Carsten S. im NSU-Prozess "Da fühlte ich mich stark"

Carsten S. ist der erste Angeklagte, der im NSU-Prozess befragt wird. Der 33-Jährige soll die Mordwaffe besorgt haben. Wenn er von seiner Zeit in der rechtsextremen Szene spricht, fällt ihm die Erinnerung schwer. Zu weit hat er sich von seinem damaligen Leben entfernt.
Carsten S.: "Nun war ich voll bei der Sache"

Carsten S.: "Nun war ich voll bei der Sache"

Foto: MICHAEL DALDER/ REUTERS

Einmal, so um 1997, habe er sturmfreie Bude gehabt, sagt Carsten S. Seine Eltern seien nicht zu Hause gewesen. Da seien einige Leute aus der rechten Szene, darunter die beiden Uwes, vorbeigekommen. "Ich weiß noch, wie ich denen Plastiktüten gab zum Drüberziehen über die Stiefel. Bei uns zu Hause werden nämlich die Schuhe ausgezogen. Das ist bei Schnürstiefeln ja mühsam."

Die Männer, die Tüten über ihre Springerstiefel mit Stahlkappen zogen, brachten ein paar Jahre später vermutlich zehn Menschen um. Denn an diesem Mittwoch beschreibt der Angeklagte Carsten S., wie er Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kennenlernte. Er ist der Erste, der im NSU-Prozess aussagt.

S., mit 33 der jüngste der Angeklagten, hat sich aus der rechten Szene weit entfernt. Wenn er über sein Leben in den Jahren 1996 bis 2000 spricht, wirkt es, als berichte er über eine Person, mit der er nichts mehr zu tun haben will. Er spricht über einen ihm Fremden.

Pubertäre Aktionen, dann erster Übergriff

Im Lauf der Vernehmung durch den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl entsteht ein Bild, das zum Anklagevorwurf nur schwer passt. S. ist zwar derjenige, der die Ceska 83 besorgt haben soll, mit der vermutlich Böhnhardt und Mundlos neun Menschen in den Kopf schossen. Doch offensichtlich war er nie wirklich einer von jenen, die - zerfressen vom Hass auf Ausländer und alles Nicht-Deutsche - schwerste Verbrechen begingen.

Irgendwann muss es eine Zäsur gegeben haben. Denn anfangs machte er noch mit bei pubertären Krawallmachereien, bei Blödeleien unter Alkoholeinfluss: Scheiben einwerfen, Feuerlöscher leerspritzen, Dönerstände umwerfen. Dann aber ein erster Übergriff. Ein Kumpel, so berichtet S., sei gekommen und habe erzählt, man habe ihn gerade als "Nazi" beschimpft. Daraufhin sei man losgezogen und habe zwei Leute zusammengeschlagen. Er habe auch auf einen am Boden Liegenden getreten. Ein-, zweimal. Am nächsten Tag habe in der Zeitung etwas von zwei Schwerverletzten gestanden. Man habe ein Feindbild gehabt, gibt er zu.

S. beschreibt, wie der ebenfalls wegen Beihilfe angeklagte Ralf Wohlleben, damals ein NPD-Funktionär, ihn ansprach: Er solle mit dem in der Illegalität lebenden Trio Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe telefonisch Kontakt halten. S. werde von der Polizei nicht überwacht. "Ich wurde gefragt, ob ich nicht helfen könne." Anderen helfen - dafür war S. offenbar immer zu haben. Er, der vermutlich selbst sehr hilfsbedürftig war.

"Wo war denn die Grenze?"

S. wusste, wie er sagt, offenbar nicht viel von den dreien. Außer dass sie untergetaucht oder "abgehauen" waren, weil Böhnhardt nicht in den Knast wollte. Die rechte Szene zog ihn an, weil es attraktive Männer gab. Weil er, inzwischen mit den entsprechenden Klamotten ausgestattet, plötzlich von Leuten gegrüßt wurde, von denen er sich früher gemobbt fühlte. "Da fühlte ich mich stark."

Götzl lässt S. Zeit. S. bemüht sich. Formulierungen wie "denk ich mal", "muss wohl so gewesen sein" fallen in fast jedem Satz. Bisweilen fängt er leicht zu stottern an. Götzl verlangt stringente Antworten. Will es genauer wissen. Warum wurde S. ausgewählt, den dreien zu helfen, wenn er die angeblich kaum gekannt haben will? Weil er wohl als vertrauenswürdig galt, sagt S. "Ja, wenn Sie als vertrauenswürdig galten, dann muss doch ein engeres Verhältnis bestanden haben", folgert Götzl.

War das Verhältnis zur Szene nicht doch viel enger, als S. heute wahrhaben will? "Ich stelle Ihnen jetzt mal eine hypothetische Frage, um Ihnen die Problematik klarzumachen: Wo war denn die Grenze, was man Ihnen abverlangen konnte? Sie werden aufgefordert, eine Straftat zu begehen, mit der ein Risiko verbunden ist. Haben Sie nicht nachgefragt, wozu Sie dies machen sollten?" S. hat "keine Ahnung". Nicht, dass ich wüsste. Ich habe keine Erinnerung im Kopf. So denk ich mir das jetzt mal. Ich kann das nicht mehr im Kopf herstellen. Götzl ist nicht zufrieden.

Präzise Fragen, holprige Antworten

Der Vorsitzende drängt, treibt S. vor sich her. Lässt ihn wieder los, gibt ihm Zeit zum Nachdenken. Am Vortag hatte S. noch ein Konzept vor sich liegen, an das er sich halten konnte, als er über sein Leben erzählte. Da antwortete er auch noch in ganzen Sätzen. Heute exerziert der Vorsitzende die hohe Schule der forensischen Befragung. Die Antworten werden holpriger, zäher. Götzls Fragen sind nicht unerwartet, aber in ihrer Präzision unangenehm. Immer öfter bestreitet S. mit Nicht-Wissen. Er ist kein unsympathischer Typ, eher eine tragische Figur. Aber er ist eben nicht ohne Grund auch Angeklagter.

Geboren ist er in Neu Delhi, weil der Vater damals Außenhandelsvertreter bei Zeiss war. Die Mutter mit Psychosen beschwert. Die Familie kehrte nach Jena zurück. Eine rigide Erziehung: Wenn ihr Kinder nicht artig seid, wird die Mutter wieder krank, hieß es. Eine ältere Schwester, die sich nicht wohl fühlt daheim. Das erste Interesse für Jungen mit 13. S., ein Kind, das bald merkte, irgendwie anders zu sein, das kaum Anerkennung und Unterstützung erfuhr. Dann erste Kontakte mit der rechten Szene, wo andere Jungen waren, die ihn interessierten.

"Du bist nichts, Deutschland ist alles"

Er begibt sich auf die Suche nach sich selbst, beginnt für drei Monate eine Konditorlehre, wechselt dann zum Kfz-Lackierer-Handwerk und schließt die Ausbildung ab. Nach diesen Irrwegen Fachabitur, Studium der Sozialpädagogik. "Nun war ich voll bei der Sache", sagt er. Seine ältere Schwester war die Erste, der gegenüber er sich outete. Lange habe es gedauert, bis er sich selbst gegenüber zugab, homosexuell zu sein. Bis er sich eine eigene Meinung zutraute. Bis er wagte, sich zu widersetzen. Bis er die Scham überwand. Bis er Gefallen fand an der Musik der Rechten. Und den Texten.

S. spricht immer wieder von der Szene. Meint er die rechte? Oder die homosexuelle? Beides erscheint untrennbar verwoben. Der Ausstieg aus der rechten Szene hieß für ihn, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin schwul. Das habe er lange nicht gekonnt. Er ist intelligent, reflektiert. Und belastet.

Götzl fragt die problematische Beziehung zum Vater heraus, der auf dem Standpunkt war: So etwas macht man nicht. Er fragt nach der rechten Szene, die dem ängstlichen, selbstunsicheren Einzelgänger einerseits Gemeinschaft bot, ihm andererseits aber doch eher ein von einer Männergesellschaft geprägter Zufluchtsort war.

Bei der NPD bekam er sofort Spitzenposten angeboten. Wie passte S. dort hin? Außerhalb dieser Szene hatte er keine Freunde, eine Schwulenszene gab es damals im Osten noch nicht. Er habe die Füße stillgehalten, sagt S. Und dann: "Ich merkte, dass es nicht auf die Person ankam, sondern auf das, was man tat. Du bist nichts, Deutschland ist alles!"

"War der Schalldämpfer aufgeschraubt?"

Immer wieder geht es um die Ceska. "Was haben Sie gedacht, als Sie die Waffe übergaben? Das war doch keine Augenblicksgeschichte! Sie bekamen von Wohlleben den Auftrag, eine zu besorgen. Sie haben sie besorgt, eine gefährliche Waffe mit Munition und Schalldämpfer! Sie haben sie nach Chemnitz gebracht. Sie haben sich mit den dreien getroffen und sie in einem Abbruchhaus übergeben! Das war eine ganze Reihe von Schritten" sagt Götzl. Mit anderen Worten: So etwas vergisst man doch nicht.

S. flüchtet sich wieder ins Unkonkrete: Er erinnere sich, dass in dem Abbruchhaus ein Mann aufgetaucht sei, um sie zu verscheuchen, und dass einer der Uwes die Waffe hinter seinem Rücken versteckt habe. "War der Schalldämpfer aufgeschraubt?" "Ich habe keine Bilder dazu", antwortet S. dem Vorsitzenden.

Mauert er? Weiß er nicht mehr weiter? Will er nicht an die Person heran, die er auch ist - oder war? Es ist inzwischen Nachmittag. S. wirkt erschöpft.

Götzl macht 20 Minuten Pause. Danach bittet Johannes Pausch, einer der beiden Verteidiger von S., die Vernehmung für heute abzubrechen. Der Mandant sei am Ende. Unverständlich, dass die intensive Auseinandersetzung des Gerichts mit diesem Angeklagten nicht in Anwesenheit von Professor Norbert Leygraf stattgefunden hat, der S. begutachtet hat, ob dieser nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu beurteilen sei.

Der unmittelbare Eindruck von S.s Aussageverhalten vor Gericht ist dem Gutachter nun entgangen, selbst eine nachträgliche Information kann diesen Mangel nicht aufwiegen. Eine solche Situation hätte nicht entstehen dürfen.

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