Gutachter Saß im NSU-Prozess Die andere Frau Zschäpe

Ist Beate Zschäpe voll schuldfähig und gefährlich? Trotz anderer Gutachten bleibt der vom Gericht bestellte Psychiater Henning Saß bei seiner Einschätzung: Die Angeklagte ist nicht die Frau, die sie vorgibt zu sein.

Beate Zschäpe (Archiv)
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Beate Zschäpe (Archiv)

Von , München


Für Henning Saß ist der Fall Beate Zschäpe klar: Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess ist voll schuldfähig, weiterhin gefährlich und eine Unterbringung in der Sicherungsverwahrung kommt durchaus infrage.

Saß ist der vom Gericht bestellte Gutachter. Sollte der Senat seiner Einschätzung folgen, droht Zschäpe die Höchststrafe. Entsprechend große Diskussionen löste das Gutachten unter den Prozessbeteiligten aus.

Zschäpes Verteidiger, im Verlauf des Verfahrens in zwei Lager gespalten, hatten jeweils einen eigenen Gutachter beauftragt. Zum einen Professor Joachim Bauer, der Zschäpe wegen einer Persönlichkeitsstörung für vermindert schuldfähig hält, man könnte sogar sagen: für unschuldig. Sein Auftritt in der Hauptverhandlung und sein Verhalten im Anschluss waren denkwürdig.

Zum anderen setzte sich Professor Pedro Faustmann intensiv mit dem Saß-Gutachten auseinander. Er untersuchte im Auftrag von Zschäpes Verteidigern Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer, inwieweit Saß wissenschaftlich einwandfrei gearbeitet hat und kritisierte dessen Vorgehensweise.

An diesem 366. Verhandlungstag soll nun wiederum Saß Stellung zu beiden Expertisen nehmen. Zschäpes Altverteidiger versuchen, dies zu verhindern: Saß habe mit seinen Ausführungen zu Faustmann und Bauer den vom Gericht erteilten Gutachtenauftrag "in weiten Teilen überschritten", trägt Anwalt Heer vor, ja, er habe sich gar "meilenweit von seiner Aufgabe entfernt". Der Senat lehnt die Anträge ab.

Henning Saß im NSU-Prozess (Archiv)
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Henning Saß im NSU-Prozess (Archiv)

So beginnt Saß erst kurz vor Mittag mit der Erstattung seines ergänzenden Gutachtens. Seine Erklärung hat er auf 26 Seiten in insgesamt 42 Punkte gepackt, besonnen trägt er sie vor: die Verteidigung eines Gutachtens, das auf dem Kanon der forensisch-psychiatrischen Methoden beruht, wie sie in Lehr- und Handbüchern, in wissenschaftlichen Publikationen sowie in den Mindestanforderungen für Schuldfähigkeits- und Prognosegutachten dargelegt sind, wie er sagt.

Er habe bei der Frage einer psychischen Erkrankung im engeren Sinne und der Persönlichkeitsbeurteilung den klinisch-idiographischen Ansatz gewählt: die systematisierte Anwendung einer Erfahrungswissenschaft vor dem Hintergrund des allgemeinen psychiatrischen und des speziellen forensischen-psychiatrischen Wissenstandes. Seine Aussagen würden auf subjektiven Eindrücken und persönlichen Bewertungen beruhen, aber auch auf einer Fülle von ausgewerteten Materialien und Informationen. Worte, die an Professor Faustmann gerichtet sind.

Dann wendet sich Saß an Professor Bauer, der als einziger Sachverständiger 16 Stunden lang mit Zschäpe sprach: Ihre Aussagen kann Saß, dem sie sich verweigerte, nun in sein Gutachten miteinfließen lassen - gerade bei der zentralen Frage, inwieweit es sich bei Beate Zschäpe um eine "schwache, instabile, abhängige Persönlichkeit" handeln könnte. Eine Charakterisierung, die sich Zschäpe wohl gern selbst zuschreiben würde und die Bauer übernommen hat - für die Saß aber keinerlei Ansatzpunkte sieht.

Bauers Vorgehen sei "nicht gestützt auf die speziellen Kenntnisse und Erfahrungen in der forensischen Psychiatrie", so Saß. Zudem fehle "die Berücksichtigung der einschlägigen forensischen Literatur in unserem Sprachraum sowie der Mindestanforderungen für Begutachtungen".

Joachim Bauer (Archiv)
REUTERS

Joachim Bauer (Archiv)

Selbst wenn Zschäpes Angaben - Uwe Böhnhardt habe sie körperlich misshandelt - zuträfen, seien diese kein Beleg für eine dependente Persönlichkeitsstörung, sagt Saß. Bei solch einer Bewertung müssten auch Zschäpes "gute soziale Kompetenzen und manipulative Fähigkeiten" berücksichtigt werden.

Eine "schwere andere seelische Abartigkeit gemäß den Schuldfähigkeitsparagraphen" hat Bauer laut Saß nicht plausibel gemacht. Zudem fehle eine differenzierte Begründung für eine deutliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit für alle vorgeworfenen Taten, die sich über einen Zeitraum von vielen Jahren ereignet haben.

Zschäpes Biografie aus Bauers Sicht widerspreche den Angaben ihrer Mutter, die Beate Zschäpe als aufgeschlossenes, liebes Mädchen, als gute Schülerin und bei Freundinnen stets beliebt beschrieben hatte. Saß erinnert in seinem Vortrag noch einmal an Zschäpes Selbstbewusstsein, ihren starken Willen und ihre Durchsetzungsfähigkeit - als Kind, aber auch als Angeklagte im Prozess und als Inhaftierte, die einem ebenfalls inhaftierten Neonazi Briefe schreibt. Saß sieht keinerlei Belege dafür, dass es sich bei Zschäpe um eine "labile, selbstunsichere, willensschwache, in Entschlussbildung und Handlungssteuerung unsichere Persönlichkeit" handelt.

Saß betont auch noch einmal Zschäpes innige Beziehung zur Großmutter, die lebenslang Bestand hatte; eine Art Mutterersatz, die in Bauers Gutachten bezüglich eines gestörten Bindungsverhaltens keine Erwähnung findet. Ebenso wenig wie Zschäpes Betreuung in Kinderkrippe und Kindergarten, die "angesichts der damals geläufigen Lebensformen in der DDR" für eine dauerhafte, positiv erlebte Beziehung stehe, meint Saß.

Beate Zschäpe liest aufmerksam mit. Ihre Verteidiger Hermann Borchert und Mathias Grasel, die Bauer beauftragt hatten, zeigen keinerlei Regung.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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