NSU-Prozess Ralf Wohlleben und das ominöse Holzhäuschen

Für Ralf Wohlleben war es ein schlechter Tag im NSU-Prozess: Seine Verteidiger wollten Aussagen zu einer Prügelattacke in Jena widerlegen, an der ihr Mandant beteiligt gewesen sein soll. Der Plan ging schief.

Ralf Wohlleben vor Gericht (Archiv)
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Ralf Wohlleben vor Gericht (Archiv)

Von , München


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Die Verteidigung von Ralf Wohlleben muss sich ihrer Sache ziemlich sicher gewesen sein, als sie am 13. Oktober beantragte, Wolfgang R. als Zeuge im NSU-Prozess zu laden. Der Rentner werde bekunden, dass sein früherer Garten- und Landschaftsbaubetrieb im Wendekreis einer Straßenbahnendhaltestelle in Jena-Winzerla "niemals ein Holzhäuschen oder ähnliches stehen" hatte - am Ende kam es dann doch etwas anders.

Es ging an diesem 323. Verhandlungstag um jene Wendeschleife in Jena, zu der schon mehrere Zeugen befragt wurden. Was zunächst wie ein Randaspekt in dem Mammutverfahren klingt, bei dem es um die Aufarbeitung von zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen geht, hat sich für Wohlleben und dessen Verteidigung zu einem zentralen Punkt entwickelt: Es geht um die Glaubwürdigkeit des Mitangeklagten und Hauptbelastungszeugen Carsten S., der wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt ist.

Die beiden sollen die Tatwaffe für neun Morde der mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt besorgt haben. Carsten S. hatte die Waffenlieferung gleich zu Beginn des Prozesses gestanden und dabei Wohlleben schwer belastet. Wohlleben dagegen will nach eigenen Worten die Waffe nicht beschafft haben.

Die Strategie seiner Verteidigung besteht darin, sämtliche Aussagen von Carsten S. vollständig infrage zu stellen. In einer Erklärung im Internet hatten die Wohlleben-Verteidiger im vergangenen Dezember von "dreisten Lügen einiger Zeugen und zweier Mitangeklagter" gesprochen - damit war eben auch Carsten S. gemeint.

Zuletzt war Wohlleben jedoch in die Defensive geraten - und dies hatte auch mit der vermeintlich unwichtigen Frage zu tun, ob im Bereich der Jenaer Straßenbahnhaltestelle ein Holzhäuschen stand oder nicht.

Schläge und Tritte

So war es unter anderem mit Hilfe der Recherchen eines Anwalts der Nebenklage gelungen, Martin K. als Opfer einer Prügelei zu identifizieren, die sich im Juli 1998 an der Jenaer Straßenbahnendhaltestelle ereignet hatte. Carsten S. hatte vor Gericht auch von dieser Schlägerei berichtet. Weinend hatte er geschildert, wie er damals mit weiteren Neonazis zwei junge Männer an der Haltestelle brutal angegriffen habe - unter den Angreifern angeblich auch Wohlleben, was dieser bestreitet.

Carsten S. zufolge hatte Wohlleben sich damals sogar damit gebrüstet, einem der beiden jungen Männer auf dem Gesicht herumgesprungen zu sein. Carsten S. hatte bei seinen detailreichen Schilderungen auch von einem Holzhäuschen gesprochen, in dem er selbst eines der Opfer traktiert habe. Auch Martin K., das damals 17-jährige Opfer der Attacke, hatte vor Gericht von einem Holzhäuschen gesprochen, in das er gezerrt und dort weiter verprügelt worden sei.

Wohllebens Verteidigung dagegen hatte das Holzhäuschen als eine Art Märchen von Carsten S. abgetan. Die Aussage von Martin K. stand damit in deutlichem Widerspruch zu ihrer Strategie.

Und auch der nun als Zeuge geladene Rentner Wolfgang R. brachte für die Wohlleben-Verteidigung nicht den gewünschten Effekt, im Gegenteil. Ob es auf dem Gelände der Wendeschleife auch ein Holzhäuschen gegeben habe, fragte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl.

Ein Holzhäuschen? Nein, sagte der Zeuge zwar zunächst. "Zu keinem Zeitpunkt." Dies sei allein aus Sicherheitsgründen nicht der Fall gewesen. "Da wäre sicher eingebrochen worden", sagte der 69-Jährige.

"Können Sie damit etwas anfangen?"

Der Vorsitzende Richter hakte nach: Ein anderer Zeuge habe zuletzt davon gesprochen, dass es dort damals ein kleines Häuschen gegeben habe, nicht sonderlich groß, so wie auf einem Spielplatz. "Können Sie damit etwas anfangen?"

"Das wäre möglich", antwortete der Zeuge. Er schilderte, dass sein Betrieb damals auch Kinderspielplätze gebaut und eingerichtet habe. Kleine Häuschen hätten auch dazugehört. Sie seien zu seinem Betrieb an der Straßenbahnhaltestelle geliefert worden, das Firmengelände sei damals nicht durch Zäune oder anderweitig von den Verkehrsbetrieben abgesperrt gewesen.

Auch eine Frage der Wohlleben-Verteidigung an den Zeugen entpuppt sich als Eigentor: Ob die Holzhäuschen im montierten oder unmontierten Zustand geliefert worden seien? Kleine Holzhäuschen für Kinder seien komplett gekommen, so der Zeuge.

Im weiteren Verlauf des Verhandlungstages wurden auf Antrag der Nebenklage Vermerke des Bundeskriminalamtes verlesen, in denen es um die Auslesung einer Festplatte ging. Sie wurde am 24. November 2011 in Wohllebens Wohnung sichergestellt. Zwar lässt sich nicht mit Gewissheit klären, wer Urheber der darauf enthaltenen Texte ist - diese offenbaren jedoch eine eindeutig rechtsextreme und rassistische Ideologie. Das deutsche Volk sei durch eine "gezielte Masseneinschleusung von Fremden" in seiner Existenz gefährdet, heißt es in einem Dokument. Darin wird auch vor "bedauernswerten Mischlingen" gewarnt.


Zusammengefasst: Carsten S. und Ralf Wohlleben sind als mutmaßliche NSU-Helfer angeklagt. S. sagte umfassend aus und belastete auch Wohlleben. Gemeinsam sollen sie unter anderem 1998 an einer Prügelattacke an einer Straßenbahnhaltestelle in Jena beteiligt gewesen sein. Wohllebens Verteidigung versucht nun, die Aussagen zu dem Angriff zu widerlegen. Die Angaben eines neuen Zeugen widersprechen jedoch nicht wie von den Anwälten erhofft den Schilderungen früherer Zeugen.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger



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