NSU-Prozess "Frau Zschäpe, sind Sie bei der Sache?"

211. Verhandlungstag im NSU-Prozess. Die Materie ist kompliziert, es geht um Telefonate zwischen Verfassungsschützern. Als die Konzentration nachlässt, spricht der Richter Beate Zschäpe an. Und die reagiert ungewöhnlich.

Angeklagte Zschäpe (Archiv): Vom Richter überrascht
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Angeklagte Zschäpe (Archiv): Vom Richter überrascht

Von Wiebke Ramm, München


Beate Zschäpe straft ihre Verteidiger weiter mit Missachtung. Als sie in den Saal des Oberlandesgerichts München geführt wird, würdigt sie Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl auch an diesem 211. Verhandlungstag im NSU-Prozess keines Blickes. Heers Lächeln bleibt unerwidert. Später am Tag wird Zschäpe ein einziges Wort sprechen. Zur Überraschung aller im Saal, wird sie es laut tun.

Zschäpe hatte vergangene Woche beantragt, Anwältin Sturm das Mandat zu entziehen. Die Verteidiger wiesen die Vorwürfe der Angeklagten als haltlos zurück. Um 15 Uhr hätte für Zschäpe die Frist ablaufen sollen, um wiederum auf Sturms Stellungnahme einzugehen. Mittags bittet sie um Aufschub. Ihre Anwälte erfahren davon durch den Senat, nicht von ihrer Mandantin. Das Gericht gibt ihr 24 Stunden mehr Zeit, also bis zu diesem Donnerstag, 15 Uhr.

Richter Manfred Götzl lässt sich von Zschäpes mürrischem Schauspiel auf der Anklagebank an diesem Morgen nicht beirren. So geht es wie geplant erneut um Andreas T. - den früheren Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, der am Tag des Mordes an Halit Yozgat am Tatort in dessen Internetcafé in Kassel war. Ein dummer Zufall, so stellt es T. dar. Er will nichts bemerkt haben.

Drei frühere Kollegen von ihm werden an diesem Tag als Zeugen gehört. Es geht um Telefonate, die sie mit ihm geführt haben. Die Telefonate werden im Gerichtssaal vorgespielt. Aufklärendes zum Mord an Yozgat liefern sie nicht.

Andreas T. war der einzige Zeuge, der sich nach dem Mord nicht sofort bei der Polizei meldete. Die Ermittler mussten ihm selbst auf die Spur kommen. Die Staatsanwaltschaft leitete 2006 ein Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts gegen T. ein, 2007 wurde es eingestellt.

Die Verfassungsschützer sind auf Antrag der Anwälte der Familie Yozgat als Zeugen geladen. Aus Protokollen der Telefonate lesen die Juristen heraus, dass das Landesamt möglicherweise Einfluss nehmen wollte auf die Ermittlungen gegen T.

"Nichts aufbauschen, nichts weglassen"

Hans-Joachim M. war der Abteilungsleiter von Andreas T. Vor Gericht sagt der 64-jährige Frühpensionär gleich zu Beginn, "dass wir die Maßnahmen der Polizei weder behindert noch gesteuert haben". Es sei "ein ganz normales Telefonat" gewesen, das er im Mai 2006 nach der Tat mit T. geführt habe. Als es eingespielt wird, wirkt der Zeuge fast erleichtert. Tatsächlich ist zu hören, wie M. seinem Mitarbeiter den Rat gibt, einfach zu sagen, was gewesen ist, "nichts aufbauschen, nichts weglassen". Sein Rat: "Ich würde da einfach offen aus der Hüfte schießen."

Der Zeuge wird zu einer Rundmail einer Vorgesetzten gefragt, sie datiert auf den 24. März 2006, also vor dem Mord in Kassel. Darin geht es um die vorherigen Morde an Männern türkischer und griechischer Herkunft. Die hessischen Verfassungsschützer sollen herausfinden, ob ihre V-Männer dazu etwas sagen können. "Die Verfassungsschutzämter haben sich selbstverständlich mit dieser Serie beschäftigt", sagt Zeuge M. "Man hat damals alle Möglichkeiten in Erwägung gezogen. Rechtsextremismus stand immer im Vordergrund." Bereits 2006? Fünf Jahre, bevor die Öffentlichkeit von der Existenz des NSU erfuhr? Der Zeuge bleibt bei seiner Aussage.

Wenig später widerspricht sein ehemaliger Mitarbeiter. Frank Ulrich F. ist 72 Jahre alt und pensioniert. Er sagt: "An Rechtsradikalismus haben wir nie gedacht. Der Name NSU ist nie gefallen."

F. hatte im Mai 2006 mit Andreas T. telefoniert. Irritierend sind vor allem seine Hinweise an T., dass er sich "dienstlich" wegen des Mordes keine Sorgen machen solle. Da habe man "alles im Griff". Er versucht es vor Gericht zu erklären: Er habe die Führung der Vertrauensleute gemeint. T. war zuständig für einen Informanten aus der rechten und Informanten aus der islamistischen Szene. Die Kollegen hatten deren Führung nach T.s Suspendierung übernommen. Den Spitzeln hatte man gesagt, T. sei krank. Das allein habe er gemeint, beteuert der Zeuge. Er sagt: "Wir haben alle angenommen, dass T. zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz war."

"Was machst du denn für eine Scheiße?"

Schließlich sagt der 51-jährige Michael H. aus, er arbeitet noch heute für den hessischen Verfassungsschutz und ist mit T. befreundet gewesen. "Was machst du denn für eine Scheiße?", begrüßte er ihn am 28. April 2006 am Telefon. In diesem Telefonat sagt T. selbst, dass er entweder während des Mordes im Internetcafé gewesen ist oder Sekunden vorher. Andreas T. war von 16.51 Uhr bis 17.01 Uhr in Yozgats Internetcafé im Computer eingeloggt. Keine Minute später müssen die tödlichen Schüsse gefallen sein. T. merkt in dem Telefonat mit H. selbst an, dass zeitlich wenig Raum für die zweite Variante bleibt.

Seit fast 20 Minuten wird im Saal das Telefonat zwischen Andreas T. und dem befreundeten Kollegen H. eingespielt. Die Qualität ist nicht optimal. Es ist später Nachmittag. Die Konzentration lässt nach. "Frau Zschäpe, sind Sie bei der Sache?", fragt Götzl plötzlich.

Zschäpe schreckt hoch. "Ja", sagt sie deutlich hörbar. Eigentlich eine Lappalie - doch hier geht es um eine Angeklagte, die beharrliches Schweigen zu ihrer Verteidigungsstrategie gemacht hat. Und so ist es das erste Mal, dass ihre Stimme überall im Saal deutlich zu hören ist. Es ist sicher kein Zufall, dass ihr dies mitten in ihrer Verteidigerkrise passiert.

Bisher hatte Zschäpe auf Fragen des Richters zumeist bloß genickt. Heer, Stahl oder Sturm hatten für sie das Reden übernommen. Nie hat sie sich derart überrumpeln lassen. Bis jetzt.

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