Zschäpes Alkoholkonsum Am Morgen noch eine Flasche Sekt

In den Stunden bevor sie ihre Wohnung in Zwickau anzündete, will Beate Zschäpe mehrere Flaschen Alkohol getrunken haben. Im NSU-Prozess hat ein Gutachter die wahrscheinlichen Folgen bewertet.

Beate Zschäpe (Archiv)
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Beate Zschäpe (Archiv)

Von , München


Jetzt weiß Beate Zschäpe zumindest eines: Ihre Bemühungen, sich mit einem angeblich zunehmenden Alkoholkonsum vor allem in der Zeit vor dem Auffliegen des NSU am 4. November 2011 zu verteidigen, sind offensichtlich gescheitert.

Die Feststellungen des Münchner Rechtsmediziners Oliver Peschel zum Alkoholisierungsgrad der Hauptangeklagten werden im NSU-Prozess fraglos Eingang in das Urteil finden. Sie sind vor allem für Zschäpes Brandstiftung in der Zwickauer Frühlingsstraße von Bedeutung, die die Angeklagte eingeräumt hat. In dieser Wohnung hatte sie bis zuletzt mit den mutmaßlichen Serienmördern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zusammengelebt.

Durch das Verschütten von Benzin und dessen Entzünden kam es gegen 15 Uhr nicht nur zu einem Feuer; das ganze Haus drohte durch eine Explosion des Gasgemisches einzustürzen. Im Nachbarhaus, das an Zschäpes Wohnung grenzte, befand sich zu jener Zeit eine gebrechliche, gehbehinderte 89 Jahre alte Frau, die dadurch in Lebensgefahr geriet. Nur dank eines Zufalls wurde sie von Verwandten gerettet. Aus eigener Kraft hätte die Frau die Wohnung nicht verlassen können. Laut Anklage nahm Zschäpe damit den Tod der Frau billigend in Kauf.

Ihre Verteidiger ließ die Angeklagte im Prozess vortragen, sie habe, ehe sie Feuer legte, bei der alten Dame geklingelt, um diese zu warnen. Sie habe einige Zeit vergeblich gewartet und sei dann davon ausgegangen, die Greisin befinde sich nicht zu Hause. Sie hätte das Feuer nicht gelegt, wenn sie gewusst hätte, dass die Nachbarin durch den Brand gefährdet würde.

Rechtsmediziner Peschel legte dem Gericht nun differenzierte, zum Teil auch "theoretische" Berechnungen mit Minimal- und Maximalwerten vor, abhängig von vielerlei Faktoren. Denn Zschäpe hatte behauptet, tags zuvor von Mittag an bis Mitternacht drei Flaschen Sekt getrunken zu haben. Bei einem Gewicht von 58 Kilo hätte das "nicht ausschließbar" eine Blutalkoholkonzentration von 4,3 Promille bedeutet, so Peschel. Wahrscheinlicher jedoch sei ein Wert von 3,17 Promille gewesen. Bei einem hohen stündlichen Abbau hätte Zschäpe gegen Mitternacht aber auch nur 1,94 Promille Alkohol im Blut haben können.

Sie wirkte erschrocken, aber gefasst und ruhig

Am nächsten Tag will die Angeklagte von zehn Uhr morgens an - ohne gefrühstückt zu haben - bis etwa 15 Uhr eine weitere Flasche Sekt konsumiert haben. Allerdings, so ließ sie von ihren Anwälten selbst vortragen, habe sie keine Ausfallerscheinungen gehabt. Das deckt sich mit Beobachtungen von Zeugen, die ihr auf der Straße begegneten, nachdem sie mit zwei Katzen sowie zwei Flaschen Sekt das Haus raschen Schrittes verlassen und einer Passantin den Korb mit den Tieren in die Hand gedrückt hatte. Zschäpe habe zwar erschrocken gewirkt, aber gefasst und ruhig; sie sei nicht in Panik gewesen, habe auch nicht geweint oder getrauert. Peschel erwähnte in diesem Zusammenhang Zschäpes "sehr differenzierte Erinnerungen und Handlungsweisen" zu einer Zeit, in der sie wohl emotional ziemlich aufgewühlt gewesen sein dürfte.

Ihren eigenen Angaben zufolge will Zschäpe vor allem während der Abwesenheit ihrer Gefährten getrunken haben - und wenn sie wieder einmal von deren Straftaten erfuhr. Sie habe das Trinken vor den beiden Männern verheimlicht, weil diese damit nicht einverstanden gewesen wären. Diese Aussage aber passt nicht zu den Angaben der Angeklagten über ihren Alkoholkonsum unmittelbar vor dem Ende des NSU. Am 4. November 2011, so ihre Darstellung, seien die Männer "überfällig" gewesen; sie habe ihre Rückkehr schon früher erwartet. Und trotzdem will sie so reichlich getrunken haben?

Nach den Berechnungen Peschels könnte Zschäpe an jenem Tag zur Zeit der Brandlegung gegen 15 Uhr wahrscheinlich 2,58 Promille, mindestens 0,38 Promille und maximal 4,76 Promille im Blut gehabt haben. Sollte sie nicht 58, sondern 63 Kilogramm gewogen haben, wäre ein wahrscheinlicher Wert von 2,04, mindestens von 0,13 und maximal von 4,17 Promille anzusetzen.

Peschel sagte abschließend: "Bei Frau Zschäpe lagen keine relevanten Einschränkungen der psychischen und kognitiven Leistungsfähigkeit durch Alkohol vor." Fragen zu dieser Feststellung hatte keiner der Prozessbeteiligten. Damit kann Zschäpe kaum darauf hoffen, dass ihr der Senat verminderte Schuldfähigkeit zubilligen wird.

Richter Götzl verschärft das Tempo

Der Senatsvorsitzende Manfred Götzl verschärft unterdessen das Tempo, um den Prozess voranzutreiben. Falls noch weitere Beweiserhebungen gewünscht würden, so Götzl, sollte dies zeitnah mitgeteilt werden.

Der psychiatrische Sachverständige Henning Saß erklärte sich auf Nachfrage Götzls bereit, bis Mitte Oktober ein vorläufiges schriftliches Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit und des Alkoholkonsums Zschäpes schriftlich vorzulegen - Voraussetzung dafür, dass Zschäpe sich noch zu weiteren Fragen von Saß und von Opferanwälten erklärt, die sich der Senat mittlerweile zu eigen gemacht hat. Ob Zschäpe über ihre Vertrauensanwälte noch Beweiserhebungen wünsche, werde nächste Woche mitgeteilt, sagte ihr Verteidiger Mathias Grasel.

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