Zwischenbilanz zum Pistorius-Prozess Cricketschläger, WC-Tür und Zusammenbrüche

Zwei Drittel der angesetzten Verhandlungstage im Mordprozess gegen Oscar Pistorius sind vorbei, doch erst ein Bruchteil der Zeugen wurde vernommen. Eine Verlängerung des Verfahrens ist wahrscheinlich. Was haben die bisherigen Aussagen ergeben? Der Überblick.

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Pretoria - Insgesamt 15 Verhandlungstage sind im Mordprozess gegen den Paralympics-Star Oscar Pistorius angesetzt. Doch ob der Prozess wirklich am 21. März mit der Urteilsverkündung abgeschlossen sein wird, ist äußerst fraglich.

"Ich denke, das Verfahren wird zumindest bis weit in den April hineinreichen", sagt etwa die Dekanin der juristischen Fakultät an der Universität Kapstadt, Pamela Schwikkard. Und auch Vizestaatsanwältin Andrea Johnson hält das bisher angepeilte Ende für unrealistisch.

Pistorius ist wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp angeklagt. Der unterschenkelamputierte Sprintstar hatte seine Freundin in der Nacht zum Valentinstag vergangenen Jahres durch die geschlossene Badezimmertür seines Hauses erschossen. Er beteuert jedoch, das 29-jährige Model für einen Einbrecher gehalten zu haben.

Bisher wurden erst etwas mehr als ein Dutzend aller 107 Zeugen der Anklage vernommen, auch die Verteidigung darf noch Zeugen benennen. Ein erstes Bild zeichnet sich jedoch ab: Viele der bisherigen Aussagen widersprechen Pistorius' Version der Tatnacht. Der Überblick:

1. Zeugenaussagen zur Tatnacht

Tatort des Mordes: Das Haus von "Blade Runner" Pistorius
REUTERS

Tatort des Mordes: Das Haus von "Blade Runner" Pistorius

Die ersten Zeugenaussagen waren größtenteils belastend für Pistorius. Sie stehen im Gegensatz zu seiner Version, es habe keinen Streit zwischen Steenkamp und ihm vor der Tat gegeben. So berichtete gleich die erste Zeugin, Nachbarin Michelle Burger: "Eine Frau schrie furchtbar und rief um Hilfe." Auch ihr Mann Charl Johnson und eine weitere Nachbarin, Estelle van der Merwe, bestätigten das.

Weitere Zeugen schilderten einen aufgelösten Pistorius: Der von Nachbarn alarmierte Wachmann Pieter Baba berichtete von einem Telefonat mit Pistorius, in dem der Sportler zwar "Alles ist in Ordnung" gesagt habe, dabei allerdings weinte. Der Wachmann konnte einen Streit zwischen Pistorius und Steenkamp indes nicht bestätigen.

Laut Mediziner Johan Stipp hat Pistorius am Tatort gesagt: "Ich habe sie erschossen, ich dachte, sie sei ein Einbrecher, und ich habe sie erschossen." Der Sportler habe laut gebetet und Gott angefleht, sie möge nicht sterben. Weinend habe er gesagt, er würde sein Leben geben, wenn Reeva nur durchkäme.

2. Verhalten der Verteidigung

Pistorius-Verteidiger Barry Roux argumentiert vor Gericht
REUTERS

Pistorius-Verteidiger Barry Roux argumentiert vor Gericht

Pistorius' Verteidiger Barry Roux versucht, Zweifel an der Glaubwürdigkeit vieler Zeugen zu schüren, dafür geht er sie hart an. Zeugin Michelle Burger brach nach vier Stunden Kreuzverhör weinend zusammen, Roux musste sich entschuldigen. Auch Burgers Mann Charl Johnson setzte er zu: Dieser habe Aussagen gegenüber der Polizei manipuliert, um den Angeklagten zu belasten und Übereinstimmung mit der Aussage seiner Frau zu erzielen.

Roux lieferte zudem eine überraschende Theorie für die belastenden Zeugenaussagen hinsichtlich der Schreie: Pistorius selbst habe geschrien. "Wenn Herr Pistorius sehr große Angst hat, klingen seine Schreie wie die einer Frau." Zudem versuchte er nachzuweisen, dass bei der Spurensicherung in der Tatnacht geschlampt worden sei.

Und tatsächlich: Im Zeugenstand räumte der ehemalige Polizeibeamte Gilliam van Rensburg ein, dass ein Kollege die Tatwaffe ohne Schutzhandschuhe angefasst habe. Zudem sei eine wertvolle Uhr aus dem Besitz des Sprintstars spurlos vom Tatort verschwunden.

3. Pistorius' Umgang mit Waffen

Pistorius steht vor Pressevertretern: Absichtliche und versehentliche Schüsse
AP/dpa

Pistorius steht vor Pressevertretern: Absichtliche und versehentliche Schüsse

Außer der Mordanklage wird Pistorius auch beschuldigt, Waffen in der Öffentlichkeit rücksichtslos und illegal verwendet zu haben. Dieser Verdacht scheint sich zu erhärten: So berichtete der Profiboxer Kevin Lerena von einem gemeinsamen Restaurantbesuch, bei dem Pistorius einen Schuss abgefeuert haben soll, angeblich unabsichtlich.

Einen zweiten Vorfall beschrieb Pistorius' Ex-Freundin Samantha Taylor: Kurz nach einer Polizeikontrolle habe dieser mit seiner Pistole einen Schuss durch das geöffnete Schiebedach abgegeben. Der 27-Jährige bestritt den Vorfall. Taylor sagte weiter aus, dass Pistorius stets eine Feuerwaffe bei sich getragen habe.

4. Experten-Auftritte

Forensikexperte Vermeulen demonstriert Theorie zum Tathergang
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Forensikexperte Vermeulen demonstriert Theorie zum Tathergang

Der Pathologe Gert Saayman widersprach einem wichtigen Detail in der Aussage von Pistorius zum Ablauf der Tatnacht: Nach Ansicht des Mediziners habe Steenkamp zwei Stunden vor ihrem Tod noch etwas gegessen. Pistorius hatte hingegen immer behauptet, er und seine Verlobte hätten zum Tatzeitpunkt bereits seit fünf Stunden im Bett gelegen.

Aufsehen erregte der Auftritt von Johannes Vermeulen, dem Forensikexperten der südafrikanischen Polizei: Er demonstrierte an der im Gerichtsaal aufgebauten WC-Tür den möglichen Tathergang. Zunächst bestätigte er Pistorius' Darstellung, dieser habe keine Prothesen getragen, als er die Schüsse abgab. Die Staatsanwaltschaft hatte dies behauptet - und Pistorius damit ein überlegtes Handeln unterstellt, was die Mordthese stützen würde.

Unklar war hingegen der Einsatz eines Cricketschlägers: Pistorius hatte behauptet, er habe nach den Schüssen seine Prothesen umgeschnallt und dann versucht, die Tür mit dem Schläger zu öffnen. Laut Vermeulen würden die niedrigen Spuren jedoch darauf hindeuten, dass Pistorius auch zu diesem Zeitpunkt keine Prothesen trug.

5. Verhalten von Pistorius

Pistorius verzweifelt im Gerichtsaal: Heftige Reaktionen beim Pathologie-Bericht
AFP

Pistorius verzweifelt im Gerichtsaal: Heftige Reaktionen beim Pathologie-Bericht

Zum Prozessauftakt erschien Pistorius im schwarzen Anzug, er wirkte ernst und bedrückt, schaute die meiste Zeit zu Boden. Beim Bericht des Pathologen, der den Zustand der verstorbenen Steenkamp beschrieb, brach er zusammen, übergab sich und begann zu schluchzen. Er wurde von Angehörigen über die Gerichtsbank hinweg getröstet. Ebenso heftig reagierte Pistorius, als Fotos vom Tatort gezeigt wurden.

bka/dpa/AFP/Reuters

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
jjcamera 15.03.2014
1. Guter Anwalt
Zitat von sysopGetty ImagesZwei Drittel der angesetzten Verhandlungstage im Mordprozess gegen Oscar Pistorius sind vorbei, doch erst ein Bruchteil der Zeugen wurde vernommen. Eine Verlängerung des Verfahrens ist wahrscheinlich. Was haben die bisherigen Aussagen ergeben? Der Überblick. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/oscar-pistorius-prozess-in-pretoria-die-zwischenbilanz-a-958463.html
Wenn Hoeneß Herrn Roux als Anwalt gehabt hätte, hätte dieser die Theorie aufgestellt, das Geld habe sich von alleine auf den Weg in die Schweiz gemacht und dort unkontrolliert vermehrt, ohne dass sein Mandant davon wusste.
papayu 15.03.2014
2. Das hier gelogen wird, ist doch klar!!
Wer schiesst denn durch eine verschlossene Badezimmertuer und gleich 4x?? Wie soll denn da ein Einbrecher drin sein?? Alle anderen Aussentueren waren doch verschlossen/ Herr P. ist doch schon bei den Wettkaempfen aufgefallen! Ein Psychopath, dem nicht bewusst wird, was da geschehen ist???
acip 15.03.2014
3. So du mir, so ich dir
Zitat von sysopGetty ImagesZwei Drittel der angesetzten Verhandlungstage im Mordprozess gegen Oscar Pistorius sind vorbei, doch erst ein Bruchteil der Zeugen wurde vernommen. Eine Verlängerung des Verfahrens ist wahrscheinlich. Was haben die bisherigen Aussagen ergeben? Der Überblick. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/oscar-pistorius-prozess-in-pretoria-die-zwischenbilanz-a-958463.html
oder auch: Leben und leben lassen (vivre et laisser vivre) oder im Englischen: Tit for tat oder als Bibelzitat: Auge um Auge, Zahn um Zahn Es gibt viele Sprüche für diesen Sachverhalt. Ich möchte wetten, wenn der Verteidiger höflicher gewesen wäre, würde die Anklage auch weniger hart sein. Gruß, pica
nurmalso2011 15.03.2014
4. Die einzige Verteidigung....
seine Selbstdarstellung, seine schauspielerischen Fähigkeiten und ein Verteidiger, der alles in Frage stellt, nur die Wahrheitsliebe seines "Schützlings" nicht. Man darf gespannt sein, welche Lügen noch zu Tage kommen - insbesondere wenn die Handy-Auswertungen besprochen werden.....
Windlerche 15.03.2014
5.
Menschen mit seelischen Störungen können durchaus geliebte Personen im Streit umbringen und dann tut es ihnen hinterher furchtbar leid. Nur die Theorie mit dem Einbrecher finde ich an den Haaren herbeigezogen. Soll er doch den Totschlag im Affekt zugeben, dann fällt die Strafe milder aus und alle Lügen erübrigen sich.
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