Affäre um toten Informanten V-Mann "Corelli" sollte anonym bestattet werden

Der Tippgeber, der den Behörden den ersten Hinweis zum NSU gab, sollte unter falschem Namen beerdigt werden. Offenbar wollte man dessen Tod selbst seiner Familie verschweigen.

Der V-Mann "Corelli", der dem Verfassungsschutz den ersten Hinweis auf den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) gegeben haben soll, sollte still und leise unter falschem Namen beerdigt werden. Das sagte die Abteilungsleiterin Rechtsextremismus des Bundesamtes für Verfassungsschutz vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags von Nordrhein-Westfalen.

Auf die Frage, wie die Angehörigen vom Tod erfahren hätten, sagte die Zeugin: "schwierig." Der Verfassungsschutz habe das Interesse gehabt, die Legende des unter falschem Namen in einem Zeugenschutzprogramm untergebrachten Mannes aufrecht zu erhalten.

Der Bericht des SPIEGEL über den Tod der einstigen Top-Quelle habe den Plan aber durchkreuzt. "Wenn es den SPIEGEL-Artikel nicht gegeben hätte, wüssten die Angehörigen vermutlich heute noch nichts", sagte die Obfrau der Grünen, Verena Schäffer. "Corelli" war in Paderborn im April 2014 im Alter von 39 Jahren tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Er soll an einer unerkannten Diabetes gestorben sein.

Der aus Halle in Sachsen-Anhalt stammende Thomas R. alias "Corelli" war über viele Jahre hinweg eine Top-Quelle des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) in der rechtsextremistischen Szene. Sein Name tauchte mehrfach im Zusammenhang mit der 2011 enttarnten Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) auf. So traf R. mindestens einmal den späteren mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos persönlich; auch fanden Ermittler R.s Daten auf einer Telefonliste des NSU.

"Regelverstöße und Schwachstellen" auf allen Ebenen

Anfang April 2014 wurde "Corelli" tot in einer Wohnung nahe Schloss Holte-Stukenbrock in Nordrhein-Westfalen gefunden. Der 39-Jährige hatte dort zuletzt unter falscher Identität in einem Zeugenschutzprogramm des BfV gelebt.

Kurz vor seinem Tod war eine CD mit der Aufschrift NSU/NSDAP aufgetaucht. Sie enthält unter anderem von "Corelli" gedrehte Videos. das BfV erhielt die CD schon im Jahr 2005, damals wurde sie aber wohl übersehen. Zu der CD konnte der langjährige V-Mann nicht mehr befragt werden.

Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Todesumstände wurde nach und nach eine Reihe von Fehlern und Merkwürdigkeiten beim Inlandsgeheimdienst publik. So tauchten etwa wiederholt Mobiltelefone und SIM-Karten des Toten auf, die offenbar jahrelang in der Behörde gelagert waren. Mittlerweile wurden dort 23 zum Fall "Corelli" gehörige Handys gezählt.

Zuletzt hatte der SPIEGEL berichtet, dass sich in der Affäre um den früheren V-Mann beim Bundesamt für Verfassungsschutz auf allen Ebenen etliche "Regelverstöße und Schwachstellen" offenbart haben. In einem vertraulichen Untersuchungsbericht des Bundesinnenministeriums attestierte der frühere Ministerialdirektor Reinhard Rupprecht demnach ein "Versagen der vierfach gestaffelten Dienst- und Fachaufsicht im BfV - von der Amtsleitung über die Abteilungsleitung, Referatsgruppen- und Referatsleitung".

mxw/dpa