Offensive gegen Drogenkartell Schlacht um Rio

In Rio de Janeiro liefert sich die brasilianische Polizei eine erbitterte Schlacht mit Drogenbanden. Mit Panzern und Hubschraubern versucht sie, Kriminelle aus den Slums zu drängen. Die neuen Kämpfe sind der Höhepunkt eines tödlichen Machtkampfs, unter dem die Bevölkerung seit Jahren leidet.

Von


Hamburg - Brennende Autos, Überfälle, Schießereien auf offener Straße, konfiszierte Bomben an der Copacabana: In Rio de Janeiro liefern sich Militär und Polizei mit Drogenbanden aus den Elendsvierteln eine erbitterte Schlacht.

Am Donnerstag erreichte die Gewalt einen neuen Höhepunkt. Mit Panzern und Hubschraubern stürmte die Polizei in die Favela Vila Cruzeiro, eine Parallelwelt, in der das "Comando Vermelho" herrscht. Schätzungen zufolge kontrolliert die Bande gut 40 Prozent des lokalen Markts für illegale Drogen, ihre paramilitärischen Einheiten sind zum Teil mit Schnellfeuergewehren und Stinger-Raketen ausgerüstet.

Die Zeitung "O Globo" beschreibt die Ausschreitungen mittlerweile als "Krieg". Sie hat eine Landkarte erstellt, die das Ausmaß der Gewalt zeigt. Vor allem Rio ist von roten Stecknadeln und Warnhinweisen bedeckt. In der Stadt leben rund zwei Millionen Menschen in den mehr als tausend Favelas. Obwohl die Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva die Sozialleistungen enorm ausgeweitet hat, herrscht in Teilen der Stadt noch blanke Existenznot. Die Armut treibt den Banden immer neue Mitglieder zu. In manchen Favelas regieren die Drogenbosse wie Bürgermeister, teilweise seit Jahrzehnten.

Jetzt will die Regierung die Macht der Unterwelt ein für alle Mal brechen, vor allem in Rio. Denn die Stadt gilt als Gesicht Brasiliens. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 werden Millionen Besucher in die Metropole strömen, zwei Jahre später werden dort die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. Bis zum Start der Großevents sollen die Drogenbosse aus den Slums vertrieben sein. Immer wieder liefern Regierung und Banden sich Scharmützel - zum Leid der Bevölkerung.

Fotostrecke

11  Bilder
Straßenkampf in Brasilien: Panzer und Maschinengewehre
Am Freitag veröffentlichte "O Globo" Fotos und Augenzeugenberichte von den neusten Ausschreitungen, die Leser eingeschickt hatten. Feuerwehrleute sind darauf zu sehen, die ein völlig ausgebranntes Omnibuswrack einschäumen, Hubschrauber kreisen über den Baracken der Favelas, schwarzer Rauch steigt über dem Zentrum auf. Ein Leser beschrieb, wie sich Drogendealer und Polizisten am Fuße einer Kirche bekriegten: "Anwohner wurden verletzt." Sie hätten Probleme gehabt, ins nahe gelegene Krankenhaus zu kommen.

Wie viele Menschen bei dem Sturm auf die Slums das Leben verloren, ist unklar. Agenturen berichten von mehr als 25 Toten, nach Angaben der Zeitung "Folha de São Paulo" wurden mittlerweile 39 Menschen erschossen, darunter auch Unbeteiligte. Eine 14-Jährige sei zu Hause am Computer von einer Kugel getroffen worden.

Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht - eher dürfte sich die Lage in den kommenden Tagen verschärfen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sollen 800 Soldaten, zwei Helikopter und zehn Panzer die Polizei verstärken.

Doch auch die Gegenseite dürfte nicht nachgeben: Zwar wurden nach Angaben der Polizei 192 verdächtige Personen verhaftet. Doch Hunderte Mitglieder der Drogenbanden konnten der Polizei entkommen. Im Fernsehen laufen Bilder von Bandenmitgliedern, die, die Waffe geschultert, in benachbarte Slums fliehen.

In einigen Teilen der Stadt schlagen die Banden bereits zurück. Laut "O Globo" errichteten sie Barrikaden und raubten Autofahrer aus. Sie zündeten Busse an und terrorisierten die Bevölkerung. Viele Geschäfte und Schulen blieben geschlossen. Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, forderte die Bürger auf, Ruhe zu bewahren.

Krawalle seit Sonntag

Die Krawalle der Drogenbanden begannen bereits vergangenen Sonntag mit dem Beschuss einer Polizeistation und Brandanschlägen auf Autos. Den Befehl für ihre Attacken sollen die Drogenbanden aus dem Gefängnis bekommen haben - von inhaftierten Bossen.

Wie die "Neue Zürcher Zeitung" berichtet, sind verschiedene verdächtige Häftlinge inzwischen in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt worden, um den Informationsfluss zu unterbinden. Doch auch ohne die mutmaßlichen Anführer gingen die Angriffe weiter. Allerdings wirkten die Attacken unkoordiniert. Sie dienten offenbar hauptsächlich dazu, die Bevölkerung einzuschüchtern.

Seit inzwischen gut drei Jahren setzt die Regierung die Drogenbanden massiv unter Druck. Trotzdem ist ungewiss, ob ihre Strategie Erfolg haben wird. Die grundlegenden sozialen Probleme, die den Banden in die Hände spielen, können sie zumindest kurzfristig nicht beseitigen. Dennoch haben Polizei und Regierung ihre Methoden der Banden-Bekämpfung mit der Zeit verfeinert.

Befriedungspolizei gegen Bandenherrschaft

Zu seinem Amtsantritt im Januar 2007 versuchte Gouverneur Cabral zunächst, die Banden mit Gewalt zurückzudrängen. Er schickte 1350 militarisierte Polizisten in den Complexo do Alemão, mit geschätzt 160.000 Einwohnern eine der größten Favelas in Rio und die Schaltzentrale des "Comando Vermelho". 44 Menschen starben, darunter elf Unbeteiligte - und als die Polizei wieder abzog, übernahm das "Comando" Schritt für Schritt wieder die Macht.

Seit gut zwei Jahren setzt Cabral auf sanftere Methoden. In immer mehr Slums richtet die Polizei Posten ein, die Beamten vor Ort kooperieren eng mit der Bevölkerung. Die Spezialeinheiten heißen Polícia Pacificadora, zu deutsch: Befriedungspolizei. Umgerechnet 1,7 Milliarden Dollar steckte Cabral in die Urbanisierung der Slums. Um Korruption vorzubeugen, werden die Männer besser bezahlt als ihre Kollegen. Bereits in 13 Favelas sind Besänftigungsbeamte stationiert, vorwiegend in der touristischen Südzone Rios. Bis 2014 sollen die Einheiten 40 Favelas permanent überwachen.

Inwieweit die Strategie funktioniert, ist noch nicht klar. Berichten zufolge gelingt es den Polizisten in einigen Regionen, Favelabewohner auf ihre Seite zu ziehen. Die Frage ist, wie nachhaltig diese Bemühungen sind. "Ich denke nicht, dass die Polizisten bei der Slum-Bevölkerung besonders beliebt sind", sagte Álvaro Maciel Júnior, der für ein lokales Jugendzentrum in der Favela Babilônia arbeitet, der "Financial Times". Alba Zaluar, Koordinator des Gewaltforschungszentrums an der staatlichen Universität in Rio fürchtet gar, dass die Favelabosse die Besänftigungspolizei attackieren könnten.

Andere Experten vermuten, dass die Polizisten nur vorübergehend in den Slums stationiert sind - und wenn, dann vor allem in den Gegenden mit besonders vielen Touristen. Die Finanzierung des Projekts läuft 2016 aus - kurz nach Ende der Olympischen Spiele. Doch José Mariano Beltrame, der die Polícia Pacificadora leitet, widerspricht. "Die Bevölkerung will nicht, dass alles wieder wie vorher wird", sagte er der "Financial Times". Erste Erfolge im Kampf gegen die Drogenbosse seien schon sichtbar.

insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
FMK 26.11.2010
1. Nanu - noch keine Antwort?
... das kann ja nicht sein. Oder .... ist die Meinung des Volkes vielleicht nicht erwünscht?
a.maniac 26.11.2010
2. ...
eine massive Liberalisierung der Drogengesetze WELTWEIT würde den Drogenkartellen die Grundlage der Existenz nehmen. Aber ich vermute das schlichtweg Dummheit und/oder Korruption als eine Hauptursache eine grundlegende Änderung der Drogenpolitik verhindert.
Evilbeagle 26.11.2010
3. schwierig
Zitat von a.maniaceine massive Liberalisierung der Drogengesetze WELTWEIT würde den Drogenkartellen die Grundlage der Existenz nehmen. Aber ich vermute das schlichtweg Dummheit und/oder Korruption als eine Hauptursache eine grundlegende Änderung der Drogenpolitik verhindert.
Die Liberalisierung die Sie fordern ist schwierig. Man darf den Wirtschaftsschaden und die Kosten von neuen Bedürfitigen welche bei Freigabe von Drogen entstehen würden nicht vernachlässigen. Dass schon legale Drogen sehr großen Schaden anrichten, ist ja allgemein bekannt.
MikeZ48 26.11.2010
4. Bericht von der Front
Was für ein erschütternd uniformierter Artikel Herr Schultz. Ich lebe seit über 20 Jahren in Rio, gestatten Sie mir einige kleine Kommentare: Zitat "In manchen Favelas regieren die Drogenbosse wie Bürgermeister, teilweise seit Jahrzehnten." Haben Sie scon Bürgermeister gesehen, wie Eliseu Maluco,der den Jornalisten Tim Lopez lebendigen Leibes in der Mikrowelle einäscherte, weil dieser über Ausbeutung minderjähriger Mädchen in seiner Favela berichten wollte? Zitat "In einigen Teilen der Stadt schlagen die Banden bereits zurück" Das mit dem Zurückschlagen hatte in unserer Geschichte schon jemand benutzt, der erfolgreicher im Verdrehen von Tatsachen war. Nach Wochen der Einschüchterung der Bevölkerung durch Verbrennen von Bussen, Überfällen und Morden schlägt die Ordnungsmacht mit Unterstützung der Bevölkerung zurück Zitat: "Die Spezialeinheiten heißen Polícia Pacificadora, zu deutsch: Besänftigungspolizei" Richtige Übersetzung: Befriedungspolizei. Macht mehr Sinn ! .
Berta, 26.11.2010
5. leiden
Zitat von sysopIn Rio de Janeiro liefert sich die brasilianische Polizei eine erbitterte Schlacht mit Drogenbanden. Mit Panzern und Hubschraubern versucht sie, Kriminelle aus den Slums zu drängen. Die neuen Kämpfe sind der Höhepunkt eines tödlichen Machtkampfs, unter dem die Bevölkerung seit Jahren leidet. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,731367,00.html
ich glaube die Bevölkerung leidet unter Armut.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.