Brief im NSU-Prozess Zschäpes neuestes Manöver

Mit ihren Altverteidigern liegt Beate Zschäpe seit Monaten im Clinch. In einem Brief an den Richter gibt sie den Juristen nun erneut einen mit - und versucht sich selbst in ein gutes Licht zu rücken.

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe

Von , München


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Sie kann es nicht lassen. Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess, schweigt zwar vor Gericht bis heute. Seit fast drei Jahren ist kein Ton aus ihrem Mund zu hören. Doch was ihr nicht passt, das versteht sie schon mitzuteilen.

Vor allem, wenn es ihr um Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl geht, ihre ersten Verteidiger, die inzwischen nicht mehr wohlgelitten sind. Dann schreibt Zschäpe an den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl einen Brief, mit der Hand, nicht getippt. In ihrem jüngsten Schreiben, das sie offenbar über Ostern verfasste, reitet sie neuerlich eine Attacke, diesmal nur gegen Heer und Stahl.

Anlass dazu bot ihr die Vernehmung eines Zeugen, der Mitte Februar vor Gericht ausgesagt hatte. Der Mann war Opfer eines brutalen Überfalls auf die Sparkassenfiliale in der Zwickauer Kosmonautenstraße geworden, den Zschäpe zufolge ihr Geliebter Uwe Böhnhardt allein begangen hatte. Der Täter hatte dem Mann, damals Auszubildender, in den Bauch geschossen. Dass der schwerverletzte junge Mann überlebte, war nur dem glücklichen Zufall zu verdanken, dass sich am Tatort ein Arzt aufhielt.

Für Zschäpe ist dieser Überfall besonders unangenehm. Von den Morden ihrer Kumpane Böhnhardt und Uwe Mundlos will sie immer erst hinterher erfahren haben. In Bezug auf diesen Überall gab sie in ihrer schriftlichen Stellungnahme zur Anklage aber zu, in Absprachen über das Vorgehen eingebunden gewesen zu sein. Sie schrieb: "Meine Vorwürfe, dass nur eine Schreckschusspistole besprochen worden sei, wurden lapidar abgetan."

Als im März die Vernehmung dieses Zeugen beendet war, bat der Mann darum, noch etwas in eigener Sache sagen zu dürfen: Er klagte darüber, dass sich die Angeklagte zwar bei den Hinterbliebenen der Ermordeten entschuldigt habe, nicht aber bei den Opfern der zahlreichen Raubüberfälle von Böhnhardt und Mundlos. Zum Teil litten diese Menschen bis heute unter den Folgen der Jahre zurückliegenden Geschehnisse. Noch ehe der Zeuge zu Ende gesprochen hatte, unterbrachen ihn die Verteidiger Stahl und Heer und wiesen darauf hin, dass Erklärungen, die nicht zu einer Zeugenaussage gehören, von der Strafprozessordnung nicht vorgesehen seien.

"Aus egoistischen Motiven"

Zschäpe entschuldigt sich nun in dem Brief an den Vorsitzenden "ausdrücklich" für das ihrer Auffassung nach "inakzeptable" Verhalten der Anwälte. Sie habe sich in ihrer Stellungnahme bei allen Opfern der von Böhnhardt und Mundlos begangenen Straftaten entschuldigt; dabei seien auch die Opfer von Raubüberfällen eingeschlossen gewesen. Es tue ihr leid, was diese Menschen hätten erleben müssen und welche Folgen sie davongetragen hätten. Sie habe sich zur Zeit der Überfälle "aus egoistischen Motiven" keine Gedanken gemacht.

Sie wolle zum Ausdruck bringen, so Zschäpe an Götzl, dass die "formaljuristische" Vorgehensweise der Anwälte Heer und Stahl weder mit ihr abgesprochen gewesen sei, noch ihrem Verständnis entspreche, "wie man einem Opfer eines Raubüberfalls gegenüber auftritt".

Zschäpe versucht hier, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Einmal stellt sie sich erneut als reuige Angeklagte dar (ohne allerdings diese Reue unmittelbar je selbst geäußert zu haben). Außerdem nimmt sie wieder einmal eine Gelegenheit wahr, ihrem Abscheu vor den alten Verteidigern freien Lauf zu lassen. Es lässt ihr offenbar keine Ruhe, dass der Senat nicht bereit war, sich ihrer Forderung zu beugen, die drei aus dem Prozess zu werfen. Der Senat kam ihr nur insoweit entgegen, als er einen vierten Pflichtverteidiger bestellte, Mathias Grasel, 31.

Der Zeuge verweigert die Aussage

Über den neuerlichen Antrag der Wohlleben-Verteidigung gegen den Senat wegen Besorgnis der Befangenheit ist noch nicht entschieden. Der Senat verhandelte denn auch mit gebremstem Elan. Der als einziger Zeuge erneut geladene Jens L., einst ein mit allen Wassern gewaschener Ganove und Bandenmitglied in Thüringen, heute aber angeblich geläutert, stand nur widerwillig Rede und Antwort zur Frage, wer welche Waffen hatte oder weitergab in jenen Jahren, als sich das NSU-Trio im Untergrund bewaffnete.

Wenn nach Namen gefragt wurde, verwies L. stets auf seine fehlende Erinnerung. Als der Senat darauf nicht einging, berief sich der Zeuge auf den Paragrafen 55. Das heißt, er verweigerte die Aussage, weil er sich andernfalls angeblich hätte selbst belasten müssen. Ob dies nur eine Ausrede war, steht dahin. Die Lust des Senats, ihn in die Mangel zu nehmen und seine mangelnde Aussagebereitschaft zu hinterfragen, erschien jedenfalls gering.

In der nächsten Woche, kündigte der Vorsitzende an, würden weitere Fragen des Senats an Zschäpe gestellt werden. Nicht nur durch dieses Prozedere tritt der Prozess zunehmend auf der Stelle.


Zusammengefasst: Im Februar sagte im NSU-Prozess ein Zeuge aus, der bei einem Banküberfall schwer verletzt wurde. Als er nach seiner Vernehmung beklagte, dass die Angeklagte Zschäpe sich nur bei den Ermordeten entschuldigt habe und nie bei den Opfern der Banküberfälle, unterbrachen ihn die Verteidiger Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer. In einem Brief an das Gericht hat Zschäpe nun dieses Verhalten ihrer Altverteidiger, mit denen sie zerstritten ist, kritisiert.

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