Odenwald-Kritiker "Das Beste wäre eine geordnete Insolvenz"

Die Odenwaldschule hat aus den Missbrauchsfällen nichts gelernt - sagt der Opfervereinsvorsitzende Adrian Koerfer. Im SPIEGEL-Interview fordert er: Die Schule muss sich ganz neu aufstellen.

Adrian Koerfer: Der Opfervereinsvorsitzende geht von 500 Missbrauchsfällen aus
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Adrian Koerfer: Der Opfervereinsvorsitzende geht von 500 Missbrauchsfällen aus


SPIEGEL: Warum reißt Ihre Kritik an der Odenwaldschule nicht ab?

Koerfer: Weil die Schule nichts gelernt hat. Bei der Aufarbeitung des Missbrauchs und der Entschädigung der Opfer liegt die Odenwaldschule in Deutschland ganz weit hinten - sogar hinter dem, was beispielsweise im Kloster Ettal oder anderen katholischen Institutionen gemacht wird. Die Schulleitung verweigert das Gespräch mit uns, der Trägerverein lässt uns hängen, die Lehrer haben Angst um ihren Job. Wo die Schule offen sein sollte, macht sie zu.

SPIEGEL: In dem von der Schule veröffentlichten Bericht ist die Rede von 132 Missbrauchsopfern. Sie sprechen von bis zu 500. Wie kommen Sie auf die Zahl?

Koerfer: Zum einen bekommen wir noch immer neue Meldungen von Opfern. Und dann müssen wir nur rechnen. Wir müssen von 40 Jahren Kindesmissbrauch an der Schule ausgehen, und wenn wir die Zahl der als Täter erkannten Lehrer mit der Zahl der Schüler multiplizieren, die ihnen direkt ausgeliefert waren, kommen wir auf diese Größenordnung.

SPIEGEL: Der Trägerverein hält diese Rechnung für nicht nachvollziehbar.

Koerfer: Klar, die möchten das natürlich nicht hören. Die Odenwaldschule war die bedeutendste Verbrecherschutzorganisation für Kinderschänder.

SPIEGEL: Inzwischen gibt es Berichte über zurückgehende Schülerzahlen und leerstehende Schulgebäude. Hat die Odenwaldschule noch eine Zukunft?

Koerfer: Wir wollen eine Zukunft dieser Schule. Schon allein deswegen, damit unsere Forderungen nach Entschädigung noch erfüllt werden können. Aber dafür muss sich die Schule vollkommen neu aufstellen. Das Beste wäre der Weg in eine geordnete Insolvenz.

SPIEGEL: Wie könnte das aussehen?

Koerfer: Die Insolvenz hätte den Vorteil, dass Schüler und Mitarbeiter, die gerade dort sind, die Schule nicht verlassen müssten. Die Struktur, das Führungspersonal und die Satzung der Schule müssten aber komplett ausgetauscht werden. Wichtig wäre, endlich die alte Verbindung zur Laborschule Bielefeld zu kappen, die auch den Haupttäter Becker an die Schule gebracht hat. Dann könnte man die Schule in enger Zusammenarbeit mit dem örtlichen Landrat des Kreises Bergstraße als Unternehmen führen und auch darüber nachdenken, leer stehende Häuser zu verkaufen, um endlich eine nennenswerte Summe zur Entschädigung der Missbrauchsopfer bereitstellen zu können.



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st_ivo 16.10.2011
1. Bei Insolvenz erhalten die meisten Opfer gar nichts
Offenbar weiß Herr Koerfer nicht, dass eine Insolvenz dazu führen würde, dass die meisten Opfer gar nichts bekommen würden - rechtlich sind die meisten Ansprüche längst verjährt, und der Insolvenzverwalter darf solche Ansprüche gar nicht berücksichtigen. (Aus demselben Grund dürften diese Ansprüche schon bei der Frage, ob ein Insolvenzverfahren stattfindet, nicht zu berücksichtigen sein.)
Stauss 16.10.2011
2. Sehr richtig
Die moralische Pleite haben sie ja schon angemeldet. Wie die katholische Kirche. Beide sollten sie zum Konkursrichter gehen.
spügel 16.10.2011
3. Kriminelle Vereinigungen gehören geschlossen
Zitat von sysopDie Odenwaldschule hat aus den Missbrauchsfällen nichts gelernt -*sagt der Opfervereinsvorsitzende Adrian Koerfer. Im SPIEGEL-Interview fordert er: Die Schule muss sich ganz neu aufstellen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,792045,00.html
Das dieses nicht funktioniert, hat sich doch inzwischen gezeigt. Der Spuk muss beendet werden, schon aus symbolischen Gründen. OffTopic · Die Härte: "Stayfriend-Schülerjahrgangs-Werbung" vom Spiegel direkt in diesen Artikel platziert. Da dreht sich auch Nichtopfern der Magen um.
leser008 16.10.2011
4. Weiter so ?
Zitat von st_ivoOffenbar weiß Herr Koerfer nicht, dass eine Insolvenz dazu führen würde, dass die meisten Opfer gar nichts bekommen würden - rechtlich sind die meisten Ansprüche längst verjährt, und der Insolvenzverwalter darf solche Ansprüche gar nicht berücksichtigen. (Aus demselben Grund dürften diese Ansprüche schon bei der Frage, ob ein Insolvenzverfahren stattfindet, nicht zu berücksichtigen sein.)
[QUOTE=st_ivo;8927244]Offenbar weiß Herr Koerfer nicht, dass eine Insolvenz dazu führen würde, dass die meisten Opfer gar nichts bekommen würden - rechtlich sind die meisten Ansprüche längst verjährt, und der Insolvenzverwalter darf solche Ansprüche gar nicht berücksichtigen. Herr Koerfer hat sich eben zum Thema Insolvenz nicht kundig gemacht. Da bliebe am Ende wahrscheinlich eine Menge Geld über, die aus Rechtsgründen nicht an Opfer ausgeschüttet werden dürfte. Auch an solche, die ihren Anspruch ggü dem InSOVerwalter nicht belegen können, und wer kann das schon ? Seine Idee einer geordneten Abwicklung und Neuaufstellung ist aber gut. Meine Sichtung der homepage der Schule zeigt eine erschreckende Einstellung. Keinerlei Einsicht oder Offenheit. Vielmehr wird auf der Presse und Verrätern rumgehackt. Man will einfach weitermachen. Zuständig wäre eigentlich die Schulaufsicht, im Süden wohl das Landratsamt. Den uneinsichtigen Trägerverein könnte man auflösen (gabs an meiner Schule auch nicht). Und dieses Zusammenwohnen von Schülern in Lehrerfamilien bringt offenbar auch mehr Schaden als Nutzen.
wibo2 17.10.2011
5. Schüler sollten besser nicht mit Lehrern zusammenwohnen!
Zitat von leser008[QUOTE=st_ivo;8927244]Offenbar weiß Herr Koerfer nicht, dass eine Insolvenz dazu führen würde, dass die meisten Opfer gar nichts bekommen würden - rechtlich sind die meisten Ansprüche längst verjährt, und der Insolvenzverwalter darf solche Ansprüche gar nicht berücksichtigen. Herr Koerfer hat sich eben zum Thema Insolvenz nicht kundig gemacht. Da bliebe am Ende wahrscheinlich eine Menge Geld über, die aus Rechtsgründen nicht an Opfer ausgeschüttet werden dürfte. Auch an solche, die ihren Anspruch ggü dem InSOVerwalter nicht belegen können, und wer kann das schon ? Seine Idee einer geordneten Abwicklung und Neuaufstellung ist aber gut. Meine Sichtung der homepage der Schule zeigt eine erschreckende Einstellung. Keinerlei Einsicht oder Offenheit. Vielmehr wird auf der Presse und Verrätern rumgehackt. Man will einfach weitermachen. Zuständig wäre eigentlich die Schulaufsicht, im Süden wohl das Landratsamt. Den uneinsichtigen Trägerverein könnte man auflösen (gabs an meiner Schule auch nicht). Und dieses Zusammenwohnen von Schülern in Lehrerfamilien bringt offenbar auch mehr Schaden als Nutzen.
[QUOTE=leser008;8928849] Die Odenwaldschule sollte schnellstens abgewickelt und aufgelöst werden. Auch weil das Konzept (Zusammenleben von Schülern und Lehrern) sich als gescheitert herausgestellt hat. "Die ganze Familienideologie ist ein sehr regressives Konzept. Die großen Werke der Weltliteratur handeln nicht von Familienglück, sondern von Familienhorror." Jack Nicholson
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