Studien zum Missbrauch an der Odenwaldschule Deutlich mehr Opfer als angenommen

Jahrzehntelang wurden Schüler an der hessischen Odenwaldschule missbraucht. Zwei aktuelle Studien dokumentieren nun das Ausmaß der Übergriffe - und sprechen von Hunderten Opfern.

Odenwaldschule in Hessen
DPA

Odenwaldschule in Hessen


An der hessischen Odenwaldschule sind mehr Schülerinnen und Schüler sexuell missbraucht worden als bisher angenommen. Das geht aus zwei Studien hervor, die nun in Wiesbaden vorgestellt wurden. Bis zu 900 Jugendliche wurden demnach an dem ehemaligen Eliteinternat im hessischen Heppenheim zwischen 1966 und 1989 sexuell missbraucht. Bislang war von mehr als 130 missbrauchten Schülerinnen und Schülern die Rede.

"Die dort über Jahrzehnte praktizierte sexuelle und emotionale Ausbeutung von Schülerinnen und Schülern lässt keine andere Diagnose zu als die eines manipulativen, selbstherrlichen und schäbigen pädagogischen Systems, in dem alle Kinder und Jugendliche massiven Entwicklungsrisiken ausgesetzt wurden", sagte Florian Straus vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP). Es hat eine der beiden Studien erstellt.

Für seine Forschungsarbeit wurden 64 Menschen aus dem Umfeld der Schule interviewt, 36 davon waren Schüler. Die Odenwaldschule habe als Eliteschule ein System geschaffen, das sich um sich selbst gedreht habe. Sie habe sich "von den Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Welt" bewusst abgegrenzt.

Mehr als zwei Dutzend Täter

Die ausgewerteten Aktenmaterialien und Daten ließen außerdem Rückschlüsse auf mehr als zwei Dutzend Täter unter den pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Odenwaldschule zu, sagte Jens Brachmann vom Institut für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik an der Universität Rostock. Es hat die zweite Studie verfasst. "Die Odenwaldschule konnte keine Zukunft haben, weil sie sich nicht der Aufarbeitung der Verbrechen stellte", lautet das Urteil der Forscher. Die Schulleitung habe immer wieder versucht, Vorfälle intern zu klären.

Anders als vermutet seien die Täter an dem Eliteinternat nicht ausnahmslos Männer gewesen. Die Materialien ließen Rückschlüsse auf mindestens fünf pädagogische Mitarbeiterinnen zu.

"Die haben noch Täterinnen und Täter entdeckt, von denen wir nichts wussten", sagt Adrian Koerfer, ehemaliger Gründungsvorsitzender des Vereins Glasbrechen, dem Zusammenschluss der Betroffenen. Koerfer wurde selbst Opfer von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule. Grund zur Erleichterung gebe es nicht, sagt er. "Dafür ist die unfassbare Zahl der Opfer, 500 bis 900 laut einer der beiden Studien, zu hoch. Die Zahl der Taten und Täter und Täterinnen ebenso."

In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren unter dem damaligen Schulleiter Gerold Becker und mehreren anderen Lehrern an dem Eliteinternat zahlreiche Schüler missbraucht worden. Von den erst vor wenigen Jahren aufgedeckten Skandalen erholte sich die Odenwaldschule bei Heppenheim, einst führend in der Reformpädagogik, nicht mehr. Sie musste Insolvenz anmelden und wurde abgewickelt. Der Betrieb an der Privatschule endete Anfang September 2015.

Minister Klose: "Bitte um Verzeihung"

Die Aufarbeitung hätte schon viel früher erfolgen sollen, sagte Studienautor Straus. Die Studien des IPP und der Universität Rostock waren 2014 vom damaligen Trägerverein der Odenwaldschule und dem Verein Glasbrechen in Auftrag gegeben und vom hessischen Sozialministerium mitfinanziert worden. Mehr als 450 laufende Meter Akten, mehrere Hundert Pläne und 50.000 Bilder, Audio- und Videokassetten wurden bearbeitet, ehemalige Schüler und Lehrer befragt.

Landessozialminister Kai Klose von den Grünen teilte mit: "Für dieses Versagen der staatlichen Stellen bitte ich alle, denen auch deshalb Leid widerfahren ist, als heute verantwortlicher Minister um Verzeihung."

apr/dpa/AFP



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