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08. Juli 2014, 18:24 Uhr

NSU-Prozess

Zeugin will Zschäpe in Eisenach gesehen haben

Von , München

Eine Frau will Beate Zschäpe in Eisenach gesehen haben - zwei Tage, nachdem sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos dort umgebracht hatten. Nach bisherigen Erkenntnissen kann das nicht stimmen, doch die Zeugin bleibt im NSU-Prozess bei ihrer Aussage.

Am 124. Verhandlungstag des Münchner NSU-Prozesses ging es einen Schritt voran. Eine Zeugin aus Eisenach berichtete über ihre angebliche Beobachtung am 6. November 2011 im Stadtteil Stregda: Zwei Tage, nachdem sich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in einem Wohnmobil das Leben genommen hatten, habe sie in unmittelbarer Nähe des Tatorts eine Frau über die Straße gehen sehen. Uhrzeit: zwischen halb vier und halb fünf Uhr nachmittags. Eine schlanke Person in Jeans und dunkler Jacke mit halblangem, dunklem Haar. Etwa 1,60 Meter groß, um die 40. Eine Frau, die sie vorher noch nie gesehen hatte.

Sie sei ihr aufgefallen, weil sie weder nach links noch nach rechts geschaut habe. Weil ihr Blick so merkwürdig starr auf den Boden gerichtet gewesen sei. Weil sie ungewöhnlich teilnahmslos gewirkt habe. "Ich habe meinen Freund extra auf die Person aufmerksam gemacht", berichtete die Zeugin. Doch der habe sich dafür nicht interessiert.

"Da hätte ich mir ja den Ausweis zeigen lassen müssen"

War es Beate Zschäpe, die mutmaßliche Gefährtin der beiden Uwes und Hauptangeklagte im NSU-Prozess? Als sie Bilder von Zschäpe auf Fahndungsfotos gesehen habe, sagt die Zeugin, sei sie sich sicher gewesen: Das war die Frau. Als der Zeugin Fotos bei der Polizei vorgelegt wurden, ebenso. "Wie sicher denn?", fragt Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl nach. "Zu 90 Prozent", antwortet die Zeugin. Denn wer könne sich schon zu 100 Prozent sicher sein? "Da hätte ich mir ja den Ausweis zeigen lassen müssen."

Sie kann nicht erklären, was genau ihr an der Frau aufgefallen sei. Diesen kurzen Moment eines Aufmerkens, eines Störgefühls, einer Irritation in Worte zu fassen, fällt der Zeugin nicht leicht. Doch selbst durch bohrende Nachfragen der Verteidigung, ob sie sich denn wirklich sicher sei, lässt sie sich nicht von ihrer Aussage abbringen.

Den Senat interessiert das Datum der Begegnung. Denn nach den Ermittlungen müsste sie nicht am 6. November, sondern einen Tag zuvor stattgefunden haben. In der Nacht zum 6. November soll Zschäpe auf ihrer Irrfahrt nach dem Tod ihrer Gefährten und der Zerstörung ihrer Wohnung in Zwickau bereits auf dem Weg nach Bremen gewesen sein; das besagen jedenfalls Zugtickets.

Täuscht die Zeugin sich also? Sollte der Senat ihrer Aussage Glauben schenken, so wäre Zschäpes mutmaßlicher Besuch in Eisenach ein weiterer Beleg für die enge Verbundenheit von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Dann hätte sie dort Abschied genommen von den Männern, mit denen sie wahrscheinlich 13 Jahre lang auf engstem Raum zusammengelebt hat. Auch so etwas könnte der Senat angesichts einer schweigenden Angeklagten im Sinn der Anklage bewerten.

Das Verdienst des Anwalts Scharmer

Ein Szeneanwalt, Thomas J., der von 1998 an ein Mandatsverhältnis mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe und weiteren Angeklagten unterhielt, berief sich am Dienstag als Zeuge vor dem Senat auf sein Schweigerecht. Die Angeklagten und ehemaligen Mandanten Holger G. und Carsten S. entbanden ihn daraufhin davon. Laut Aktenlage sollen bis 2003 auf dem Grundstück J.s in Lützen Konzerte rechtsextremistischer Musikgruppen stattgefunden haben, bei denen Spenden gesammelt wurden. Für das damals untergetauchte "Trio"?

Als Gericht und Anwälte der Nebenklage nachfragten, wie es mit Kontakten außerhalb von Mandatsverhältnissen stehe, ließ der Zeuge erkennen, dass er Fragen der Nebenklage grundsätzlich nicht zu beantworten gewillt sei. Er schien es regelrecht zu genießen, dass er, als Rechtskundiger, sich vor einem diesem Gericht und vor Opferanwälten nicht zu rechtfertigen gedachte.

Es war das große Verdienst von Nebenklage-Vertreter Sebastian Scharmer, trotz der Verweigerungshaltung des Zeugen in einem mühseligen Prozedere herausgearbeitet zu haben, von wie vielen Mitgliedern der rechten Szene in Thüringen dieser Anwalt mandatiert war und ist. Er scheint nicht nur die Anlaufstelle der Rechten in juristischen Dingen zu sein, sondern auch ein begehrter Vortragsreisender in Sachen Aufklärung der Szene über ihre Rechte gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft.

Ein weiterer Beleg für das engmaschige Netz, das sich schützend um den "Nationalsozialistischen Untergrund" legte? Auf die Frage, ob er Mitarbeiter des BND oder des Verfassungsschutzes gewesen sei, sagte Thomas J., es fehle ihm an der dazu nötigen "Verschlagenheit und Verlogenheit".

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