Lübeck Mutter soll Kinder in Rollstuhl verbannt haben, um Leistungen zu erschwindeln

Eine Frau aus Schleswig-Holstein soll Ärzten und Behörden vorgespielt haben, ihre Kinder seien schwer erkrankt, um Sozialleistungen zu erschwindeln. Jetzt steht sie vor Gericht.

David Ebener / DPA

Von , Lübeck


Misshandlung von Schutzbefohlenen und 18-facher gewerbsmäßiger Betrug: Seit Montag muss sich eine 49-jährige Ostholsteinerin vor dem Lübecker Landgericht verantworten, weil sie über Jahre ihre Kinder fälschlicherweise als krank ausgegeben und ihnen damit schweren Schaden zugefügt haben soll.

Laut Anklage stellte sie von 2010 bis 2016 bei Behörden und Ärzten ihre schulpflichtigen Kinder als schwer krank dar. Zu diesem Zweck soll sie Arztberichte gefälscht und gegenüber Medizinern falsche Symptome geschildert haben, um so an Atteste zu gelangen. Die Liste der mutmaßlichen Erkrankungen war lang: Sie umfasste Rheuma, Arthritis, Asthma, die Bluterkrankheit und die sogenannte Glasknochenkrankheit, bei der Nekrosen die Knochen zersetzen.

Laut Anklage soll sich Maike B. auf diese Weise 140.000 Euro an Sozialleistungen erschlichen haben. "Sie hat ihren eigenen Kindern schwere Krankheiten eingeredet, die nicht bestanden", sagte Staatsanwältin Renate Hansen am Rande der Verhandlung. "Weil sich die vier Minderjährigen vormittags nur im Rollstuhl bewegen durften, waren sie sozial und schulisch sehr beeinträchtigt."

Man müsse davon ausgehen, dass die Kinder körperliche und auch seelische Schäden davongetragen haben, hieß es, weil die Kinder irgendwann selbst geglaubt hätten, schwer krank zu sein.

Die angeklagte Mutter bestreitet die Vorwürfe. "Ich habe nichts davon getan", sagte sie dem SPIEGEL. "Ich habe alle nötigen Atteste vorgelegt und bis heute gibt es keine Untersuchungen meiner Kinder, die bestätigen, dass sie gesund sind und ich mithin gelogen habe", sagt B. nach dem Gerichtstermin. Vor Gericht äußerte sie sich nicht zu den Vorwürfen.

Eine heute 27-jährige Tochter, die das Elternhaus schon früh verlassen hatte und von den mutmaßlichen Krankheitslegenden nicht betroffen war, sagte zu Prozessbeginn als Zeugin aus. "Meine Mutter hat den Kindern erzählt, ihre Krankheiten würden sich verschlimmern, wenn sie nicht im Rollstuhl säßen", sagte sie. Sie selbst habe sich widersetzt, als die Mutter ihr habe einreden wollen, sie sei genauso krank wie ihre Brüder.

Ihre jüngere Schwester habe sie 2016 gebeten, sie bei sich aufzunehmen, weil die Situation daheim so belastend sei, so die 27-Jährige weiter. Die Mutter habe dem Umzug aber nicht zugestimmt.

Die 19-jährige Schwester verweigerte die Aussage, die minderjährigen Brüder erschienen nicht vor Gericht. Der polizeiliche Versuch, sie zum Gericht zu bringen, scheiterte.

Die drei 2002, 2005 und 2008 geborenen Jungen waren nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die Mutter in behördlicher Obhut, aus der sie zweimal versuchten zu entkommen. Derzeit leben sie bei der Mutter.

"Ich vermute, es ging meiner Mutter neben dem Geld auch um Aufmerksamkeit", sagte die älteste Tochter vor Gericht auf eine Frage der psychiatrischen Gutachterin. Ob eine psychische Störung vorliegt, wie etwa das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, bei dem Mütter ihre Kinder krank machen, um Aufmerksamkeit zu erlangen, ist unklar. Bisher hat die Angeklagte einer Begutachtung nicht zugestimmt.

Im Gerichtssaal wurde auch eine TV-Sendung aus dem Jahr 2014 abgespielt, in der die Angeklagte als Alltagsheldin mit vier behinderten Kindern vorgestellt wurde. Sachlich und eloquent berichtete B. in der Sendung von ihren Bemühungen, die "Leiden" der Kinder im Alltag zu lindern und ihnen zu einem lebenswerten Dasein zu verhelfen. Genauso, wie sie es auch bei einem Treffen mit SPIEGEL ONLINE Anfang 2014 getan hatte.

Alarmiert wurden die Behörden letztlich von einer Amtsärztin im Kreis Ostholstein, die 2016 Unstimmigkeiten entdeckt hatte und Anzeige erstattete. Die Kinder waren daraufhin vom Jugendamt in Obhut genommen und in Pflegefamilien untergebracht worden.

Der Prozess wird am 22. August fortgesetzt. Für das Verfahren vor der Jugendkammer des Landgerichts sind zehn Verhandlungstage angesetzt. Es sollen 43 Zeugen und sechs Sachverständige gehört werden. Das Urteil soll im Oktober fallen.



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