Zeugen-Aussage im NSU-Prozess "Zschäpe ist nicht dumm"

Beate Zschäpe wirkt nicht mehr so kampfeslustig wie zu Beginn des Münchner Prozesses. Jetzt erinnerte sich ein Zeuge an seine Begegnungen mit ihr. Sein Eindruck: "Sie wusste genau, was sie wollte."
Beate Zschäpe: "Sie war die Person, die zu Uwe gehörte"

Beate Zschäpe: "Sie war die Person, die zu Uwe gehörte"

Foto: AP/dpa

Die Tür öffnet sich, alle Blicke richten sich auf Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess.

Früher vollführte sie in diesen Momenten eine Kehrtwendung auf dem Absatz und wendete den Fotografen ihren Rücken zu. Doch die Kampfeslust hat offenbar nachgelassen, ihre aggressive Abwehr ist einem müden Schritt Richtung Wand gewichen. Sie sieht blass aus. Fahrig begrüßt sie ihre Verteidiger und beugt sich wenig später über ihren Laptop.

Die langen schwarzen Haare fallen übers Gesicht wie ein Vorhang, hinter dem sie sich verbirgt. Das routinierte "Guten Morgen" des Vorsitzenden, sein Nicken nach allen Seiten, viermal, fünfmal. Die gleichförmige Feststellung der Anwesenheit von Angeklagten, Verteidigern, den Vertretern der Bundesanwaltschaft, dem Heer der Nebenklage-Anwälte. Die immergleiche Prozedur, 204-mal, seit Mai 2013.

Zschäpe zwischen ihren Verteidigern: Nachlassende Kampfeslust

Zschäpe zwischen ihren Verteidigern: Nachlassende Kampfeslust

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Zum zweiten Mal erscheint am Dienstag Aleksander H. als Zeuge, der einstige Freund von Uwe Mundlos aus dem Wohnheim in Ilmenau, wo beide Basketball spielten, Fahrradtouren unternahmen, die Freizeit oft gemeinsam verbrachten. Mundlos wurde von den Eltern H.s in den Urlaub nach Bulgarien mitgenommen, woher Vater H. stammte. Sohn H. ist heute 41 Jahre alt und von Beruf Lehrer. Er hat sich längst von dem damaligen Freundeskreis distanziert, vor allem, als sich der zunehmend der nationalsozialistischen Ideologie zuwandte.

H. hat noch einiges im Kopf von damals. Aber es sind Bilder, Gefühle und Erinnerungen an das, was Uwe Mundlos ihm erzählte. Was weiß er wirklich noch oder was glaubt er nur zu wissen? Was hat er sich auch nur zusammengereimt? Er erinnert sich, wie Uwe Böhnhardt von "schlechten" Kindern sprach, die aus der Verbindung von Deutschen mit Ausländern hervorgingen. Wie er "verschärft" von einem "sauberen Deutschland" schwärmte, einer Heimat, die von "Fremden" zu säubern sei. "Ich passte nicht in sein Rassenbild", sagt H. vor Gericht, "da nur meine Mutter eine Deutsche ist, mein Vater aber Bulgare".

Er beschreibt die Szene in einer Kneipe namens "Modul", als Beate Zschäpe mit einem Bierglas zugeschlagen haben soll. Ob er dies selbst gesehen oder von Mundlos erfahren habe, wisse er nicht mehr. H. drückt sich geschraubt aus: "Ich sage, was ich denke, mir in Erinnerung zu bringen."

"Ein bisschen ordinär"

"Sie wissen das nicht", sagt Zschäpe-Verteidiger Stahl. Es entbrennt ein Streit darüber, ob dies eine Frage sei oder eine Feststellung. Stahl hält fest daran, dass es erlaubt sein müsse herauszufinden, auf welcher Grundlage ein Zeuge Bekundungen mache. "Nach 18 Jahren bin ich mir nicht mehr sicher", sagt der Zeuge. Stahl, abfällig: "Das habe ich mir gedacht." Bundesanwalt Herbert Diemer: "Wie der Verteidiger hier versucht, den Zeugen herunterzumachen, halte ich für unmöglich!"

H. fährt fort: "Aus dem langhaarigen, betont pazifistischen Mundlos wurde einer mit Scheitel und schwarzen Stiefeln und einem T-Shirt in den Farben der Reichskriegsflagge, der gegen am Boden Liegende trat." Dessen Freundin war Zschäpe. "Sie war die Person, die zu Uwe gehörte."

Diese beschreibt er als "ein bisschen ordinär", als eine damals laute und keineswegs zurückgezogene Person, die gern Kraftausdrücke benutzt habe. Sie sei ein "selbstbewusstes, anerkanntes Mitglied" der Gruppe gewesen, das nicht "herumgeschubst" worden sei. "Sie ist nicht dumm oder gutgläubig. Sondern sie wusste genau, was sie wollte."

So seien etwa in Mundlos' Auto die Spiegel auf sie eingestellt gewesen, damit sie beobachten konnte, wenn die Polizei ihnen auf den Fersen war; sie habe dann die Autonummern notiert. Sie sei sich "der Brisanz der Dinge bewusst" gewesen. Sie habe "unterschwellig einen aggressiven Eindruck" gemacht und keinen mildernden Einfluss auf Uwe Mundlos ausgeübt.

"Worin lag diese unterschwellige Aggressivität?", fragt Verteidiger Stahl. Der Zeuge zögert. "Durch die Herstellung von Distanz und Geringschätzung - einem Ausdruck von Ablehnung."

Über den Angeklagten Ralf Wohlleben sagt der Zeuge, der sei damals "nicht hundertprozentig ernstgenommen" worden. Man habe sich lustig über ihn gemacht, schon wegen seiner "Hautprobleme". "Der Wohlleben", sagt H., "war zu dumm, um eine Rede zu halten, jedenfalls damals." Wohllebens Bildungsstand habe dafür nicht ausgereicht.

Die Geldquellen des NSU

Es geht in diesen Tagen nicht nur um die Frühzeit des späteren NSU: Das Münchner Gericht befasst sich auch mit dem ersten Überfall, den Mundlos und Böhnhardt rund elf Monate nach ihrem Untertauchen begangen haben sollen. Im Dezember 1998 sollen sie in einem Edeka-Markt in Chemnitz 30.000 Mark erbeutet haben.

Weitere Überfälle auf Postfilialen und Sparkassen folgten, stets in Chemnitz, wo die Drei zunächst Unterschlupf gefunden hatten. Spenden aus der Sympathisanten-Szene, wie sie kurz nach dem Untertauchen flossen, oder karge Unterstützungsleistungen der Eltern reichten offenbar für ein unabhängiges Leben nicht mehr. Auch der Verkauf des selbstgebastelten "Pogromly-Spiels" reichte nicht für den Lebensunterhalt von drei Personen.

Der nächste Überfall am 6. Oktober 1999 brachte nur 5700 Mark. Also noch ein Überfall am 27. Oktober. Die Beute, nun 62.800 Mark, reichte bis November 2000. Mit den anschließend in einer Postfiliale geraubten 38.900 Mark kamen die Drei bis Juli 2001 aus.

So ging es weiter. Es ist die Zeit, in der sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft schon zu einer terroristischen Vereinigung zusammengeschlossen haben sollen. Am 11. September 2000 starb der türkische Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg, das wohl erste Opfer des NSU.

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