Oslo Aufgebrachte Norweger attackieren Gefangenentransport

In die Trauer mischt sich Wut: Vor dem Gericht in Oslo haben Bürger ein Auto gestoppt, in dem sich Attentäter Anders Breivik befunden haben soll. Die Menge schlug gegen die Scheiben, die Polizei löste den Tumult auf. Der Hafttermin vor dem Richter war nach 35 Minuten beendet.


Hamburg - Bisher hat Norwegen in stiller Trauer der Opfer des Doppelattentats gedacht - nun mischt sich auch Wut in die Anteilnahme. Vor dem Gericht in Oslo haben mehrere Personen ein Auto attackiert, in dem sie Anders Breivik vermuteten. Der Wagen befand sich auf dem Weg zum Gerichtsgebäude, in dem der mutmaßliche Täter vernommen werden soll.

Die jungen Männer schlugen gegen die Scheiben und das Dach des Autos und riefen "verdammter Verräter". Die Polizei schritt ein, nach einem kurzen Stopp setzte der Wagen seinen Weg fort. Ob sich Breivik tatsächlich in dem Fahrzeug, einem dunklen Geländewagen mit getönten Fenstern, befand, ist noch nicht bekannt. Die Botschaft der Menge war jedoch eindeutig: "Alle hier wollen ihn tot sehen", sagte einer der Angreifer der Nachrichtenagentur Reuters.

Nach weniger als einer Stunde verließ ein Fahrzeugkonvoi das Gerichtsgebäude gegen 14:30 Uhr wieder. Dabei blieben Zwischenfälle aus, ob sich Breivik in einem der Wagen befand, ist allerdings auch hier nicht gesichert. Auch über eine mögliche Aussage vor dem Haftrichter gibt es bisher keine Informationen.

Vor Gericht sollte sich Breivik zu den Anschuldigungen äußern. Ihm wird die Tötung von mindestens 93 Menschen vorgeworfen. Ursprünglich wollte der 32-Jährige die Anhörung vor dem Haftrichter als Bühne nutzen, um seine wirre Ideologie zu präsentieren - doch das Gericht hat abgelehnt: Die Anhörung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ein Massenmörder soll nicht die Chance bekommen, sich zu präsentieren. Damit entsprach das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Die Anklage will zudem nach Angaben des Bezirksgerichts acht Wochen Untersuchungshaft für Breivik fordern - doppelt so viel wie üblich. Die Anklage wolle sich in dieser Zeit auf den Prozess vorbereiten, sagte eine Gerichtssprecherin.

In seinem 1516-Seiten starken Pamphlet "2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung", hatte Breivik geschrieben, er wolle die Zeit nach einer möglichen Festnahme als "Propagandaphase" nutzen (Hintergründe zum Pamphlet des Täters finden Sie hier).

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Norwegen: Ein Land in Trauer
Auch in anderen europäischen Ländern wird derzeit nach möglichen Kontakten des Attentäters gesucht. Eine Sprecherin der polnischen Staatsanwaltschaft bestätigte Ermittlungen: Auf Anfrage aus Norwegen führe man derzeit Aktionen aus. "Aber aus ermittlungstaktischen Gründen können wir keine Details bekannt geben."

Der polnische Radiosender RMF FM berichtet, die Polizei habe das Warenhaus einer Firma durchsucht, die im Internet mit Chemikalien handelt. Laut der polnischen Behörde für innere Sicherheit hat Breivik bei dem Unternehmen Düngemittel gekauft. Die Substanz sei legal erworben worden, hieß es.

In ganz Norwegen hielten die Menschen um 12 Uhr inne. "Zum Gedenken an die Opfer aus den Osloer Regierungsgebäuden und von Utøya erkläre ich eine Minute nationale Stille", verkündete Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor der Aula der Osloer Universität. Der Schienenverkehr stand für eine Minute still, auch an den Flughäfen und an der Börse wurde die Arbeit niedergelegt. An sämtlichen offiziellen Gebäuden hingen die Landesfahnen auf Halbmast. In Oslo versammelten sich die Menschen im Stadtzentrum, legten Blumen nieder und trugen sich in ein Kondolenzbuch ein.

An dem öffentlichen Gedenken beteiligten sich auch Schweden, Dänemark, Island und Finnland. Dort hatten die Regierungen die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Opfer ebenfalls zu würdigen.

Wie die Polizei bekanntgab, könnte die Zahl der Opfer nach unten korrigiert werden. Eine Sprecherin der Osloer Polizei sagte, eine mögliche Änderung der Opferbilanz werde gegebenenfalls am Nachmittag bei einer geplanten Pressekonferenz bekanntgegeben. Nach den bisherigen Angaben kamen bei dem Massaker im Ferienlager auf der Insel Utøya 86 Menschen ums Leben. Sieben weitere starben bei dem vorherigen Bombenanschlag in Oslo.

Polizei verteidigt sich gegen Vorwürfe

Unverständnis gibt es über den zeitlichen Ablauf der Tat: Hätte die Polizei nicht schneller am Tatort sein können? Erst etwa 90 Minuten nach den ersten Schüssen und rund 60 Minuten nach dem ersten eingegangenen Notruf hatte eine Spezialeinheit den Tatort erreicht. ( die Chronologie der Tat finden Sie hier). Die angeforderte Anti-Terror-Einheit hatte zunächst kein geeignetes Boot auftreiben können, ein Hubschrauber war nicht einsatzbereit. Am Montag verteidigte sich die Polizei nun gegen den Vorwurf, sie sei zu spät am Einsatzort gewesen.

Oslos Polizeichef Anstein Gjengedal sagte dem TV-Sender NRK, die Einheit "Delta" sei sofort nach dem ersten Alarmruf in Gang gesetzt worden - trotz der vorherigen Bombenexplosion im Regierungsviertel. "Wir waren schnell genug da", sagte der Polizeichef.

Zur Entscheidung, per Auto und nicht per Hubschrauber anzureisen, sagte Gjengedal: "Es war einfach das Schnellste." Der als Transportmittel einzig denkbare Hubschrauber des norwegischen Militärs habe außerhalb Oslos gestanden und wäre deshalb später am Tatort gewesen. "Wir haben mehrere Jahre lang um einen eigenen Transporthubschrauber gebeten, aber ohne Erfolg", sagte er. Der einzige Überwachungshubschrauber der Polizei war für einen schnellen Flug nach Utøya nicht einsetzbar, weil das gesamte Personal Urlaub machte.

Als die Polizei schließlich auf der Insel eintraf, ließ sich Breivik ohne Gegenwehr festnehmen. Er verfügte zu dem Zeitpunkt "noch über große Mengen Munition", sagte Ermittlungschef Sveinung Sponheim.

Laut der norwegischen Zeitung "Aftenposten" sagte der Täter in einem Verhör, er habe bei dem Anschlag auf der Insel auch die ehemalige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland treffen wollen. Die frühere Vorsitzende der Arbeiterpartei habe auf Utøya am Freitagmittag einen Auftritt gehabt. Er habe sich aber leider verspätet, sagte Breivik laut "Aftenposten", Brundtland sei nicht mehr auf der Insel gewesen. In seinem Manifest tituliert Breivik die Politikerin, die oft als "Landesmutter" bezeichnet wird, als "Landesmörderin".

Vor dem Massaker auf Utøya hatte Breivik in Oslo eine selbstgebaute Autobombe gezündet. Das Regierungsviertel wurde verwüstet, auch das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg war betroffen.

Breivik übernahm auch Passagen des "Unabombers"

Die französische Polizei durchsuchte am Montag im Süden des Landes das Haus von Breiviks Vater. Etwa ein Dutzend Beamte waren im Einsatz, das Haus wurde abgesperrt. Breiviks Vater hatte nach eigenen Angaben seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn. Ihr Mann sei wegen des Ansturms der Fotografen und Reporter am Morgen nach Spanien geflohen, hatte seine Ehefrau am Sonntag erklärt. "Wir haben eine schreckliche Nacht verbracht."

Die Frau sagte weiter, sie habe den 32-Jährigen noch nie gesehen. Am Sonntagabend hatten sich mehrere Polizisten vor der Villa des früheren Diplomaten postiert. Die Beamten seien dort, um "jeden Zwischenfall und jede öffentliche Störung" zu vermeiden, hieß es bei der Staatsanwaltschaft Carcassonne.

In seinem Manifest, das er kurz vor den Taten verschickte, fasst Breivik seine wirre Ideologie zusammen. Passagen des Dokuments sind fast wortgetreu von anderen Autoren übernommen - darunter auch Formulierungen des "Unabombers" Ted Kaczynski, der wegen einer Serie von Briefbombenanschlägen in den USA 1998 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

Breivik übernahm Abschnitte, die sich auf den ersten Seiten von Kaczynskis in den neunziger Jahren veröffentlichtem Manifest finden, ohne wie bei anderen Zitaten auf den Urheber hinzuweisen.

jok/dpa/dapd/Reuters

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Sloopy, 25.07.2011
1. Wut
Tjo. Gestern hieß es: "Aber auch in der tiefsten Trauer werden die Norweger nicht hysterisch und widerstehen dem Hass. Es ist verblüffend zu sehen, wie Politiker, Menschen auf der Straße, Angehörige auf die Tat reagieren. Sie sind traurig bis in die letzte Faser ihrer Seele, sie weinen in Würde. Doch niemand schwört Rache, niemand macht es sich bei der Suche nach Erklärungen leicht, es sind keine martialischen Reflexe zu hören. Statt Vergeltung wollen die Norweger jetzt noch mehr Humanität, noch mehr Demokratie." Soviel dazu.
amerlogk 25.07.2011
2. Nicht schon wieder....
Darauf hat die Welt gewartet, die nächste Verschwörungstheorie... Und wer es nicht verstanden hat, in dem Satz liegt ein See voll Ironie und Unverständnis.
gast2011 25.07.2011
3. kranke welt
diese tat ist verachtenswert, krank und es fehlen einem die worte! viel kraft an die hinterbliebenen und an die menschen die diese tat überlebt haben!! was mich aber sehr irritiert, zurzeit verhungern tägliche tausende, tagtäglich sprengt sich irgend ein irrer in die luft und niemand interessiert dies noch! wo ist da der aufschrei der menge? oder seh ich das
A-Schindler, 25.07.2011
4. Öffentlichkeit
Das man ihn jetzt keine Bühne geben will ist klar, aber irgendwann wird er in ein Interview Reden. Bei Toten Attentätern braucht der Staat keine Angst zu haben das die Täter sagen warum sie es taten, aber bei Lebenden schon.
Ambermoon 25.07.2011
5. Willkommen, Ambermoon.
Ein wenig Humor in traurigen Zeiten - hierfür sei Ihnen gedankt.
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