, die ihr Mann ihr gegeben habe - und die es ihr ermöglichten, an diesem Tag überhaupt hier zu sein: in Saal A 101 im Oberlandesgericht München, nur wenige Meter Luftlinie entfernt von den Menschen, die sie für den Mord an ihrem Ehemann für schuldig hält.

Die fünf Angeklagten Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André E., Holger G. und Carsten S. folgen ihren Worten ohne Regung. Ihnen zu begegnen, koste sie Kraft, sagt Elif Kubasik und wendet sich an Zschäpe: "Besonders schwer ist es für mich, den Anblick dieser Frau auszuhalten, einfach ekelhaft, ekelhaft war ihre Aussage. Es ist alles Lüge, was sie sagt, sogar die Form, wie sie sich entschuldigt hat, war verletzend. Das war so, als würde sie mich beleidigen." Es habe sich so angefühlt, als würde sich Zschäpe "lustig machen" über sie, die Angehörigen und Hinterbliebenen.

Beate Zschäpe
AFP

Beate Zschäpe

Elif Kubasik hat sich auch vorgenommen, die Plädoyers zu nutzen, um den Polizeibeamten aus Dortmund, die nach dem Tod ihres Mannes die Ermittlungen führten, etwas mitzuteilen: Deren Aussagen im NSU-Prozess hätten sie erschüttert; zu hören, welchen Hinweisen die Ermittler damals nicht nachgegangen seien. Gerade in Dortmund, einer Hochburg von Neonazis in Deutschland.

Nun sei für sie nur noch eins wichtig: Dass die Angeklagten ihre "verdiente Strafe bekommen". Bundeskanzlerin Angela Merkel, die beim Staatstrauerakt im Jahr 2012 "die Aufklärung der Hintermänner" versprochen hatte, habe ihr Versprechen nicht gehalten, sagt Elif Kubasik. Dabei sei für sie und ihre Familie Aufklärung von großer Bedeutung gewesen: Warum Mehmet? Warum ein Mord in Dortmund? Gab es Helfer in Dortmund? Sehe ich sie heute noch? Viele dieser Fragen seien jedoch noch immer unbeantwortet.

Elif Kubasiks wichtigste Botschaft formuliert sie am Ende ihrer Rede: Diejenigen, die die Verbrechen begangen hätten, sollten nicht denken - nachdem sie neun Menschen ermordet haben - "dass wir dieses Land verlassen werden". "Ich lebe in diesem Land und das ist mein Land, ich habe in diesem Land zwei Kinder zur Welt gebracht, mein Enkel ist hier geboren. Wir sind ein Teil dieses Landes und werden hier weiterleben."

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