NSU-Prozess Die heißen Tipps von "Piatto"

Schon kurz nach dem Abtauchen von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gab V-Mann "Piatto" dem Verfassungsschutz Hinweise auf eine geplante Bewaffnung des Trios. Warum wurden die Tipps nicht entschlossen verfolgt?

Ehemaliger V-Mann "Piatto" (Archiv): Im Zeugenschutzprogramm
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Ehemaliger V-Mann "Piatto" (Archiv): Im Zeugenschutzprogramm

Von , München


Carsten Sz. muss bis zu seiner Enttarnung ein V-Mann gewesen sein, wie ihn sich Verfassungsschützer wünschen: ein Mann mit hochwertigen Informationen, noch dazu angenehm im Umgang. Man habe Carsten Sz. alias "Piatto" die Informationen "nicht langwierig aus der Nase ziehen" müssen, sagte Gordian Meyer-Plath nun als Zeuge im NSU-Prozess. "Piatto" sei immer "sehr gut vorbereitet" gewesen.

Meyer-Plath, inzwischen Präsident des sächsischen Verfassungsschutzes, war Ende der Neunzigerjahre für den brandenburgischen Verfassungsschutz tätig und dabei auch an der Führung von Carsten Sz. als V-Mann beteiligt.

"Piatto", ein früherer Neonazi, war 1995 wegen Mordversuchs an einem nigerianischen Asylbewerber zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er kam schließlich in den offenen Vollzug. Seine Erkenntnisse über die rechtsextreme Szene seien von einer "sehr hohen Qualität" gewesen, sagte Meyer-Plath. Zudem seien sie aus einem "exklusiven Bereich" gekommen.

Die Brandenburger Verfassungsschützer waren deshalb sehr aufmerksam, als "Piatto" in der Zeit von August bis Oktober 1998 gleich fünfmal über drei untergetauchte Personen berichtete, von denen die Brandenburger bis zu diesem Zeitpunkt nichts wussten. "Piatto" lieferte detaillierte Angaben: Die drei - er sprach zunächst von "sächsischen Skinheads" - seien im Untergrund, um sich der Strafverfolgung zu entziehen, berichtete er. Und: Sie wollten sich offenbar mit geliehenen Pässen nach Südafrika absetzen. In einer zweiten Meldung im September 1998 berichtete "Piatto" laut Meyer-Plath, die Flucht ins Ausland solle durch Banküberfälle finanziert werden. Führende Mitglieder des Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" aus Chemnitz wollten demnach für die Untergetauchten Papiere und Waffen besorgen.

"Bleib dran"

Die Informationen von "Piatto" waren damals Anlass für ein Treffen von Mitarbeitern der Landesverfassungsschutzämter Brandenburgs, Sachsens und Thüringens, wie Meyer-Plath sagt. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz sei informiert worden. Der Auftrag aus Brandenburg an "Piatto" sei damals klar gewesen: "Bleib dran und versuch, möglichst viel darüber herauszukriegen."

Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, denen unter anderem zehn Morde und mehrere Banküberfälle zur Last gelegt werden, waren am 26. Januar 1998 untergetaucht, nachdem ihre Bombenwerkstatt im thüringischen Jena aufgeflogen war. Sie blieben jahrelang unentdeckt. Durch die Meldungen von "Piatto" lagen allerdings bereits kurz nach dem Untertauchen gleich mehreren Verfassungsschutzbehörden wichtige Hinweise vor.

"Piattos" Meldungen trafen zwar nicht in sämtlichen Punkten zu: Bei dem Trio handelte es sich nicht um sächsische Skinheads, sondern um Neonazis aus Thüringen. Dennoch hätten die Hinweise möglicherweise früher dazu beitragen können, den Untergetauchten auf die Spur zu kommen, wenn man ihnen konsequent und entschlossen nachgegangen wäre.

Daran bestand aber offenbar zunächst kein allzu großes Interesse, man wollte vor allem auch die Quelle "Piatto" schützen: Das Brandenburger Innenministerium erklärte sich damals "grundsätzlich nicht bereit, die Quellenmeldung als solches für die Polizei freizugeben". So steht es laut dem Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags in einem Vermerk vom 17. September 1998. Der Thüringer Verfassungsschutz wurde angewiesen, das LKA Thüringen "ohne Nennung der Herkunft der Information" in Kenntnis zu setzen.

Im Untersuchungsausschuss des Bundestags konnte sich ein früherer V-Mann-Führer aus Thüringen auch nicht mehr daran erinnern, ob er nach den Meldungen über eine mögliche Waffenbeschaffung eigene Quellen zu dem Thema gefragt hatte.

Carsten Sz. wurde 2000 enttarnt. Er befindet sich im Zeugenschutzprogramm und lebt heute an einem geheimen Ort.

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