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04. Februar 2015, 18:10 Uhr

Oktoberfest-Attentat

Neue Spur zur abgerissenen Hand

Von , München

Nach dem Oktoberfest-Attentat 1980 fand man eine abgerissene Hand - die Ermittler ordneten sie Gundolf Köhler zu, den sie für den Alleintäter hielten. Doch der Journalist Ulrich Chaussy berichtet nun von einer neuen Zeugin.

Am späten Abend des 26. September 1980 explodierte am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes eine Bombe, zurück blieb ein Chaos, auf dem Boden Leichen, Schwerverletzte, Metallteile. Wenige Minuten nach dem größten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik stand ein Polizist etwa 25 Meter entfernt und regelte den Verkehr der an- und abfahrenden Rettungswagen. Plötzlich trat er auf etwas Weiches, einen blutigen Klumpen. Er wendete ihn mit der Schuhspitze und fand eine abgerissene Hand.

Die Hand übergab er Kollegen. Doch wo war das Opfer, dem die Bombe diese Hand abgerissen hatte? Nicht auffindbar. Es gab in dieser Nacht weder in der Gerichtsmedizin noch in den Notaufnahmen der Kliniken einen Toten oder Schwerverletzten, dem diese Hand fehlte.

Gehörte die Hand einem Mittäter?

Der Körper von Gundolf Köhler, der die Bombe in einen Papierkorb neben dem Eingang platziert hatte, war zerfetzt worden. Bayerns Staatsanwaltschaft und die Polizei legten sich schnell fest: Der 21 Jahre alte Student aus Donaueschingen sei Einzeltäter gewesen. Köhlers Bombe riss 13 Menschen in den Tod, mehr als 200 wurden schwer verletzt.

Die gefundene Hand war vom Sprengstoff derart beschädigt, dass keine Blutgruppe identifiziert werden konnte. Dafür Fingerabdrücke. Die gleichen Fingerabdrücke fand man auf Köhlers Studienunterlagen in seinem Zimmer im Elternhaus. Die Ermittler sind sich bis heute sicher, dass die abgerissene Hand zu Köhler gehört.

Eine Erklärung lautete auch: Wäre einem anderen Menschen bei der Bombenexplosion eine Hand abgerissen worden, wäre er ohne sofortige Hilfe verblutet und außerdem so schwer verletzt, dass er sich nicht vom Tatort hätte entfernen können.

Dennoch: Je mehr die Zweifel an der Einzeltäterschaft Köhlers wuchsen, je mehr Hinweise es auf Mittäter aus der rechtsextremen Szene gab, desto mehr Spekulationen rankten sich in den vergangenen Jahren um diese Hand. Gehörte sie einem Mittäter? Und: Warum wurden im Zimmer von Köhler nur auf einigen Papieren Fingerabdrücke dieser Hand gefunden, sonst jedoch nirgends? Fatal ist, dass die Hand inzwischen aus der Asservatenkammer verschwunden ist. Ein DNA Abgleich ist nicht mehr möglich.

Der Patient verschwand nach fünf Tagen

Doch nun verfolgt der Journalist Ulrich Chaussy die Spur eines rätselhaften Patienten. Er recherchiert seit Jahrzehnten zum Attentat und trug dazu bei, dass die Bundesanwaltschaft im Dezember entschied, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. In einem Themenschwerpunkt zum Oktoberfest-Attentat zeigt die ARD an diesem Mittwochabend den Spielfilm "Der blinde Fleck" und danach Chaussys Dokumentation über neue Zeugenaussagen.

Darin äußert sich eine Krankenschwester. Sie behauptet, sie habe kurz nach dem Anschlag im Oststadt-Klinikum von Hannover einen jungen Mann versorgt, dem der Unterarm bei einer Sprengstoffexplosion abgerissen worden war. Der Mann habe nichts über den Hergang des Unfalls erzählt und sei nach fünf Tagen plötzlich spurlos verschwunden. Besuch habe er von Männern bekommen, die sie der rechten Szene zuordnet. Chaussy glaubt nun, die Zeugin könnte möglicherweise den entscheidenden Hinweis auf einen Mittäter geben.

Doch wie sollte es ein derart schwer Verletzter mit abgerissenem Unterarm von München bis nach Hannover schaffen? Und müsste er nicht auch weitere Brandwunden und Splitterschäden aufweisen? Wie kämen seine Fingerabdrücke auf die Studienunterlagen Köhlers? Und warum meldet sich die Krankenschwester erst mehr als 34 Jahre nach dem Attentat?

Die Geschichte der übrig gebliebenen Hand war schließlich in den vergangenen Jahren häufig in den Medien berichtet worden. Der Journalist Chaussy sagt dazu, der Patient habe sich vor seiner Reise nach Hannover möglicherweise in eine medizinische Notversorgung vor Ort begeben. Und man habe bei Explosionen schon erlebt, dass Opfer von umherfliegenden Metallteilen unversehrt bleiben, da andere Menschen vor ihnen einen "Splitterschirm" gebildet hätten.

Chaussy zeigt in seiner Dokumentation auch ein Gespräch mit dem ehemaligen Sprengstoffexperten des Bundeskriminalamts, Gerd Ester, der die Oktoberfest-Bombe rekonstruiert hatte. Ester ist der Ansicht, Köhlers Hände seien bei der Explosion atomisiert worden. Man habe also später gar keine Hand von ihm finden können. Daniel Harrich, Regisseur der ARD-Doku, versichert, bei der neuen Spur handle es sich keinesfalls um "wilde Spekulationen". Zudem gebe es noch andere Zeugenaussagen, die den Verdacht erhärten, es habe sich um einen größeren Kreis von Mittätern gehandelt. Harrich: "Wenn man diesen Spuren nicht nachgeht, macht man den gleichen Fehler wie damals."


"Der blinde Fleck - Das Oktoberfestattentat" und "Attentäter - Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat", Mittwoch, ab 20.15 Uhr, ARD

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