Zwist mit Verteidigung Zschäpes Antrag des Misstrauens
Anwältin Anja Sturm neben Beate Zschäpe: Angeklagte stellte zweiten Entbingungsantrag
Foto: Peter Kneffel/ dpaDie Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, hat am Mittwoch, dem 209. Verhandlungstag, ihrer Verteidigerin Anja Sturm das Vertrauen entzogen. Außerhalb der Hauptverhandlung, so der Senatsvorsitzende Manfred Götzl, habe Zschäpe einen Entbindungsantrag bezüglich Frau Sturm gestellt.
Dies ist das zweite Mal, dass sich die Angeklagte öffentlich von ihrer Verteidigung distanziert. Schon im Sommer vorigen Jahres, am 16. Juli, dem 128. Verhandlungstag, hatte Zschäpe versucht, sich von allen drei Verteidigern, zu denen noch Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl gehören, zu trennen. Dies lehnte der Senat damals ab, da die von Zschäpe vorgebrachten Gründe für eine Entpflichtung sämtlicher Pflichtverteidiger nach dem Gesetz nicht ausreichten.
Der NSU-Prozess hatte am Mittwoch bereits mit einer Verspätung von einer halben Stunde begonnen. Dann bat Verteidiger Heer um eine Unterbrechung von "mindestens einer Stunde zwecks Besprechung mit der Mandantschaft". Diese Zeit aber nutzten die Verteidiger laut Augenzeugen weitgehend für eine Besprechung untereinander. Zschäpe erschien nach Ablauf der einen Stunde allein im Sitzungssaal. Erst zwanzig Minuten später kamen ihre Anwälte hinzu. Verteidiger Stahl setzte sich als erster neben sie und sprach mit der Mandantin. Die ließ durch entschiedenes Kopfnicken ihre Zustimmung erkennen.
Über die Gründe des Entpflichtungsantrages ausgerechnet von Frau Sturm wurde in München anschließend spekuliert. Erste Überlegungen gingen in die Richtung, dass Stahl als prozessual versiertester Verteidiger unentbehrlich sei. Heer verbleibe womöglich in der Verteidigung, weil er sich 2011 nach Zschäpes Inhaftierung in Köln-Ossendorf als erster um die Angeklagte kümmerte. Frau Sturm übernahm erst im August 2012 das Mandat.
Ob der Senat dem Antrag Zschäpes zustimmt oder ihn ablehnt wie im Vorjahr, wird man in Kürze erfahren. Vermutlich werden Erwägungen eine Rolle spielen, ob es zu solchen Situationen künftig vermehrt kommen könnte, sollte sich die Zusammensetzung der Verteidigung nicht ändern.
Zschäpe hatte ihr Misstrauen gegenüber ihren Verteidigern zuletzt in einem Gespräch mit dem psychiatrischen Sachverständigen Norbert Nedopil erkennen lassen. Sie klagte über physische und psychische Erschöpfungszustände, die mit der Strategie der Verteidigung zusammenhingen. Sie fürchte, so Zschäpe zu Nedopil, das Verfahren nicht bis zum Ende durchzustehen.
Möglicherweise, so eine weitere Vermutung, hat Zschäpe jetzt nur die Entpflichtung Sturms, nicht aber der anderen Verteidiger beantragt, um die Chancen auf einen Beistand "mit Stallgeruch" zu erhöhen. Ob der Prozess in der kommenden Woche fortgesetzt wird, war vorerst unklar.