NSU-Prozess in München Entspannt im Camping-Urlaubsparadies

Wie war das Zusammenleben von Beate Zschäpe und ihren beiden Kumpanen? Im NSU-Prozess wurden Fotos gezeigt von einem gemeinsamen Urlaub im Jahr 2006. Von einer Angst, entdeckt zu werden, ist nichts zu sehen.

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe

Von , München


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Bilder sagen häufig mehr als Worte, Urlaubsfotos zum Beispiel. Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess - wie sie im Jahr 2006 auf einer Mauer oberhalb des Ostseestrandes sitzt, einen Snack verzehrend. Wie sie mit einem ihrer Gefährten, vermutlich Uwe Böhnhardt, über eine Strandpromenade vorbei an Souvenirständen schlendert. Wie sie über einen Marktplatz spaziert, wobei ihr Begleiter den Arm um sie gelegt hat. Unbeschwerte Sommertage auf einem Campingplatz.

Zu der Zeit hatten ihre Begleiter Böhnhardt und Mundlos bereits neun Menschen umgebracht. Zwei Mordtaten, in Dortmund an Mehmet Kubasik am 4. April und in Kassel an Halit Yozgat am 6. April, hatten sie laut Anklage gerade ein paar Wochen zuvor begangen.

Ohne dass Zschäpe etwas auffiel? Gaben sich die drei nicht nur nach außen als harmlose Urlauber aus, sondern spielten sie auch im intimen Kreis voreinander Theater?

Warum glaubte Zschäpe nicht an weitere Morde?

Der Mitangeklagte Holger G. war in jenem Urlaub 2006 mit von der Partie. Auf Fotos ist er eindeutig zu erkennen. Eine Sachverständige vom Bundeskriminalamt bestätigte "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" seine Identität. Dachte auch er an nichts Böses?

Vor Gericht behauptete er in einer Erklärung zur Anklage, 2004 sei der Kontakt zu Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zunächst abgerissen; später habe er nur noch auf Drängen des Trios seinen Führerschein, eine Krankenkassenkarte und 2011 seinen Pass zur Verfügung gestellt. Von einem gemeinsamen Urlaub 2006 sagte er nichts.

In ihrer ersten schriftlichen Erklärung hatte Zschäpe vor Gericht durch ihre Anwälte vortragen lassen, Anfang Oktober 2006 sei "eine unendliche Leere" in ihr gewesen. Auf das Eingeständnis weiterer Mordtaten ihrer Gefährten habe sie mit "Fassungslosigkeit, Entsetzen" und dem "Gefühl der Machtlosigkeit" reagiert. "Ich war unendlich enttäuscht darüber, dass sie erneut gemordet hatten. Auch hatten sie mich erneut hintergangen, obwohl sie mir zuvor versprochen hatten, keinen Menschen mehr zu töten", ließ Zschäpe vortragen.

Seit 2004 schon habe sie den beiden nicht mehr vertraut, von ihnen die Wahrheit zu hören, so Zschäpe. Stets habe sie Angst vor einer langjährigen Haftstrafe gehabt und davor, dass ihre Gefährten sich einer Festnahme womöglich durch gemeinsamen Selbstmord entziehen könnten. Gleichwohl habe sie im Verlauf der nächsten zwei Jahre gedacht, "dass nichts weiter passiert sei". Warum eigentlich?

Frage nach den Geheimdiensten bleibt außen vor

Auf den Fotos, die auf Antrag des Nebenklage-Vertreters Eberhard Reinecke am Mittwoch an die Wand des Gerichtssaals geworfen wurden, ist von einer Angst, entdeckt zu werden, nichts zu sehen. Im Gegenteil: Böhnhardt, Zschäpe, Mundlos und Holger G. bewegten sich offensichtlich gelöst und entspannt in ihrem Camping-Urlaubsparadies und genossen das enge Zusammensein.

Auch solche Momente tragen zu dem Eindruck von Absurdität bei, die diesem Prozess zunehmend anhaftet. Alle Bemühungen des Senats mit dem Vorsitzenden Manfred Götzl dahinterzukommen, wie drei Personen - umgeben von Unterstützern und teilweise wohl auch Mitwissern, gleichsam unter den Augen des Verfassungsschutzes - über Jahre hinweg morden, Bombenanschläge und Raubüberfälle verüben konnten, werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Die Rolle der Geheimdienste wird in diesem Prozess auch in den kommenden Monaten nicht zufriedenstellend geklärt werden. Sie ist für die Frage, wie Zschäpe und die vier Mitangeklagten zu bestrafen seien, unerheblich. Der Senat wird nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen.

Was ist vom weiteren Verlauf des Prozesses zu erwarten, der bald eine Sommerpause einlegen wird?

In manchen Punkten wohl nicht sehr viel:

  • Die wahren Gründe für den mysteriösen Anschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn werden voraussichtlich ebenso im Dunkeln bleiben. Fragen der Opfer, warum ausgerechnet ihr Angehöriger Opfer des NSU wurde, ignoriert Zschäpe hartnäckig.
  • Wie die Auswahl der Opfer und der Tatorte zustande kam, wird vermutlich nie geklärt werden.
  • Gleiches gilt für ein mutmaßliches Netzwerk von Mitwissern.

Und wird es je eine Antwort auf die Frage geben, wie Mundlos am 4. November 2011 in Eisenach erst Böhnhardt und dann sich selbst in einem Wohnmobil töten, gleichzeitig durch die Decke schießen und einen Brand legen konnte? Ausgerechnet Zschäpe und Wohlleben aber bestätigen die (recht unwahrscheinliche) Vermutung der Anklage.

Antwortet Zschäpe dem Sachverständigen?

Zugleich zeichnet sich eine Urteilsfindung des Senats ab: Er hat in letzter Zeit deutlich erkennen lassen, dass er dem geständigen und offensichtlich reuigen Mitangeklagten Carsten S. Glauben schenkt, der im Auftrag des weiteren Mitangeklagten Ralf Wohlleben die Tatwaffe Ceska 83 besorgt haben soll. Dies lässt darauf schließen, dass die Bemühungen der Wohlleben-Verteidiger, ihren Mandanten vor einer hohen Haftstrafe zu bewahren, kaum Erfolg haben dürften.

Auch Holger G. wird es wohl nicht mehr gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Der Angeklagte André E., der auf freiem Fuß ist wie Holger G., schweigt als Einziger beharrlich weiter. Ob die Strategie für ihn von Vorteil sein wird, ist zu bezweifeln: Zschäpe hat ihn belastet, indem sie eine Reihe von Unterstützungshandlungen durch ihn und seine Frau beschrieb, die Rückschlüsse auf Kenntnisse von den Straftaten des NSU nahelegten.

Nach der Sommerpause, so kündigte es Zschäpes Vertrauensanwalt Mathias Grasel an, sei mit einer Antwort auf die Frage zu rechnen, ob Zschäpe zu weiteren Auskünften bereit sein werde, die die Nebenkläger von ihr fordern, und gegebenenfalls zu welchen. Über den Zeitpunkt herrscht nach wie vor Unklarheit. In der kommenden Woche soll zumindest bekannt gegeben werden, ob und gegebenenfalls wann die Angeklagte sich zu Fragen des psychiatrischen Sachverständigen Henning Saß bezüglich ihres Alkoholkonsums zu äußern gedenkt.


Zusammengefasst: Im NSU-Prozess wurden Fotos gezeigt, die Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und den Mitangeklagten Holger G. bei einem offenbar entspannten Campingurlaub im Jahr 2006 zeigen. Dabei hatte Holger G. ausgesagt, er habe zu den Dreien seit 2004 kaum noch Kontakt gehabt. Und Zschäpe hatte erklärt, sie habe Böhnhardt und Mundlos schon 2004 nicht mehr vertraut.

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