NSU-Prozess Freundliche Gäste für eine Nacht

Schon in den Neunzigerjahren soll Uwe Mundlos propagiert haben, man müsse die Gesellschaft gewaltsam verändern. Eine Frau aus der rechten Szene, deren Ex-Mann dies einst aussagte, konnte oder wollte jetzt im NSU-Prozess nur Positives über den mutmaßlichen Terroristen berichten.

Uwe Mundlos im Jahr 1996: "Politisches Geschwafel"
apabiz e.V.

Uwe Mundlos im Jahr 1996: "Politisches Geschwafel"

Von , München


Wenn es mal wieder ein Konzert der rechtsextremen Szene gab, kamen die meisten, um ihre ganz spezielle Art von Spaß auszuleben: Trinken, grölen, und wenn sich die Leute ausreichend Alkohol eingeflößt hatten, kam Gewalt hinzu: "Dann wurde auch ordentlich reingehauen." So sagte es am Donnerstag Katrin D. als Zeugin im NSU-Prozess, als sie über die Neunzigerjahre in Chemnitz und Umgebung berichtete.

Nicht alle sahen diese Treffen als reine Spaßveranstaltung, Uwe Mundlos jedenfalls nicht - das geht aus einer Vernehmung des früheren Ehemannes von Katrin D. beim Bundeskriminalamt (BKA) hervor, die an diesem Donnerstag im Münchner Oberlandesgericht in Teilen zitiert wurde.

Demnach sagte Rocco E. am 1. August 2012 gegenüber BKA-Beamten, dass er einst bei einem Konzert aus Neugierde zu einer Gruppe um Mundlos gegangen sei, der in dem Moment "politisches Geschwafel" von sich gegeben habe. Die Konzerte seien nicht zum Spaß da, "sondern um gleichgesinnte Kameraden zu organisieren", sagte Mundlos demnach und skizzierte anschließend seine Linie: Man müsse "härter gegen Juden vorgehen, die haben in unserer Gesellschaft nichts zu suchen".

Der 200. Verhandlungstag im NSU-Prozess lieferte damit ein paar weitere Mosaiksteine zu einem Bild von den mutmaßlichen Rechtsterroristen Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, das sich schon seit Längerem abzeichnet: Mundlos, Sohn eines Informatikprofessors, gilt gemeinhin als der intellektuelle und ideologische Kopf des Trios.

Gespräche über "Getränke und Speisekarten"

Die von Rocco E. beschriebene Szene macht deutlich, dass Mundlos offenbar schon damals vor dem Abtauchen in den Untergrund in anderen Sphären unterwegs war als viele seiner Gesinnungsgenossen: Mögen die sich trinkend und prügelnd auf Konzerten rumtreiben, er dachte längst an Wichtigeres.

Auch dass die krude und krankhafte Ideologie von Mundlos und seinen Weggefährten offenbar zunächst antisemitisch ausgerichtet war, passt zur späteren Geschichte von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos: Die Anklage geht unter anderem davon aus, dass die Drei gemeinsam Mitte April 1996 einen Puppentorso an einer Autobahnbrücke nahe Jena aufhängten, der eine Schlinge um den Hals trug und mit einem Davidstern sowie der Aufschrift "Jude" versehen war. Im November 1996 provozierten Mundlos und Böhnhardt, indem sie bei einem Besuch der Gedenkstätte des früheren Konzentrationslagers Buchenwald in Kleidung aufmarschierten, die an die Uniform der SA erinnerte, einer paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP.

Katrin D. lernte Mundlos und Zschäpe kennen, als einmal ein Freund eine Übernachtungsmöglichkeit für Bekannte suchte. Als "freundlich und zuvorkommend" hat die 46-Jährige die beiden in Erinnerung, die eine Nacht bei ihr geschlafen hätten. Sie selbst habe damals "ja nur ziemliche Prolls" gekannt - Mundlos und Zschäpe dagegen seien "halt höflich" gewesen.

Dass ihr Ex-Mann beim BKA zu Protokoll gab, Mundlos habe eine "extrem nationalistische Einstellung" gehabt, sich "sehr arisch" gefühlt und Gewalt mit Waffen und Sprengstoff als "legitimes Mittel" betrachtet, kann sie nicht bestätigen: Über solche Themen habe sie ohnehin nicht geredet, sagte Katrin D. Sie habe mit Mundlos eher über "Getränke und Speisekarten" gesprochen, fügte die Frau, die im Catering tätig ist, hinzu.

Nebenklage wirft Bundesanwaltschaft Blockadehaltung vor

Der Auftritt der Frau, die nach eigenen Angaben auch heute noch zur Skinheadszene gehört, war streckenweise eine Zumutung. "Häh?" oder "hmm?" entgegnete sie auf Fragen, die ihr nicht klar waren. "Wie gesagt", leitete sie viele ihrer Ausführungen ein, die meist inhaltlich im Vagen und Belanglosen blieben.

Sie kenne praktisch jeden in Chemnitz, sagte sie. Bei der Befragung durch Vertreter der Nebenklage wurde deutlich, dass dazu eben auch Personen gehören, die dem einstigen Unterstützerkreis des Trios zugeordnet werden - dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nach ihrem Untertauchen zunächst in Chemnitz Unterschlupf fanden, habe sie aber nicht mitbekommen. Auch habe sie mit diesen Leuten nicht über das Trio gesprochen.

Eher beiläufig sagte Katrin D. später, dass sie sich bis heute nicht vorstellen könne, dass die mutmaßlichen Terroristen mordend durch Deutschland gezogen sind: "Das glaube ich nicht."

Eine Gruppe von Opferanwälten nutzte den 200. Verhandlungstag, um der Bundesanwaltschaft eine Blockadehaltung bei der Aufklärung der NSU-Mordserie vorzuwerfen. Die Bundesanwaltschaft halte "systematisch Akten und Erkenntnisse zurück", hieß es in einer Erklärung von 22 Anwälten. Die Bundesanwaltschaft wies die Vorwürfe zurück.

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