NSU-Prozess Mit Tarnnamen zum Mietvertrag

Wie gelang es Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, 13 Jahre lang unentdeckt zu bleiben? Im NSU-Prozess ging es am Mittwoch um die Wohnungssuche der Untergetauchten. Auch der ältere Bruder von Böhnhardt sagte aus.

Beate Zschäpe (Mai 2014): "Zu 90 Prozent sicher"
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Beate Zschäpe (Mai 2014): "Zu 90 Prozent sicher"

Von , München


Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe müssen ihr Leben in der Illegalität raffiniert organisiert haben: Dass drei Leute 13 Jahre lang ein bürgerliches Leben hatten führen können, gleichzeitig aber vermutlich Straftaten schlimmster Art verübten, bedurfte einer ausgefeilten Logistik. Wie genau sie funktionierte, ist auch Thema im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München: Am Mittwoch ging es um die Frage, wie die Untergetauchten Wohnungen angemietet hatten.

Matthias D., der dafür offenbar als Strohmann auftrat, berief sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht, da gegen ihn noch ein Ermittlungsverfahren laufe. Dafür gab der Kripobeamte ausführlich Antwort, der D. am 6. November 2011 als Zeugen vernommen hatte, zwei Tage nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt und der Explosion in der Zwickauer Wohnung des "Trios".

Es funktionierte offensichtlich so: André E., im NSU-Prozess der Beihilfe angeklagt, brachte Matthias D., mit dem er in Johanngeorgenstadt aufgewachsen war, in Kontakt mit einem gewissen Max. Laut Nebenklage gehörte D. der von den Brüdern André und Maik E. im Jahr 2000 gegründeten "Weißen Bruderschaft Erzgebirge" an - einer offenbar rassistischen, antisemitischen und gewaltbereiten Vereinigung mit dem Ziel der Vertreibung aller nicht-weißen Menschen aus Deutschland.

"Ich ging damals relativ unwissend in die Vernehmung"

"Max" suche in Zwickau eine Wohnung, habe aber Schulden und einen Schufa-Eintrag gehabt, so dass er Mietverträge nicht habe abschließen können. So habe die Legende gelautet, berichtete der Kripomann. D. wiederum, damals Kraftfahrer bei einer Spedition, suchte ein Zimmer in Zwickau, das er nur als Schlafgelegenheit habe nutzen wollen. Die Interessen von "Max" und D. passten also zueinander.

D. mietete daraufhin in der Zwickauer Polenzstraße und später in der Frühlingsstraße Wohnungen und vermietete diese an Max sowie einen gewissen Gerry samt Liese unter. Ein Zimmer sollte jeweils ihm zur Verfügung stehen. Um die Bezahlung müsse sich D. nicht kümmern, soll der angebliche Max versichert haben, denn sein Vater, Professor in Jena, unterstütze ihn finanziell.

Bei Max, Gerry und Liese handelte es sich bekanntlich um Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. "Ich ging damals relativ unwissend in die Vernehmung", erinnerte sich der Kripomann als Zeuge. "Herr D. sagte, mit den Mietverträgen habe er nichts zu tun gehabt, außer, dass er sie unterschrieben habe. Der angebliche Max habe sich nach seinem Eindruck um alles gekümmert."

"Max und Gerry hätten alles gemanagt"

Dem Kripomann fiel damals auf, dass D. zur Zeugenvernehmung mit einem Rechtsanwalt erschien. Das "ganze Ausmaß der Sache" sei ihm noch nicht bewusst gewesen. "Ich habe Herrn D. etwas naiv eingeschätzt", sagte der Beamte. "Offenbar ist er nur benutzt worden und wusste vielleicht gar nicht, wozu." Im Nachhinein habe er sich Vorwürfe gemacht, D. nicht intensiver vernommen zu haben.

D. habe Zschäpe alias Liese als eine "freundliche Person" geschildert, bei der "alles dort war, wo es hingehörte". Dass an der Wohnungstür und am Briefkasten sein Name gestanden habe, sei für D. offenbar nicht von Interesse gewesen. Und dass "Liese" Zschäpe bisweilen als "Susann D." auftrat, sei ihm angeblich nicht bekannt gewesen. "Max und Gerry hätten alles gemanagt, sagte Herr D.", berichtete der Zeuge. Acht Jahre lang.

Diese Aussage bewog Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl zu einer Erklärung in Richtung Bundesanwaltschaft. Wieso in der Anklage behauptet werde, Frau Zschäpe habe das Geld des Trios verwaltet, erschließe sich ihm nach der Aussage dieses Zeugen nicht.

"Rumgehangen hat er, im Bett rumgelungert"

Am Nachmittag erschien der älteste Bruder Uwe Böhnhardts als Zeuge vor dem Senat - ein 44 Jahre alter kräftiger, kalhköpfiger Mann, von Beruf Kraftfahrer, trotz des kalten, nassen Wetters in München nur mit einem weißen T-Shirt und einer leichten weißen Kniehose bekleidet. Der Vorsitzende kommt weit besser mit ihm ins Gespräch, als im ersten Augenblick zu erwarten war.

Er ist der letzte Sohn von dreien, der den Eltern Böhnhardts geblieben ist. Der mittlere kam angeblich durch einen Unfall im Alter von 18 Jahren ums Leben; der jüngste, Uwe, brachte sich am 4. November 2011 in einem brennenden Wohnwagen in Eisenach um. Der Zeuge erzählt offen, was er noch weiß von seinem jüngsten Bruder, es geht um eine Zeit von vor bald 20 Jahren. Weihnachten 1997 habe er Uwe letztmals gesehen, als der mit Zschäpe zu Besuch gekommen sei. Im Familienkreis, so der Eindruck, habe das Abdriften Uwes und Beates in die rechtsradikale Szene keine große Rolle gespielt. "Normal" ist das Wort, das der Zeuge auf viele Fragen des Vorsitzenden hin benutzt.

Er nennt "Dummheiten", was sein Bruder in der Zeit vor dem Abtauchen angestellt habe. Er selbst habe meist erst Wochen später erfahren, wenn der Jüngste wieder mal "Mist" gebaut habe. "Welche Vorlieben hatte Uwe? Was hat er so gemacht?" "Ja, was hat er gemacht?", fragt sich daraufhin auch der Bruder: "Rumgehangen hat er, im Bett rumgelungert. Wenn er überhaupt etwas gemacht hat." Er hätte ihn und Beate gern aus der Szene herausgeholt. Denn: "Springerstiefel gab es nicht bei uns."

Dass seine Eltern den Bruder noch zweimal heimlich trafen, nachdem der "ausgerissen", also abgetaucht war, habe er beide Male erst Wochen später erfahren. "Meine Eltern sagten nicht, wo er lebt. Und wovon er lebt, wussten sie nicht." Seine Mutter habe Uwe überreden wollen, sich zu stellen. Doch der habe dies abgelehnt. Mit der rechtsradikalen Szene habe er selbst nie etwas zu tun gehabt.

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