Vater von NSU-Opfer im Prozess "Er wollte mir was sagen, aber er konnte nicht"

Mit bewegenden Worten hat der Vater des mutmaßlich von NSU-Terroristen ermordeten Süleyman Tasköprü die letzten Sekunden im Leben des Sohnes beschrieben. Obwohl er zwei Deutsche vom Tatort fliehen sah, ging die Polizei der Spur nicht nach.


München - "Ich habe ihn auf meinen Schoß genommen", sagte der 67-jährige Ali Tasköprü leise vor dem Oberlandesgericht München. "Ich habe ihn so genommen und das Gesicht gestreichelt. Er wollte mir was sagen, aber er konnte nicht."

Der 6. Strafsenat beschäftigt sich seit heute mit dem Mord an dem Hamburger Lebensmittelhändler Süleyman Tasköprü, der am 27. Juni 2001 in der Hansestadt vermutlich von den NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen wurde.

Die Täter hätten ihm das Herz aus dem Leib gerissen, sagte der Vater des Opfers leise auf Türkisch, seine Aussage wurde von einem Dolmetscher übersetzt. Er habe seinen Sohn kurz im Lebensmittelgeschäft allein gelassen, um Oliven zu besorgen. Als er zurückkehrte habe er ihn in einer Blutlache liegen sehen. Die Angreifer hatten dem 31-Jährigen dreimal in den Kopf geschossen und waren dann geflohen. Heute quälen den Vater Gewissensbisse: "Wäre ich bloß nicht weggegangen", sagte er.

Tasköprü erklärte, er habe zwei Männer gesehen, die gerade weggingen, als er mit dem Auto am Laden ankam. Unmittelbar nach dem Mordanschlag habe er der Polizei gesagt, es seien Deutsche gewesen, etwa 25 bis 30 Jahre alt. Doch das interessierte die Ermittler offenbar nicht. Tasköprü habe keine genauere Beschreibung geben können, sagte ein Kriminalbeamter, der ebenfalls vor Gericht aussagte. "Es gab keine Möglichkeit, Phantombilder anzufertigen. Man hat dann gesagt, die Spur ist erledigt."

Einen rassistischen Hintergrund witterte bei der Polizei offenbar lange Zeit niemand. Zwar übernahm das Landeskriminalamt die Ermittlungen - allerdings die Abteilung für Organisierte Kriminalität, weil man von Auseinandersetzungen unter verschiedenen türkischen Gruppierungen ausging.

Eine Polizistin aus Hamburg erklärte, den Eltern Tasköprü sei es "körperlich und psychisch sehr schlecht" gegangen, weil der Sohn getötet worden war und die Polizei den Täter nicht habe ermitteln können. Dies habe die ganze Familie, auch die Geschwister, stark belastet.

Der Mord an dem Lebensmittelhändler war der dritte von zehn Morden, die dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zugerechnet werden. Beate Zschäpe ist in München als Mittäterin sämtlicher Attentate des NSU angeklagt. Sie soll für die legale Fassade des Trios gesorgt haben; damit habe sie die Morde erst ermöglicht.

"Was wollten sie von ihm?", fragte der Vater vor Gericht. "Wir haben uns bemüht, auf eigenen Füßen zu stehen. Wir lebten von unserem eigenen Geld, was wollten diese Leute von uns?" Zschäpe vermied es, den Mann direkt anzuschauen, und starrte - wie so oft in diesem Prozess - auf den Bildschirm ihres Laptops.

Ihr Geschäft gab die Familie auf. Zu schlimm waren die Erinnerungen. Süleyman Tasköprü hinterließ eine zweieinhalbjährige Tochter. Sie wuchs bei den Großeltern auf.

ala/dpa

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