NSU-Prozess Zschäpe greift Verteidiger Stahl, Heer und Sturm an

In einem Brief ans Oberlandesgericht München macht Beate Zschäpe ihren drei Altverteidigern schwere Vorwürfe. Die Anwälte hätten ihr bewusst geschadet, schreibt die Hauptangeklagte im NSU-Prozess.


Zwischen Beate Zschäpe und ihren Verteidigern Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm herrscht seit Monaten Schweigen. Nun hat sich die Hauptangeklagte im NSU-Prozess erneut über ihre Altverteidiger beschwert, diesmal in einem handschriftlichen Brief ans Oberlandesgericht München.

In dem dreiseitigen Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, wirft Zschäpe den Anwälten vor, ihr bewusst geschadet und ihren Wunsch nach einer Aussage im NSU-Prozess nicht respektiert zu haben. Heer, Stahl und Sturm wollten sich auf Anfrage nicht zu Zschäpes Schreiben äußern.

Anwälte und Angeklagte hatten sich zerstritten, weil Zschäpe aussagen wollte, die Verteidiger Schweigen aber für die bessere Strategie hielten. Zschäpes neuer Pflichtverteidiger Mathias Grasel sah das anders - und kritisierte Stahl, Heer und Sturm deswegen scharf. Die Altverteidiger hätten Zschäpe falsch beraten.

In dem Brief beschreibt Zschäpe die Reaktion ihrer drei Anwälte, als sie zum ersten Mal vorschlug, vor Gericht auszusagen. Als Antwort darauf will sie gehört haben: "Sind Sie irre, Frau Zschäpe?" Die drei Verteidiger hätten ihr mitgeteilt, dass sie "für eine solche Verteidigung [...] nicht zur Verfügung stünden". Die Diskussion über ein Ende der Schweigestrategie hätten die Anwälte immer "im Keim erstickt" und von "prozessualem Selbstmord" gesprochen.

"Dieses Verhalten werte ich als bewusst schädigend"

Als Zschäpe dann vor zwei Wochen tatsächlich ihr jahrelanges Schweigen brach und über die Serie der zehn NSU-Morde und ihr Untergrundleben mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aussagte, hätten Heer, Stahl und Sturm fortwährend nonverbal in aller Öffentlichkeit gezeigt, was sie davon halten. Zschäpe klagt über "abfällige Gesten", während ihre von Grasel und Neuverteidiger Nummer zwei Hermann Borchert verfasste Erklärung verlesen wurde.

Tatsächlich war auch von der Zuschauerempore aus zu sehen, wie die drei Verteidiger immer wieder die Köpfe schüttelten. "Dieses Verhalten werte ich als bewusst schädigend", schrieb Zschäpe.

Im Prozess hatte sie erklärt, an den Morden und Sprengstoffanschlägen des NSU nicht beteiligt gewesen zu sein. Prozessbeobachter zweifeln, ob diese Behauptung der Beweisaufnahme standhält.

Seit 2013 muss sich Zschäpe dem Vorwurf stellen, sie sei für die zehn Morde mitverantwortlich, die dem NSU zugeschrieben werden. Neun Opfer sollen aus rassistischen Gründen ermordet worden sein, das zehnte Opfer - eine Polizistin - aus Hass auf den Staat.

Ihr Streit mit Heer, Stahl und Sturm über ihr Aussageverhalten dauert schon mindestens ein halbes Jahr. Über einen erneuten Antrag Zschäpes auf Abberufung der drei Verteidiger hat das Gericht noch nicht entschieden. Auch über ihren Wunsch, stattdessen Grasels Kanzleipartner Borchert zum weiteren Pflichtverteidiger zu bestellen, gibt es noch keine Entscheidung. In ihrem Schreiben bat Zschäpe die Richter, ihre jetzt nachgereichten Gründe zu berücksichtigen.

Der NSU-Prozess geht planmäßig am 12. Januar weiter, mutmaßlich mit Nachfragen der Richter an beide Angeklagte. An Zschäpe hatten die Richter bereits zahlreiche Fragen gerichtet. Zschäpe-Verteidiger Grasel kündigte an, die Antworten schriftlich abzufassen und im Gericht zu verlesen.

ulz/dpa

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