Olympia-Held Jewell tot Gefeiert, gejagt, gebrochen

Er rettete Hunderte - und wurde des Mordes verdächtigt: Richard Jewell entdeckte 1996 die tödliche Bombe bei den Olympischen Spielen von Atlanta. Dann wurde er beschuldigt, sie selbst gelegt zu haben. Obwohl er später entlastet wurde, erholte er sich nie. Gestern starb er mit nur 44 Jahren.

Von , New York


New York - Es waren die letzten Olympischen Spiele des "amerikanischen Jahrhunderts" ("Newsweek"). Die "Gute-Laune-Spiele", juchzte das "Atlanta Journal-Constitution", das lokalpatriotische Monopolblatt. Mehr als 10.000 Athleten und drei Millionen Zuschauer kamen 1996 nach Atlanta, um dort eine Spartakiade des Kommerzes und der - sportlich gerechtfertigten - Selbstbeweihräucherung zu erleben. "Ich will, dass ihr die anderen fertig macht", hatte Präsident Bill Clinton den US-Athleten zuvor befohlen.

Wochenlang wurde die damals sonst eher als Mördergrube bekannte Hauptstadt Georgias zur "sichersten Stadt des Planeten", wie Bürgermeister Bill Campbell prahlte. 108 Millionen Dollar kosteten die Schutzmaßnahmen, es war die bis dahin größte Sicherheitsaktion in der US-Geschichte: 30.000 Polizeibeamte, Hunderte Agenten von FBI, Zoll und Waffenbehörde ATF, 1000 Live-Videokameras, Ausweise mit Computerchips - ein gigantischer Aufwand für die Vor-9/11-Ära.

Dann, am neunten Tag der Spiele, ging eine Bombe hoch - mitten im Centennial Olympic Park, im Herzen Atlantas. Obwohl es nach ein Uhr nachts war, befanden sich dort noch viele Besucher, zu einem Konzert auf der Wiese. Zwei Menschen starben, 111 wurden verletzt.

Doch noch für einen weiteren begann mit der Bombe ein langes Sterben - den Wachmann Richard Jewell, den die Behörden und Medien vorschnell als Bombenleger beschuldigten. Obwohl sich Jewell später als völlig unschuldig erwies, erholte er sich nie wieder von dem Rufmord auf Raten. Gestern starb er, erst 44 Jahre alt - das späte Opfer von rauschartiger Rachelust, Behördenschlamperei und journalistischer Verantwortungslosigkeit.

Chaotische Suche nach dem Attentäter

Die mit Nägeln und Schrauben gespickte, dreifache Rohrbombe war in einem Rucksack versteckt, unter einer Bank im Olympiapark. Jewell, damals 33, bemerkte das herrenlose Paket, alarmierte die Polizei und begann dann, das Areal zu evakuieren. Er rettete Hunderte, bevor der Sprengsatz um 1.21 Uhr explodierte. Die 44-jährige Touristin Alice Hawthorne starb. Der türkische Reporter und Kameramann Melih Uzunyol, 40, erlag einem Herzinfarkt, während er über die Folgen der Explosion berichtete.

Zwei Tage lang feierten sie Jewell als Helden. Derweil diktierte IOC-Generaldirektor François Carrard den internationalen Journalisten noch in der Bombennacht jene Verbrämung der Worte von München 1972 in die Blöcke, die nun auch das Motto Atlantas wurden: "The Games must go on." Oder, so das "Journal": "Die Party geht weiter!" Der Bürgermeister rief: "Die Geschichte dieser Olympischen Spiele wird am Ende die Geschichte einer Stadt sein, die über die Tragik triumphierte."

Es sollte anders kommen. Die Jagd nach dem Attentäter verlief chaotisch. Jemand anderes außer Jewell hatte die Polizei telefonisch vorgewarnt. Aber der Anruf wurde eine halbe Stunde lang verschludert, trotz modernster Abhörtechnologie. Der TV-Sender NBC spekulierte über "muslimische Gruppen". CNN hatte irgendwo Skinheads gesehen. Ein Schwarzer wurde verhaftet und wieder freigelassen. Clinton forderte die Todesstrafe für den Bombenleger. Dan Graveline, der Direktor des örtlichen Kongresszentrums, regte an, diesen am Tatort "aufzuknüpfen".

Drei Tage nach dem Anschlag dann eine hochspekulative Schlagzeile im "Journal": "FBI vermutet, Wachmann-'Held' könnte Bombe gelegt haben." Mit 378 Worten veränderte die Zeitung für immer Jewells Leben. Das FBI habe Jewell "vernommen", hieß es darin lapidar - gefolgt von dem vernichtenden Satz: "Das Profil des einsamen Bombers passt auf Jewell."



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