NSU-Prozess Die schwierige Identifizierung der Tatwaffe

Der Mitangeklagte Carsten S. soll dem NSU die Ceska besorgt haben, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mutmaßlich neun Menschen erschossen. Im Münchner Prozess sollte Carsten S. nun die Tatwaffe identifizieren. Doch das geriet daneben.
Tatwaffe der Ceska-Morde (Archivbild): Durch Brand beschädigt

Tatwaffe der Ceska-Morde (Archivbild): Durch Brand beschädigt

Foto: Franziska Kraufmann/ dpa

Die Pistole Marke Ceska Zbrojovka Modell 83, Kaliber 7,65 Millimeter ist eines der Hauptbeweismittel im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht. Sie ist die Tatwaffe. Mit ihr wurden in den Jahren zwischen 2000 und 2006 neun Personen türkischer und griechischer Herkunft getötet.

Am 19. Verhandlungstag ging es vor Gericht um die Identifizierung jener Ceska. Eine Peinlichkeit reihte sich dabei an die andere - gerade so, als sollte sich die Serie an Pannen und Pleiten bei der Aufklärung der Verbrechen fortsetzen.

Der Angeklagte Carsten S. war es mutmaßlich gewesen, der die Tatwaffe nebst eines Schalldämpfers und entsprechender Munition auf Geheiß Uwe Böhnhardts und Uwe Mundlos' bei einem Händler in Jena besorgt und nach Chemnitz gebracht hatte. So beschrieb er es in seinem umfangreichen Geständnis vor dem Senat.

Dürftiges Ergebnis

Nach seiner Festnahme hatte Carsten S. als mutmaßlicher Waffenlieferant die Ceska identifizieren sollen. Denn er hatte sie schließlich in der Hand gehabt, hatte sie bei sich zu Hause genau angesehen, er hatte sie auch Ralf Wohlleben gezeigt, der sie bei dieser Gelegenheit - aus Spaß? - auf S. richtete. Carsten S., wenn auch wohl kein erklärter Waffennarr, muss wohl als der beste Kenner der Tatwaffe angesehen werden.

S. wurden im Februar 2012 schlechte schwarz-weiß Kopien von allerlei Vergleichswaffen aus der Asservatensammlung des Bundeskriminalamts vorgelegt, "baugleiche" Modelle, wie es hieß. Baugleich aber heißt nicht identisch. Der Zeuge, der vom Bundeskriminalamt nun nach München geschickte wurde, um vor Gericht auszusagen, war kein Waffenexperte und musste daher bei vielen Fragen des Senats und der Verteidiger passen. Außerdem hatte er seine Lesebrille vergessen und konnte die Beschriftung der vorgelegten Vergleichswaffen nur schwer entziffern.

Vor dem Richtertisch wurden Pistolen in allen Varianten ausgebreitet. Kleine schwarze, die sich kaum unterschieden, größere und auch richtig große Maschinenpistolen. Fotos wurden damit verglichen. Das Ergebnis, wenn man es denn so nennen will: dürftig.

Carsten S. konnte nicht mehr sicher unterscheiden zwischen Bildern von der Tatwaffe, die er etwa bei SPIEGEL TV gesehen hatte, und seiner Erinnerung an die Waffe, die er vor elf Jahren in der Hand gehabt hatte. Er erinnerte sich, dass die Waffe, die er seinerzeit an Böhnhardt und Mundlos übergab, ein Gewinde zum Aufschrauben des Schalldämpfers hatte. Doch jeder Büchsenmacher, so Verteidiger Wolfgang Stahl, könne eine Waffe mit einem derartigen Gewinde versehen.

Die Freundschaftsdienste des Holger G.

Wie hoch also ist der Beweiswert von Fotos, von verwaschenen Kopien und baugleichen Vergleichswaffen? Die Originale waren in der Wohnung Beate Zschäpes, die sie nach dem Tod ihrer Gefährten in Brand gesetzt hatte, schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie taugen zur Identifizierung nicht mehr.

Die diesen ganzen Prozess bestimmende Frage, inwieweit Zschäpe an den Verbrechen des NSU beteiligt war, ist bisher noch nicht viel schlüssiger beantwortet als zu Beginn des Verfahrens. Ein Vernehmungsbeamter, der nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 den ebenfalls angeklagten Holger G. befragt hatte, konnte dazu auch nichts besonders Aufschlussreiches beitragen. Das lag auch daran, dass der Grund für G.s Vernehmung zunächst ein Bankraub in Eisenach war, den Mundlos und Böhnhardt kurz vor ihrem Selbstmord verübt hatten.

G. hatte dem Trio eine Reihe von Ausweisen überlassen. Ein Freundschaftsdienst, wie er sagte, und weil er nicht als "Verräter" habe gelten wollen, aber wohl weniger aus wirklicher Überzeugung. Eigentlich habe er das alles nicht gewollt, aber man habe ihn überredet, weil man "früher doch auch füreinander eingestanden" sei, sagte er zu dem Kripo-Beamten.

Dass das Wohnmobil, in dem sich Böhnhardt und Mundlos töteten, mit Hilfe seiner Papiere gemietet worden war, berührte G. offenbar unangenehm und überraschte ihn offensichtlich. Vielleicht trug dazu auch bei, dass die Ermittler die Leiche neben Mundlos, der anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert werden konnte, zunächst für G. gehalten hatten.