Erfundenes Opfer im NSU-Prozess Nebenklage-Anwalt soll 200.000 Euro zurückzahlen

Der Anwalt Ralph Willms vertrat im NSU-Prozess ein Opfer, das es gar nicht gibt. Dafür kassierte er Sitzungsgelder und ließ sich Fahrtkosten erstatten. Nun hat er die Rechnung dafür erhalten.

Nebenkläger im NSU-Prozess
Joerg Koch/Getty Images

Nebenkläger im NSU-Prozess


Er kassierte Reisekosten und Vorschüsse für Sitzungsgebühren vom Staat: Rechtsanwalt Ralph Willms vertrat im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG) zweieinhalb Jahre lang Meral Keskin, die beim Anschlag vor einem Friseursalon in der Kölner Keupstraße 2004 verletzt worden sein soll. Im Oktober 2015 wurde bekannt: Die Frau existiert gar nicht.

Die Richter des Münchner Senats wollen deshalb von dem Anwalt nun Geld zurück. Die am Oberlandesgericht Bamberg angesiedelte Justizkasse Bayerns soll in dem Fall genau 211.252,54 Euro für die Kollegen in der Landeshauptstadt eintreiben, bestätigte ein Gerichtssprecher Informationen der "Süddeutschen Zeitung".

Die Rechnung sei Ende Oktober verschickt worden, sagte der Sprecher. Um zu zahlen, hätten die Schuldner in der Regel einen Monat Zeit. Sollte Willms die Rechnung nicht begleichen, könnte es zu einem Mahn- und später einem Inkassoverfahren kommen. Eine entsprechende rechtskräftige Forderung liege nun vor.

Willms will indirekt mit Mandantin kommuniziert haben

Willms Anwalt Peter Nickel hat nun die Aussetzung der Zahlung beantragt. Ein formelles Rechtsmittel gibt es zwar nicht mehr, aber er wolle noch eine formlose Gegenvorstellung halten - damit der Senat den Bescheid womöglich doch noch abändert oder um später Verfassungsbeschwerde einlegen zu können.

Willms, so ließ er es erneut über Anwalt Nickel mitteilen, habe nicht gewusst, dass Meral Keskin nicht existiert. Er habe angegeben, mit seiner Mandantin immer nur über den inzwischen gestorbenen weiteren Nebenkläger Attila Ö. kommuniziert zu haben. Ihm sei auch mal eine Frau vorgestellt worden, die sich später als Ö.s Mutter herausstellte.

Ö., so Nickel, habe Keskin erfunden und ihm als Mandantin vermittelt - um dafür Provision zu kassieren. Im Prozess hatten beide Nebenkläger ein wortgleiches ärztliches Attest eingereicht.

Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelt dennoch wegen Betrugsverdacht gegen den im Rheinland ansässigen Anwalt Willms. In wenigen Wochen soll sich entscheiden, ob Anklage erhoben wird. Die Ermittlungen begannen, nachdem Willms seine Lage Anfang Oktober 2015 öffentlich gemacht hatte.

Zuvor hatte das OLG München Willms eine Frist gesetzt, in der die angebliche Nebenklägerin vor Gericht erscheinen sollte. Für die Abwesenheit seiner Mandantin hatte der Anwalt immer zahlreiche Erklärungen parat - mal sei sie krank gewesen, mal verreist.

Anwalt Nickel beharrt darauf, dass Willms eigentlich das Opfer sei: "Er ist da ja auch zwei Jahre lang hingefahren und hatte ja auch die Auslagen, die er geltend gemacht hat."

Tatsächlich war auch gegen Ö. ermittelt worden. Doch nach seinem Tod stellte die zuständige Anklagebehörde in Köln das Verfahren ein. Bei der Aufklärung dieses Falls wird er nicht mehr helfen können.

apr

insgesamt 36 Beiträge
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meinungsmensch 20.11.2017
1. Ekelhaft
in diesem Kontext Gelder zu erschleichen. Dies sollte zu Berufsverbot führen. Entweder aus moralischer Verwerflichkeit oder Unfähigkeit.
Beccaria 20.11.2017
2. Keine Prüfung gem Prozesskostenhilfegesetz ?
Ich verstehe nicht warum bei der Überprüfung der Mandantin das Gericht deren finanzielle Situation nicht überprüft hat, dann wäre der Fall schnell gelöst gewesen
prehn.klaus 20.11.2017
3. Ein seltsamer Anwalt und eine noch seltsamere Justiz...
Ein Jurist, und dazu noch ein Strafverteidiger mit Zulassung, der 1,3-Jahre nicht weiss, nicht merkt, dass es eine Nebenklägerin nicht gibt, diesen Anwalt sollte es tatsächlich nicht geben! Aber das Absahnen von leicht zu erreichenden Geldern zieht sich ja durch alle Schichten der "Besserverdiener",innen, unserer ach so heruntergekommenen Republik! Ein Hoch auf den (D)>> EU Selbstbedienungsladen! Und dennoch, eine Mitschuld tragen die Aufsichtsbehörden und Gerichte, die so etwas erst ermöglichen, und keine expliziten Kontroll+ Warnmechanismen einbauen...
herbert 20.11.2017
4. ist das nicht im Gerichtssaal aufgefallen ?
Wenn ein Anwalt ein Phantom vertritt muss doch jemand danach fragen, ja wo ist es denn ? Verliert der Anwalt nun seine Zulassung ??
moritz27 20.11.2017
5. Kann gar nicht sein.
Ein Opferanwalt ist per se ein guter Mensch und natürliich im Zweifeslfall selbst Opfer. Dann hat er wieder einen Opferanwalt. Wie lautet der alte Witz: Was sind drei Anwälte auf dem Meeresgrund? Ein guter Anfang.
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