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Schlussplädoyer im Pistorius-Prozess: Die Lügen des Oscar Pistorius

Foto: WERNER BEUKES/ AFP

Mordprozess Staatsanwalt wirft Oscar Pistorius "viele Lügen" vor

Eine Lüge habe zur nächsten geführt, zum Schluss habe er nicht mehr aus dem Konstrukt herausgekonnt: In seinem Schlussplädoyer hat Staatsanwalt Gerrie Nel den wegen Mordes angeklagten Oscar Pistorius scharf angegriffen.

Pretoria - Vor dem Gericht in Pretoria hat Staatsanwalt Gerrie Nel in seinem Schlussplädoyer den wegen Mordes angeklagten Oscar Pistorius mehrfach der Lüge bezichtigt. Seit 9.30 Uhr versuchte Chefankläger Nel, die Richter davon zu überzeugen, dass der Paralympics-Star in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich im Streit durch eine geschlossene Badezimmertür erschossen hat.

Pistorius ist nicht nur Hauptangeklagter, sondern auch der einzige Zeuge der Tat. Nel nannte ihn einen fürchterlichen Zeugen, er sei mehr daran interessiert gewesen, sein Leben zu retten, als die Wahrheit zu sagen.

Der Staatsanwalt sprach von einem "Domino-Effekt", den Pistorius' Lügen gehabt hätten. Der Sprint-Star beteuert, er habe seine Freundin irrtümlich erschossen. Nel ist der Auffassung: Nachdem Pistorius die erste Lüge erzählt hatte, habe er nicht mehr aus dem Konstrukt herausgekonnt. "Euer Ehren, es sind einfach so viele Lügen. Es ist fast schon lächerlich", sagte er an Richterin Thokozile Masipa gewandt.

Zu Beginn des Prozesses hatte Pistorius angegeben, Steenkamp für einen Einbrecher gehalten und deshalb geschossen zu haben, im Kreuzverhör sprach er später von einem "schrecklichen Irrtum": Er habe im Affekt gehandelt, als er in rascher Folge die vier Schüsse abgefeuert habe - aber er habe niemanden töten wollen, auch keinen Einbrecher. "Er hat sich seine Version zusammengeschustert", kommentierte Nel. Anhand von Beweisfotos versuchte er, die Widersprüche in Pistorius' Aussage aufzuzeigen.

"Ängstlichkeit auf Abruf"

Er stellte Pistorius als einen verantwortungslosen Waffennarren dar. Das Argument der Verteidigung, Pistorius leide unter Angstzuständen , ließ der Staatsanwalt nicht gelten. Pistorius' Angst habe sich nicht gezeigt, als Polizisten ihn stoppten, und er aus seinem Auto heraus einen Schuss in die Luft abgab. Er sei nicht ängstlich gewesen, im Gegenteil, er habe den Beamten herausgefordert. Pistorius verfüge über "Ängstlichkeit auf Abruf" und habe sich mit seiner Verteidigung eine eigene Version des Tathergangs zurecht gelegt. Die Argumente der Verteidigung seien "frei von jeder Wahrheit".

Richterin Masipa lauschte Nels Ausführungen mit steinerner Miene, unterbrach den Chefankläger aber, um Nachfragen zu stellen.

Pistorius verfolgte das Schlussplädoyer allein auf der Anklagebank. Er schien übernächtigt, gähnte mehrfach. Er habe damit keinen guten Eindruck hinterlassen, kommentierten Beobachter.

Auch Steenkamps Eltern waren anwesend. Erstmals war auch ihr Vater im Gerichtssaal. Er hatte im Januar einen Schlaganfall erlitten.

Pistorius' Verteidiger Barry Roux wird vermutlich am Freitag, eventuell sogar noch am Nachmittag sein Plädoyer halten. Das Urteil von Richterin Masipa wird Ende August erwartet. Nach 39 Verhandlungstagen wird sie sich auf Indizien und die Glaubwürdigkeit der 36 Zeugen verlassen müssen. Keiner hatte bislang einwandfrei klären können, ob es sich bei den tödlichen Schüssen auf Steenkamp um Mord - oder einen tragischen Irrtum handelte.

Sollte der 27-Jährige wegen vorsätzlichen Mordes verurteilt werden, drohen ihm bis zu 25 Jahre Gefängnis. Lautet das Urteil auf fahrlässige Tötung, könnte er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen.

gam/dpa