Verurteilter Sprintstar Reeva Steenkamps Eltern werfen Pistorius absichtliche Tötung vor

Tötete Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich? Nein, urteilte das Gericht. Die Eltern des Opfers widersprechen nun: Was im Prozess herausgekommen sei, entspreche nicht der Wahrheit.

June und Barry Steenkamp im Gerichtssaal: Kritik am Urteil
REUTERS

June und Barry Steenkamp im Gerichtssaal: Kritik am Urteil


Oscar Pistorius hat seine Freundin Reeva Steenkamp absichtlich umgebracht - davon sind die Eltern des getöteten Models überzeugt. Entsprechend unzufrieden sind sie mit dem Urteil gegen den Sprintstar, der wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war.

June und Barry Steenkamp hatten in der Vergangenheit bereits zu verstehen gegeben, dass sie mit dem Schuldspruch gegen Pistorius wegen fahrlässiger Tötung nicht glücklich sind. Erstmals haben sie nun öffentlich die Entscheidung des Gerichts infrage gestellt.

"Was tatsächlich herauskam, ist nicht die Wahrheit", sagte Barry Steenkamp einem australischen TV-Sender. "Er wurde wütend, sie ging auf die Toilette, schloss sich ein, dann holte er die Pistole und schoss." June Steenkamp sagte: "Warum hat er sie nicht einfach fortgehen lassen?"

Zweifel der Eltern

Pistorius war im vergangenen September verurteilt worden. Richterin Thokozile Masipa sah einen Mord nicht als erwiesen an - und sagte zur Begründung, die Staatsanwaltschaft habe nicht gezeigt, dass Pistorius geschossen habe, um zu töten. Die Ankläger hatten argumentiert, Pistorius habe Steenkamp absichtlich erschossen, als er vier Kugeln durch die geschlossene Tür der Toilette seiner Wohnung feuerte. Pistorius glaubte eigenen Angaben zufolge, ein Eindringling sei in dem Raum.

Diese Version nehmen ihm Steenkamps Eltern nicht ab. In einem Buch, das ihre Sicht der Dinge schildert, schreiben sie, sie wollten mit Pistorius sprechen, um die Wahrheit über den Tod ihrer Tochter zu erfahren. Bei vier Schüssen sei es schwer, an einen Unfall zu glauben. Pistorius' Schießwut sei bekannt gewesen.

"Es war Reevas Pech, dass sie ihn getroffen hat, weil er früher oder später jemanden getötet hätte", sagte June Steenkamp der Zeitung "Times". "Wir zweifeln keine Sekunde daran: Reeva wollte Oscar in dieser Nacht verlassen."

Ankläger wollen Verurteilung wegen Mordes

Die Staatsanwaltschaft ist mit dem Urteil ebenfalls nicht zufrieden. Sie hat es angefochten und will eine Verurteilung wegen Mordes erreichen. Zur Begründung heißt es, Pistorius habe wissen müssen, dass die Person hinter der Tür durch die Schüsse umkommen könne - selbst wenn ihm nicht klar gewesen sei, dass Steenkamp sich dort aufhielt. Sollte Pistorius wegen Mordes verurteilt werden, müsste er wohl mindestens 15 Jahre in Haft.

Das Berufungsverfahren vor einem höheren Gericht in Bloemfontein soll voraussichtlich im November beginnen. Dabei werden keine neuen Zeugen gehört, sondern nur die Prozessunterlagen der ersten Instanz überprüft.

Bislang hat Pistorius zehn Monate seiner fünfjährigen Haftstrafe verbüßt. Eigentlich sollte er am vergangenen Freitag aus dem Gefängnis entlassen werden und in den Hausarrest kommen. Für diese Entscheidung habe es jedoch keine "rechtliche Grundlage" gegeben, teilte Justizminister Michael Masutha mit. Die Entlassung in den Hausarrest werde daher ausgesetzt und vom zuständigen Gremium für Haftentlassungen in den kommenden vier Monaten geprüft. Pistorius' Familie zeigte sich "schockiert und enttäuscht" darüber, dass der 28-Jährige nicht wie geplant nach Hause komme.

ulz/Reuters

insgesamt 26 Beiträge
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fatherted98 24.08.2015
1. Davon...
...kann man wohl ausgehen, dass das nicht der Wahrheit entspricht...aber das ist bei Gericht meist so. Wie ein Anwalt mal zu mir sagte...nirgends wird so viel gelogen wie in der Kirche und vor Gericht.
jogi1709 24.08.2015
2. Tröstlich ist,
dass der Mann in jeder Hinsicht erledigt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand mit so einem Typen Werbung machen will.
_a1_06081509_24 24.08.2015
3. Justiz-Skandal
Tröstlich soll das sein, das meinen Sie doch nicht ernst? Der Verlust von Werbeaufträgen als Resozialisierung? Er hat den Tod eines Menschen bewußt in Kauf genommen, geht ein Jahr ins Gefängnis und dann vier Jahre in den Luxus-Hausarrest. Einen Schwarzen hätte man gelyncht oder zwanzig Jahre eingekerkert.. Südafrika hat nicht nur ein Justiz-Problem!
io_gbg 24.08.2015
4.
Das Gerichtsverfahren war sehr ausführlich und genau. Ich habe größere Teile davon live am Bildschirm verfolgt, weil es aufschlussreich und lehrreich ist, Argumente zu hören und zu überlegen, wie folgerichtig sie sein könnten. Die Richterin Mazipa konnte m . E. auf der Grundlage der im Prozess vorgetragenen Tatsachen kaum zu einem anderen Schluss kommen: Weder ein Freispruch, noch eine Veurteilung wegen Mord entsprachen den im Prozess dargebotenen Sachvorträgen. Mazipa hat im LAuf des Prozesses meine Bewunderung gewonnen.
testuser2 24.08.2015
5. Wahrscheinlich vorsetzliche Beziehungstat - aber Einfluss von Frauenverbänden ist die falsche Entwicklung
Eine vorsätzliche Beziehungstat halte ich auch für wahrscheinlich. Die Tat muss ihm aber vor Gericht nachgewiesen werden, vielleicht bringt die Anfechtung des Urteils durch die Staatsanwaltschaft nähere Erkenntnisse. Die Entwicklung, dass Frauenverbände das Justizministerium in Südafrika so unter Druck setzen konnten, dass eine Entscheidung der Justizbehörden, Pistorius in den Hausarrest zu entlassen, außer Kraft gesetzt wurde, halte ich aber für eine schlimme Entwicklung und falsch.
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