NSU-Angeklagter Wohlleben "Mal ein Kieferbruch oder so"

Aus Freiheitsdrang habe er als Jugendlicher Autos geklaut, hin und wieder sei er im Krankenhaus gewesen: Ralf Wohlleben hat am Tag nach seiner Erklärung auf erste Fragen des Gerichts geantwortet. Und eine Zeugin berichtete von einem verräterischen Bild.

Ralf Wohlleben (Archivbild): "Niemals" Drogen konsumiert
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Ralf Wohlleben (Archivbild): "Niemals" Drogen konsumiert

Von Wiebke Ramm, München


Die ersten Fragen sind vergleichsweise harmlos, die Richter Manfred Götzl vor dem Oberlandesgericht München dem mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben stellt. Der Richter hakt an diesem Donnerstag, dem ersten Tag nach Wohllebens Aussage, vor allem dessen Daten im Lebenslauf ab. Schulzeit, Schulwechsel, Sitzenbleiben, Ausbildung, Ausbildungsabbruch, Arbeitslosigkeit. Es geht um Wohllebens persönliche Verhältnisse. Fragen zum Tatvorwurf stehen dem 40-Jährigen erst im kommenden Jahr bevor.

Wohlleben ist wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt. Er soll den NSU-Terroristen zusammen mit einem Mitangeklagten die Waffe beschafft haben, mit der Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos neun Männer erschossen. Wohlleben soll laut Anklage darüber hinaus eine "steuernde Zentralfigur" im Hintergrund des NSU gewesen sein. Am Mittwoch hat Wohlleben sein jahrelanges Schweigen im NSU-Prozess gebrochen und die Vorwürfe bestritten.

Götzl fragt Wohlleben an diesem Tag nach seinem Verhältnis zu seinen Eltern. Wohlleben sagt, ihm habe als Jugendlicher missfallen, dass er unter der Woche immer schon früh zu Hause sein musste. Er habe sich "nicht frei genug gefühlt". Daher sei er 1992 zusammen mit Böhnhardt und anderen Jugendlichen von zu Hause weggelaufen. Sie hätten Autos geklaut und seien damit bis nach Österreich gefahren. Etwa vier Tage lang seien sie unterwegs gewesen. Dann habe die Polizei sie wieder nach Hause gebracht.

"Heftiger Ausbruch"

Wohlleben berichtet auf Nachfrage des Gerichts auch, dass er "niemals" Drogen konsumiert habe, nie ernsthaft erkrankt sei. Ob er mal im Krankenhaus war, fragt der Richter. Wohlleben: Ja, "hin und wieder", es sei aber nichts Ernstes gewesen, "mal ein Kieferbruch oder so". Die Umstände, unter denen es zu dem Kieferbruch gekommen ist, erfragt Götzl nicht.

Zuvor hatte eine Beamtin vom Bundeskriminalamt (BKA) von einer Porträtzeichnung berichtet, die ihr im April 2013 im Wohnzimmer der Familie eines anderen Angeklagten, André E., bei einer Durchsuchung aufgefallen war. Die gezeichneten Köpfe kannte sie von Fahndungsfotos. Es waren Mundlos und Böhnhardt, darunter der Schriftzug "Unvergessen" in altdeutscher Schrift.

Das gerahmte Bild hatte bei Familie E. zwei Jahre nach dem Tod von Böhnhardt und Mundlos einen ganz besonderen Platz. Es hing direkt über dem Fernseher. Die Beamtin nahm die Zeichnung ab und wollte sie mitnehmen. André E. sei damit ganz und gar nicht einverstanden gewesen, berichtet die Zeugin. Er habe sich vehement dagegen gewehrt. Es sei ein "heftiger Ausbruch" gewesen, sagt die BKA-Beamtin.

Der 252. Verhandlungstag endet schon am Vormittag. Es ist der letzte Prozesstag in diesem Jahr gewesen. Der NSU-Prozess geht nun in eine gut dreiwöchige Winterpause. Am 12. Januar 2016 wird die Hauptverhandlung fortgesetzt. Es wird dann zunächst mit der Befragung von Wohlleben und Beate Zschäpe weitergehen.

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