Zeuge im NSU-Prozess "Ich dachte mir: Bis hierher und nicht weiter"

Viele Zeugenvernehmungen im NSU-Prozess verlaufen zäh - nicht so diese: Ein ehemaliger Weggefährte des Trios gab bereitwillig Auskunft. Über Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sagte er: "Die beiden hätten sich nie im Leben begegnen dürfen."

Von , München


Als Beruf gibt Kai S. an, er sei "Vollzugsbeamter im Angestelltenverhältnis". Er ist einer der raren Zeugen im NSU-Prozess, die nicht versuchen, das Gericht mit dreistem Verhalten und frechen Antworten zu provozieren. Oder die Schwierigkeiten mit der Erinnerung bekommen, wenn es um die Zeit geht, ehe Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in den Untergrund abtauchten.

Kai S. erzählt, und wenn er etwas nicht mehr genau weiß, dann ist dies nachvollziehbar den vielen Jahren geschuldet, die inzwischen vergangen sind.

Er kennt das Trio aus den frühen Neunzigerjahren, als er, von seinen Eltern als 17-Jähriger vor die Tür gesetzt, im Jugendtreff "Winzerclub" in Jena-Winzerla eine Art Zuhause fand. Zschäpes Familie, vor allem ihr dem Alkohol zugeneigter Cousin Stefan A., sei damals sowohl vom Professorensohn Mundlos als auch von Böhnhardt als "asozial" beschimpft worden; es habe deswegen deutliche Differenzen gegeben. "Böhnhardt konnte ich nicht besonders leiden, weil er ziemlich aggressiv gegen Leute war, die er nicht mochte."

"Ich kam aus der Nummer nicht mehr heraus"

Er habe sich gefragt, wie Mundlos und Böhnhardt angesichts ihrer Verschiedenheit so eng befreundet gewesen sein konnten. Mundlos habe gern Witzchen gemacht, öfter auch unter der Gürtellinie, aber insgesamt sei er ein freundlicher Typ gewesen. Böhnhardt aber habe er für einen "Sadisten" gehalten, der schnell ausgerastet sei. "Ich bin der Meinung, die beiden hätten sich nie im Leben begegnen dürfen."

Zschäpe hingegen beschreibt der Zeuge als "offen, freundlich und selbstbewusst". Sie sei eher ruhig gewesen, habe keine Leute aufgehetzt. Zur rechten Szene habe sie aber "einfach dazugehört". Das Aufstacheln sei die Sache von Mundlos gewesen. Er sei, ergänzt von Böhnhardt, der Wortführer gewesen.

1996 sei er von Mundlos gefragt worden, ob er mal etwas tun könne für sie. Man brauche einen Alibizeugen. "Ich habe zugesagt. Im Nachhinein aber dachte ich mir, ich hätte dies nicht tun sollen. Aber ich kam aus der Nummer nicht mehr heraus."

Es ging um das Aufhängen eines Puppentorsos mit Judenstern an einer Autobahnbrücke. "Wer war dabei?", fragt der Vorsitzende Götzl. "Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe, ich und Herr Wohlleben", antwortet der Zeuge. Dieses Ereignis habe dazu geführt, dass er sich mit rechtem Gedankengut befasst habe. "Das machte mich relativ betroffen." Heute tue ihm auch leid, vor Gericht damals eine - mit den anderen abgesprochene - falsche Aussage gemacht zu haben.

Erst die Puppe, dann eine Bombenattrappe?

Bisher konnte man nur Böhnhardt die Beteiligung am Aufhängen der Puppe per DNA nachweisen. Durch die Aussage des Zeugen stellt sich die Aktion nun als Gemeinschaftstat dar.

Kai S. hat sich viele Gedanken gemacht über die Zeit damals und beschreibt nun minutiös, was damals geschah. "Ich habe ja diese Radikalisierung mitbekommen. Man fängt mit einer Puppe an und macht dann weiter mit Sprengstoff-Attrappen. Dann geht man in den Untergrund und verübt Banküberfälle zur Geldbeschaffung. Da dachte ich mir: Bis hierher und nicht weiter."

Befragt über Zschäpes Familienverhältnisse, berichtet der Zeuge, ihre Großmutter sei "ein wirklich guter Mensch". Ihr Vater sei "wohl ein Rumäne". "Wissen Sie, wovon Frau Zschäpe gelebt hat?", fragt der Vorsitzende. "Nein", antwortet Kai S. Als er um Unterstützung gebeten worden sei, vermutlich von Wohlleben, sei er von falschen Voraussetzungen ausgegangen; er habe gedacht, es gehe vielleicht um die Übernahme von Rechtsanwaltskosten. Doch "Untergrundarbeit" habe er nicht finanzieren wollen.

Zu einer Befragung des Zeugen durch die Verteidigung von Zschäpe und Wohlleben kam es am Mittwoch nicht mehr. Sie wird vermutlich einige Zeit in Anspruch nehmen.

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