Zeugen von NSU-Banküberfällen "Als es vorbei war, bin ich zusammengesackt"

Die mutmaßlichen NSU-Terroristen finanzierten ihr Leben im Untergrund mit Raubüberfällen. Nach der Verhandlungspause werden diese Taten Thema im Münchner Prozess sein. Das Gericht muss sich zudem zu einem Widerspruch der Verteidigung äußern, der es in sich hat.

Bild einer Überwachungskamera: Im Mai überfielen Mundlos und Böhnhardt eine Sparkasse in Chemnitz
Polizei

Bild einer Überwachungskamera: Im Mai überfielen Mundlos und Böhnhardt eine Sparkasse in Chemnitz

Von , München


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Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gingen bei ihrem jahrelangen Raubzug offenbar äußerst planvoll vor: Sie wählten ein Gebiet aus, markierten Objekte auf Karten, fertigten von Räumlichkeiten genaue Skizzen an. Sie identifizierten Fluchtwege auf Stadtplänen und achteten darauf, auch enge Wege zu benutzen, die von Fahrrädern, nicht aber von Autos befahren werden konnten. Um bei der Flucht nicht von der Polizei überrascht zu werden, setzten sie einen tragbaren Funkfrequenzscanner ein und hörten den Polizeifunk mit.

Laut Anklage erbeuteten sie bei Überfällen auf Sparkassen, Postfilialen und Supermärkte seit ihrem Untertauchen im Jahre 1998 bis 2011 mehr als 700.000 Euro. Geld, mit dem sie ihren Lebensunterhalt und Urlaube finanzierten. Und wohl auch die Anmietung von Autos und Wohnmobilen, mit denen sie Tatorte für ihre Mordserie auskundschafteten und später zur Tatbegehung anfuhren.

Am Dienstag wird der NSU-Prozess in München fortgesetzt. Bereits vor der zweiwöchigen Pause hatten Zeugen jener Raubüberfälle ausgesagt, Menschen, die von den mutmaßlichen NSU-Terroristen bedroht wurden. Einige haben bis heute mit den Folgen zu kämpfen.

"Plötzlich wurde es laut"

Da war etwa der Überfall in Arnstadt am 7. September 2011: Die Aussagen von Angestellten sowie Videoaufnahmen aus der Arnstädter Sparkasse belegen, dass Böhnhardt und Mundlos, bewaffnet mit mehreren Schusswaffen und einer Handgranate, in die Filiale eindrangen. Eine Zeugin berichtete im Münchner Prozess, wie sie von einem der Täter mit einem aus der Halterung gerissenen Telefon mehrmals massiv auf Kopf und Arme geschlagen wurde, nachdem sich ihre Kollegin zunächst geweigert hatte, die Kasse zu öffnen. Die Beute betrug schließlich 15.000 Euro. Die Frau erlitt eine klaffende Platzwunde und leidet bis heute an den Folgen des Überfalls.

Dem Filialleiter drohten die Täter die Erschießung an, sollte er nicht den Tresor öffnen. Da der Tresor jedoch mit einem Zeitschloss gesichert, eine schnelle Geldentnahme also nicht möglich war, ergriffen sie die Flucht. Eine Zeugin beobachtete, wie sie sich auf Fahrrädern davonmachten.

Laut Anklage handelten Böhnhardt und Mundlos nicht nur bei der Vorbereitung der Überfälle strategisch, auch die Durchführung folgte einem eingespielten Muster: Während Mundlos zumeist den Kundenbereich sicherte, erzwang Böhnhardt hinter den Schaltern die Öffnung der Kasse und der Tresore. Beide schüchterten mit gewalttätigem, hektischem, aggressivem Auftreten Kunden und Angestellte gleichermaßen ein.

Eine Mitarbeiterin aus der Sparkasse Stralsund, die kurz nacheinander - am 7. November 2006 und am 18. Januar 2007 - zwei Überfälle hatte miterleben müssen, schilderte vor Gericht: "Beim ersten Mal war es kurz nach 18 Uhr, ich war in meiner Beraterkabine und telefonierte. Plötzlich wurde es laut, ein Maskierter stand vor mir und schrie mich aufgeregt an. Im Hintergrund hörte ich einen Schuss. Ich saß wie zur Salzsäule erstarrt da."

"Er schrie im Dialekt: 'Ich knall dich ab!'"

Im Januar dann der zweite Überfall. Es war ruhig an jenem Tag, da sich wegen des schlechten Wetters kaum Leute nach draußen wagten. "Plötzlich stand wieder eine maskierte Person vor mir. Ich dachte nur noch: nicht schon wieder!" Der Mann habe die einzige Kundin, eine Freundin der Bankangestellten, gepackt und gebrüllt: "Rein, rein, hinlegen!" Es sei ein Einschnitt in ihrem Leben gewesen, sagte die Zeugin. "Man wünscht das niemandem."

Eine andere Zeugin aus Stralsund erinnert sich, wie sie unter den Schreibtisch kroch, um den Alarmknopf zu drücken, aber versehentlich die Maus des Computers erwischte. Einer der Maskierten habe sie und eine Kollegin gezwungen, den Tresor zu öffnen. "Ich sollte das ganze Geld, fast 85.000 Euro, in eine Plastiktüte füllen, war aber wohl zu langsam, so dass er mich wegstieß und die Scheine selbst in die Tüte schaufelte. Dabei schrie er im Dialekt: ,Keene Verorsche, ich knall dich ab!' Als es vorbei war, bin ich zusammengesackt. Danach konnte ich nicht mehr arbeiten, man schickte mich ins Archiv, dann in die Reklamationsabteilung. Aber ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Dann legte man mir nahe, zu gehen."

Die Anklage unterstellt Beate Zschäpe, die erbeuteten Gelder verwaltet zu haben. Zschäpe habe von den Plänen gewusst und die Folgen eines Schusswaffeneinsatzes ihrer Freunde gebilligt und "verantwortlich mitgetragen". Für diese These gibt es Anhaltspunkte, die eine Bewertung im Sinn der Anklage zulassen könnten.

Verstießen Ermittler gegen das Trennungsgebot?

Anders sieht es möglicherweise mit jenen Beweisen aus, die belegen sollen, dass das Trio bereit war, Staat und Gesellschaft "aktiv" zu bekämpfen: Zschäpe soll zu diesem Zweck in Jena am 10. August 1997 eine Garage angemietet haben, genauer gesagt: für den Bau von Rohrbomben. Als diese Garage am 26. Januar 1998 durchsucht wurde, stießen die Ermittler auf fertige und im Bau befindliche Bomben, auf Sprengstoff, eine Zündvorrichtung sowie allerlei verdächtige Unterlagen. In der Folge durchsuchten Ermittler Zschäpes Wohnung.

Die Zschäpe-Verteidigung hat in der Vergangenheit schon mehrfach Einwände gegen die Verwertung dieser Beweise geltend gemacht. Nun hat sie ihr nochmals förmlich widersprochen. Und dieser Widerspruch hat es in sich: Offenbar hatte das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) dem Landeskriminalamt "unter Umgehung des informationellen Trennungsgebotes" Amtshilfe geleistet. Das Trennungsgebot besagt, dass allgemeine polizeiliche Aufgaben und die Aufklärung extremistischer Bestrebungen durch verschiedene, voneinander organisatorisch getrennte Behörden wahrgenommen werden müssen.

Ein Zeuge bestätigte, dass das LfV die Garage länger als 24 Stunden observierte und die Ergebnisse der Polizei zur Verfügung stellte - ohne staatsanwaltliche oder gar richterliche Anordnung. Man habe diese Art der Zusammenarbeit für "opportun" gehalten, sagte der Zeuge.

Das Trennungsgebot habe Verfassungsrang, argumentieren die Anwälte, eine Umgehung verletze also die Grundrechte des Angeklagten und damit seinen Anspruch auf ein faires Verfahren.

Im Zuge dieser "rechtsstaatswidrigen Ermittlungen" sei auch der Keller Zschäpes in der Schomerusstraße 5 durchsucht worden - ohne richterliche Anordnung, so die Anwälte. Also dürften auch Schriftstücke, die dort gefunden wurden, nicht gegen die Angeklagte verwendet werden.

Sollte der Senat dieser Argumentation folgen, könnte dies weitreichende Folgen haben. Die Anklage gegen Zschäpe wäre dann bereits aufgrund der Nichteinhaltung von Vorschriften durch die Strafverfolger beschädigt.


Zusammengefasst: Am Dienstag wird der NSU-Prozess nach zweiwöchiger Pause fortgesetzt, es wird zunächst um Banküberfälle gehen, die Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangen haben sollen. Die Täter waren sehr planvoll und brutal vorgegangen. Zudem beschäftigt ein Widerspruch der Zschäpe-Verteidiger das Gericht: Ermittler sollen sich rechtswidrig verhalten haben, als eine durch Zschäpe angemietete Garage und deren Wohnung 1998 durchsucht wurden.



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