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NSU: Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe

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NSU-Terror Legenden, Rätsel, Theorien

Hatte die Zwickauer Zelle Helfer in den Städten, in denen sie ihre Opfer erschoss? Waren Geheimagenten an einem der Tatorte? Wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter gezielt getötet? Die Anklage der Bundesanwaltschaft räumt mit vielen Mythen auf. Eine Übersicht.

Seit einem Jahr kennt Deutschland die Mörderbande des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Seit einem Jahr weiß das Land, was Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getan haben sollen. Doch noch immer spekuliert die Öffentlichkeit über Hintergründe und Zusammenhänge, Motive und Zufälle. Dabei räumt die 488 Seiten umfassende Anklage der Bundesanwaltschaft mit zahlreichen Mythen und Legenden auf. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Warum musste Michèle Kiesewetter sterben?

Es war im November 2011, ganz am Anfang der Ermittlungen, als der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) im Innenausschuss des Bundestags einen folgenreichen Satz sagte: "Wir gehen inzwischen davon aus", so Jörg Ziercke über die in Heilbronn erschossene Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter, "dass es sich hier um ein Beziehungsdelikt handeln könnte."

Kiesewetter, 22, stammte aus Oberweißbach in Thüringen, einem Ort, in dem zeitweilig auch Rechtsextremisten ihr Unwesen getrieben hatten. Zudem arbeitet ihr Patenonkel Mike W. in der Region als Kriminalbeamter. Die Hypothese, es habe sich um einen gezielten Racheanschlag auf die junge Frau gehandelt, kam auf.

Bald wurde die Theorie allerdings abgelöst durch eine Meldung der "Süddeutschen Zeitung": Das BKA gehe nun davon aus, dass es die Rechtsterroristen einzig auf die Pistolen der Polizisten abgesehen hatten. Sinn machte die angebliche Theorie angesichts des Waffenarsenals, über das die Zwickauer Zelle schon vor der Tötung Kiesewetters verfügte, nicht unbedingt. Laut Anklage war die Beamtin einfach ein Zufallsopfer.

Die Rechtsterroristen hatten nicht sie als Person ausgewählt, sondern wollten irgendeinen Repräsentanten des verhassten Staates töten. Dass sie am helllichten Tag zuschlugen und den beiden niedergeschossenen Polizisten die Dienstwaffen abnahmen, war demnach eine besondere Form der Demütigung. Die Pistolen führten Böhnhardt und Mundlos auch mit sich, als sie starben, es waren für sie offenbar besonders wichtige Trophäen.

Waren bei dem Mord in Heilbronn Agenten am Tatort?

Der "Stern" berichtete im Winter 2011, bei dem Anschlag auf die Polizisten Michèle Kiesewetter und Martin A. in Heilbronn seien amerikanische Agenten und deutsche Verfassungsschützer am Tatort gewesen. Der Artikel stützte sich auf einen Report des US-Geheimdiensts Defense Intelligence Agency (DIA), aus dem dies hervorzugehen schien. Die Bundesanwaltschaft kommt inzwischen allerdings zu dem Schluss, dass der vermeintliche Observationsbericht eine Fälschung ist, auf den das Blatt hereingefallen war.

Wie bereitete der NSU seine Anschläge vor?

Hatten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe lokale Helfer, die ihnen den Weg zu ihren Anschlagszielen wiesen? Immer wieder ist in den vergangenen Monaten über diese Frage spekuliert worden. Die Ermittler konnten dafür keinerlei Hinweise finden.

Wie aus der Anklage gegen Beate Zschäpe und die vier mutmaßlichen Unterstützer des NSU hervorgeht, bereiteten die Serienmörder ihre Anschläge sehr genau vor: Sie erstellten Listen potentieller Ziele - das BKA zählte insgesamt 10.116 Einträge - kundschafteten die Örtlichkeiten genauestens aus, fertigten Karten und Skizzen an, machten Fotos.

Auf einem Stadtplan von Dortmund, den Kriminaltechniker im Brandschutt des Zwickauer NSU-Unterschlupfs fanden, gab es zwölf Markierungen: Ladenlokale, Kioske, Parteibüros waren angekreuzt. "Gutes Objekt, guter Sichtschutz, sehr guter Weg von dort weg", notierten die Killer zu einem "Türkischen Imbiss".

Zentrales Motiv der Mörder sei die Verunsicherung ausländischer Mitbürger gewesen, "mit dem Ziel, dass sie Deutschland aus Angst um ihre Sicherheit verlassen", sagte Generalbundesanwalt Harald Range dem SPIEGEL. Die Opfer seien zufällig ausgewählt worden, entscheidend war demnach die Beschaffenheit der Tatorte.

War Beate Zschäpe bei den Morden dabei?

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Beate Zschäpe von den Morden wusste, jedoch nicht unmittelbar an ihnen beteiligt war, also nicht auf die Opfer schoss oder dabei zusah. Ein Anruf aus einer Telefonzelle in Zwickau auf einem Handy, das zeitnah zu dem Mord am 15. Juni 2005 in München festgestellt wurde, deutet darauf hin, dass Zschäpe das Geschehen aus der Ferne verfolgte. Jedoch gibt es eine Zeugin, der sie am 9. Juni 2005 in Nürnberg gesehen haben will, als Ismail Yasar getötet wurde. Letztlich wird nur Zschäpe selbst diese Frage beantworten können, bislang schweigt sie. Allerdings wird ihr die Aussage zugeschrieben, sie habe sich nicht gestellt, um nichts zu sagen.

Wie starben Uwe Böhnhart und Uwe Mundlos?

Am 4. November 2011 um 9.10 Uhr stürmten Böhnhardt und Mundlos eine Sparkassenfiliale in Eisenach. Sie bedrohten zwei Kunden und drei Angestellte mit einer Pistole vom Typ Ceska 70 und einem Revolver Melcher. Mit seiner Waffe schlug Böhnhardt dem Filialleiter auf den Kopf, weil dieser den Tresor öffnen sollte. Die Räuber erbeuteten schließlich 71.915 Euro und flüchteten auf zwei Fahrrädern zu ihrem im Stadtteil Stregda geparkten Wohnmobil mit dem amtlichen Kennzeichen V-MK 1121.

Nachdem ein Zeuge die Polizei alarmiert hatte, näherte sich eine Streife dem Wohnmobil. Daraufhin schossen Böhnhardt und Mundlos mit einer Maschinenpistole vom Typ Pleter 91 einmal auf die Beamten, dann hatte die Waffe eine Ladehemmung. Laut Anklage sahen die Männer nun keine Möglichkeit zur Flucht mehr. Uwe Mundlos tötete mit einer Winchester-Flinte seinen Komplizen, legte in dem Wohnmobil Feuer und nahm sich schließlich selbst das Leben.

Ungeklärt allerdings ist nach wie vor die Frage, wie Beate Zschäpe vom Tod ihrer mutmaßlichen Komplizen erfuhr.

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