Plädoyer im NSU-Prozess Verunsichern, erschüttern, ängstigen

Im NSU-Prozess hat die Bundesanwaltschaft mit ihrem Plädoyer begonnen: Für sie hat die Beweisaufnahme belegt, dass Beate Zschäpe als Mittäterin schuldig ist. Es gehe um die "infamsten Terroranschläge" seit der RAF.

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Von , München


Die Plädoyers im wichtigsten Strafprozess der Nachkriegszeit gegen Rechtsterrorismus beginnen mit Gelächter. Der Senatsvorsitzende Manfred Götzl fragt um 11.53 Uhr, ob weitere Anträge gestellt oder Stellungnahmen abgegeben werden: keine Reaktion.

Zum zweiten Mal schließt er sodann die Beweisaufnahme in dem Mammutverfahren um zehn überwiegend rassistisch motivierte Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle und wendet sich an die Bundesanwaltschaft: "Ich bitte um Ihre Schlussvorträge."

Bundesanwalt Herbert Diemer räuspert sich. "Ich müsste noch meine Notizen holen, die habe ich jetzt oben." Lautes Auflachen in Saal 101 des Münchner Oberlandesgerichts. Auch Götzl muss schmunzeln. Offensichtlich hatten sowohl Diemer als auch Götzl mit einem Befangenheitsgesuch gerechnet, nachdem der Senat die Anträge einiger Verteidiger abgelehnt hatte, das auf 22 Stunden angesetzte Plädoyer der Bundesanwaltschaft aufzuzeichnen.

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Anwälte, Ankläger, Gutachter: Die wichtigsten Personen im NSU-Prozess

Um 12.12 Uhr beginnt Diemer am Stehpult seinen Schlussvortrag. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe setzt ihre Brille auf, stützt ihren Kopf in beide Hände. Der Mitangeklagte André E. gähnt und verschränkt die Arme.

Diemer beginnt mit Grundsätzlichem: Nach 375 Verhandlungstagen, vier Jahren und drei Monaten sei die Hauptverhandlung um die "infamsten Terroranschläge seit den links motivierten Anschlägen der RAF" nun zum Ende gekommen und habe die Anklagevorwürfe gegen Zschäpe und die vier Mitangeklagten in allen Punkten bestätigt.

Blutige Spur: Mutmaßliche NSU-Gewalttaten

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Suizid von Böhnhardt und Mundlos
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Beate Zschäpe sei Mitbegründerin des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) und gemeinsam mit ihren beiden verstorbenen Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Mittäterin der dem NSU vorgeworfenen Taten. Ihr Motiv, so Diemer, ihre "rechtsextremistische Ideologie".

Diemer zählt die Namen der Ermordeten und Schwerverletzten mit ausländischer Herkunft auf, die nach Ansicht der Täter in Deutschland "nichts zu suchen" hatten; die Taten hätten andere, die hier leben, verunsichern, erschüttern, ängstigen sollen.

Oberstaatsanwältin Anette Greger plädiert im Anschluss, sie widmet sich der Vorgeschichte und Gründung des NSU als terroristische Vereinigung und der Rolle Zschäpes. Ihre Worte sind eindeutig, Zschäpe starrt auf die Tischplatte vor sich. Ihr droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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