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14. Oktober 2014, 18:17 Uhr

NSU-Prozess zum Brand in Zwickau

Die verlorene Erinnerung

Von , München

Beate Zschäpe setzte am 4. November 2011 ihre Wohnung in Zwickau in Brand - wollte sie vorher ihre Nachbarin warnen? Die alte Dame kann inzwischen nicht mehr aussagen, sie ist dement. Zschäpes Verteidiger behaupten, man habe die Befragung bewusst herausgezögert.

Wenn sich bewahrheiten sollte, was die Verteidiger von Beate Zschäpe im NSU-Prozess vortrugen, könnte dies sowohl auf die Bundesanwaltschaft als auch auf den Senat des Oberlandesgerichts München einen Schatten werfen. Der Vorwurf: Es sei mit der richterlichen Vernehmung einer, in den Augen der Verteidigung, Entlastungszeugin so lange gewartet worden, bis sie keine brauchbaren Angaben mehr machen konnte.

Die Dame wurde 1922 geboren, sie leidet unter fortschreitender Demenz und zahlreichen anderen Krankheiten. Das angebliche Vorgehen von Bundesanwaltschaft und Gericht nannten die Verteidiger einen "irreparablen Verstoß gegen das Gebot eines fairen Verfahrens".

Es geht um Charlotte E., die in der Zwickauer Frühlingsstraße neben Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewohnt hatte. Zschäpe soll bei ihr am 4. November 2011 geklingelt haben, ehe sie die eigene Wohnung in Brand setzte. Die Verteidigung behauptet, Zschäpe habe Charlotte E. warnen wollen.

"Ein klassisches Eigentor der Verteidigung"

Frau E. konnte sich am 11. November 2011, als sie erstmals von der Polizei befragt wurde, auch an ein Klingeln erinnern, ehe es im Nachbarhaus zu einer verheerenden Explosion kam. Damals war sie geistig noch recht fit. Doch vor der Tür habe niemand gestanden, sagte sie zu einem Polizeibeamten. Als es später in ihrer Wohnung nach Rauch gerochen habe, habe sie die Fenster geöffnet und nach draußen gesehen. Dies wiederum fiel einer ihrer Nichten auf, die auf der anderen Straßenseite wohnte. Als dann Flammen aus der Zschäpe-Wohnung schlugen, eilten die Verwandten Charlotte E. zu Hilfe und brachten sie aus dem Haus.

Das könnte bedeuten, dass es Zschäpe vielleicht doch nicht egal war, was mit der alten Dame geschah. Darauf kommt es an. Denn selbst der untaugliche Versuch einer Warnung vor einem bevorstehenden Brand könnte vom Gericht als Indiz gegen einen Tötungsvorsatz gewertet werden und würde Zschäpe möglicherweise vor dem Vorwurf des versuchten Mordes bewahren, den ihr die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage unterstellt.

Was dagegen spricht: Ihr muss dann die Gefahr, die sie mit der geplanten Brandlegung heraufbeschwor, klar gewesen sein, sonst hätte sie ja nicht davor gewarnt. In Panik dürfte sie demnach auch nicht gehandelt haben. "Ein klassisches Eigentor der Verteidigung", spotteten Nebenklage-Anwälte. Nebenkläger Alexander Hoffmann merkte an, was am Dienstag offenkundig wurde: dass nunmehr auch "die Zschäpe-Verteidiger davon ausgehen, dass Zschäpe das Haus anzündete".

Anwalt soll geladen werden

Allerdings ist die Frage, ob es wirklich Zschäpe war, die geläutet hat, offen. Denn gesehen wurde sie nicht. Sie hat auch nicht gerufen oder heftig an die Wohnungstür geklopft oder auf andere Art auf die geplante Gefahr aufmerksam gemacht. Doch dem ersten Anwalt, den Zschäpe nach ihrer Flucht aus dem brennenden Haus vier Tage später in Jena aufsuchte, muss sie bereits von dem Klingeln erzählt haben. Denn der Anwalt beantragte sogleich, Frau E. zu dem Brandgeschehen richterlich vernehmen zu lassen. Doch offenbar geschah erst einmal nichts. Oder es standen andere Themen im Vordergrund, nachdem der NSU aufgeflogen war und die mutmaßlichen Täter der mysteriösen Mordserie identifiziert werden konnten.

Verteidiger Wolfgang Heer: "Andere Personen, die sich in dem Haus aufhielten, wurden sehr wohl sofort vernommen, nicht aber die wesentliche Entlastungszeugin E." Der Generalbundesanwalt hätte eine sofortige Vernehmung veranlassen müssen, in Anwesenheit der Verteidigung, "zumal er von uns zu einem sehr frühen Ermittlungsstadium über die Dringlichkeit informiert war".

Charlotte E. war aber erst kurz vor Weihnachten 2013 wegen ihres sich rapide verschlechternden Gesundheitszustandes audiovisuell vernommen worden. Einziges Ergebnis: Die Prozedur gestaltete sich für die alte Dame unzumutbar. Der Versuch einer kommissarischen Vernehmung im Mai 2014 durch einen Amtsrichter schlug ebenso fehl - es war zu spät. Nun soll der Anwalt aus Jena, dem gegenüber Zschäpe sich als erstem äußerte, als Zeuge geladen werden.

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