Anschlag auf Hells Angel Schüsse auf dem Parkplatz

Der Rockerkrieg eskaliert: In Oberhausen haben Unbekannte einen Hells Angel niedergeschossen. Die Polizei vermutet die Täter in den Reihen eines rivalisierenden Motorradclubs.

Spurensicherung in Oberhausen: Beleidigungen im Internet
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Spurensicherung in Oberhausen: Beleidigungen im Internet

Von , Oberhausen


Der Burger-King-Parkplatz im Oberhausener Stadtteil Sterkrade ist ein trostloser Ort. Schneereste, nasser Asphalt, fahles Licht - es gibt schönere Flecken, selbst im Ruhrgebiet. In dieser tristen Umgebung hätte am Sonntagnachmittag, gegen halb sechs, ein 23 Jahre alter Hells Angel beinahe sein Leben gelassen.

Mindestens 13-mal schossen Unbekannte auf den schwarzen BMW des Rockers. Zweimal wurde der junge Mann in den Oberkörper getroffen, doch anstatt den Notruf zu wählen, ließ sich der Höllenengel von Kumpanen in ein Krankenhaus in Duisburg-Hamborn bringen. Der behandelnde Arzt alarmierte schließlich die Polizei, als sich etwa 70 "Brüder" des Schwerverletzten vor der Klinik versammelten.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen verdächtigen die Ermittler zurzeit einen Rocker der Tat, der bereits in der Vergangenheit durch gewalttätige Attacken - sogar auf Clubkameraden - aufgefallen ist.

Der Anschlag kommt nicht überraschend. Bereits seit Wochen bekriegen sich Hells Angels und ihre Rivalen vom Satudarah MC mit zunehmender Brutalität. Es kam bereits zu Massenschlägereien und Schüssen auf Vereinsheime. Die Polizei hatte am Freitagabend mit mehreren Hundertschaften und Panzerwagen das Milieu zu befrieden versucht - doch am Sonntag musste sie erneut mit einem Großaufgebot anrücken. Es scheint, als ließen sich die Rocker nur schwerlich von der Staatsmacht beeindrucken.

"Wir sind der Chef im Ring"

Dabei sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger noch am Samstag der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung": "Wir sind der Chef im Ring. Die Situation wird sich in den nächsten Wochen spürbar verbessern." Der SPD-Politiker stammt selbst aus Duisburg und weiß, dass viele Bürger seiner Heimatstadt das Treiben der Motorradgangs inzwischen mit großer Sorge verfolgen.

Tatsächlich gilt Duisburg nach Berlin als umkämpfteste Bikerhochburg in Deutschland. In dem ebenso großen wie umsatzstarken Rotlichtviertel der Stadt stehen sich die verfeindeten Motorradgangs seit Jahren auf den Füßen, hier erschoss der Hells Angel Timur A. im Oktober 2009 den Bandido "Eschli" Elten. Im Anschluss lieferten sich die Banden immer wieder brutale Revierstreitigkeiten und Vergeltungsaktionen.

Verschärft wurde die Situation zuletzt noch dadurch, dass sich dort weitere Gangs formierten. So schloss sich der MC Brotherhood Clown-Town im Frühjahr 2012 schließlich dem berüchtigten Satudarah MC aus den Niederlanden an. Laut nordrhein-westfälischem Innenministerium gehören der Bande etwa 30 Rocker an. "Die Mitglieder sind überwiegend keine deutschen Staatsangehörigen", heißt es in einem Bericht des Innenausschusses.

Darüber hinaus wurden in Duisburg auch schon Männer mit Shirts des Rockerclubs Mongols gesichtet, zudem haben sich in der Region das Chapter Bosporus West des Rockerclubs Gremium und ein Ableger der vor allem in Baden-Württemberg starken Türstehergang United Tribuns eingerichtet.

Was ist der Grund?

Doch was ist der Grund für die eskalierenden Straßenkämpfe in der Ruhrgebietsstadt? Wie aus einem vertraulichen Lagebericht der Polizei hervorgeht, vermuten die Ermittler Revierstreitigkeiten als Auslöser der Konflikte. Demnach sollen die Satudarah-Anhänger im Internet die Platzhirsche der Hells Angels beleidigt haben. Hinzu kommt, dass einige mutmaßlich beteiligte Höllenengel sich offenbar vor den eigenen Leuten unbedingt mit Gewaltakten beweisen wollen.

Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler könnten einige der Angreifer nämlich zu den Krefelder Hells Angels gehören, die im November unter Führung des Deutsch-Iraners Ramin Y., 24, von den Bandidos zur Konkurrenz übergelaufen waren. Die Polizei mutmaßt, dass die Männer in Duisburg "Konflikt verschärfend" wirkten, weil sie sich in den Strukturen ihres neuen Clubs profilieren wollten. Auch Szenekenner aus dem Rockermilieu äußern diesen Verdacht.

Nach Einschätzung der Ermittler ist die Situation jedenfalls brisant. "Mitglieder beider Gruppierungen haben Zugang zu Waffen unterschiedlichster Art", notierte ein Kriminaloberrat des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts in einem Bericht. Im Konfliktfalle sei mit dem Einsatz dieser Waffen zu rechnen. Im Vorfeld von Auseinandersetzungen erfolge mitunter eine verdeckte Deponierung der Messer, Pistolen und Knüppel. Insgesamt gelte derzeit für die Rockerszene im Westen: "Die Gesamtlage bleibt dynamisch."

Um die Hintergründe der Tat zu klären und eine Eskalation zwischen Hells Angels, Bandidos und der niederländischen Gruppe Satudarah zu vermeiden, kontrollieren die Beamten derzeit sämtliche Szenetreffpunkte Duisburgs. Ein Sprecher der Polizei: "Da ist momentan viel Druck im Kessel."

Mitarbeit: Claas Meyer-Heuer



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