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Schießerei in Ottawa Terror in Kanadas Regierungsviertel

Ein Soldat ist tot, der Attentäter ebenfalls: Die Schießerei am Parlament in Ottawa erschüttert Kanada. Der Täter war offenbar zum Islam konvertiert - und den Geheimdiensten als hochgefährlich bekannt. Gab es Komplizen?

Das Denkmal im Zentrum der Hauptstadt Ottawa hatten sie ein paar Jahre nach dem Ersten Weltkrieg errichtet, um an Kanadas Opfer zu erinnern. Später hat man es auch dem Kampf gegen die Diktaturen im Zweiten Weltkrieg und anderen Kriegen gewidmet. Das "National War Memorial" steht gleich gegenüber vom Parlamentsgebäude, um die Ecke hat der Premierminister seinen Sitz.

Dies ist die Szenerie, in der sich im Laufe des Mittwochs die Angriffe eines oder mehrerer Täter ereigneten.

Am Abend steht fest: Ein Soldat ist erschossen worden, der mutmaßliche Täter ebenfalls, es gibt Verletzte. Und die Polizei sucht nach Mittätern. Vieles ist noch unklar: die Hintergründe, das Motiv.

Medienberichten zufolge soll es sich bei dem mutmaßlichen Attentäter um den 1982 in Kanada geborenen Michael Z.-B. handeln. Die Geheimdienste sollen ihn als "hochgefährlich" eingestuft und ihm erst kürzlich seinen Pass entzogen haben.

Ottawa, normalerweise eine der wohl ruhigsten Hauptstädte der Welt, ist erschüttert.

  • War es islamistischer Terror? Etwa, weil sich Kanada im Kampf gegen die Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS) engagiert?

  • Gibt es eine Verbindung zu dem Attentat jenes Radikalislamisten, der am Montag in einem Vorort der kanadischen Metropole Montreal einen Soldaten getötet hatte?

  • Handelt es sich um einen Einzelgänger oder steckt ein Netzwerk dahinter?

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Bluttat: Anschlag auf Parlament - Ottawa unter Schock

Foto: MICHEL COMTE/ AFP

Klar ist nur so viel: Am Morgen kurz vor 10 Uhr (kurz vor 15 Uhr deutscher Zeit) nähert sich laut Zeugenaussagen ein mit einem Gewehr bewaffneter Mann einem der Soldaten, die am Kriegerdenkmal wachen. Mit offenbar vier Schüssen in den Rücken streckt er ihn nieder, der Soldat stirbt später im Krankenhaus. Der Attentäter läuft auf das Hauptgebäude des Parlaments ("Centre Block") zu, überrumpelt die unbewaffneten Wächter am Eingang.

Dann bricht Chaos aus. Traditionell ist am Mittwoch Sitzungstag der Fraktionen, das Haus ist voll, die Abgeordnetenkammer ("House of Commons") hat 308 Mitglieder. Auch der konservative Premierminister Stephen Harper hält sich im Parlament auf, als die Schießerei beginnt. Rasch wird er in Sicherheit gebracht. Auf dem später veröffentlichten Handyvideo eines Reporters sind Dutzende Schüsse zu hören. Abgeordnete, Mitarbeiter, Journalisten verbarrikadieren sich, das Gebäude steht jetzt unter "Lockdown": Keiner kommt rein, keiner kommt raus.

Foto: HANDOUT/ Reuters

Das ist die Lage, in der Kevin Vickers zum Held wird. Der frühere Polizist ist "Sergeant-at-Arms" im kanadischen Parlament, also der Mann mit dem Hausrecht. Kanadischen Medienberichten zufolge soll er den Angreifer erschossen haben. Der konservative Abgeordnete Bob Zimmer twittert um 10.21 Uhr aus dem Innern des Gebäudes: "Einzelner Schütze gestorben. Wir sind ok."

Doch die Erleichterung währt nur kurz.

Plötzlich ist von mehreren möglichen Schützen die Rede, an vielleicht drei Orten. Schwer bewaffnete und gesicherte Polizisten draußen vorm Parlament richten ihre Blicke nach oben, suchen die Dächer der umliegenden Gebäude ab.

Foto: Peter McCabe/ AFP

Dann heißt es, vor oder in einem Einkaufszentrum nur ein paar hundert Meter weiter werde geschossen. Einsatzwagen rasen hin. Später wird sich das als Fehlinformation herausstellen.

Stundenlang wird das Zentrum Ottawas abgeriegelt, gleicht einer Geisterstadt voller Polizisten. Eine Stadt unter Schock, aber gleichzeitig im Alarmzustand. Immer wieder warnen Behörden die Anwohner, auch per Twitter: "Halten Sie sich von Fenstern und Dächern fern, die Lage ist nicht geklärt." Zufällig sind auch CSU-Politiker vor Ort, im Rahmen eines deutsch-kanadischen Dialogprogramms. Zum Zeitpunkt der Attacke habe die Delegation, darunter der frühere Parteichef Erwin Huber, gerade ihr Hotel neben dem Parlamentsgebäude verlassen, so Richard Teltschik von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung: "Es kamen aus allen Straßen fast parallel Polizeiautos gefahren." Ein geplantes Mittagessen mit kanadischen Abgeordneten wurde abgesagt.

Auch Amerika erhöht die Sicherheitsmaßnahmen

Schnell werden die US-Behörden eingebunden, das FBI bietet Unterstützung an, gemeinsam mit den Kanadiern wird nach Verbindungen zu den IS-Terrormilizen gesucht. US-Präsident Barack Obama telefoniert mit Premier Harper. Die Kanadier verschärfen die Sicherheitsvorkehrungen in ihren Botschaften, öffentlichen Gebäuden und auf ihren Militärbasen. Die US-Amerikaner ziehen nach, die Ehrenwache am Grab des unbekannten Soldaten auf dem Nationalfriedhof Arlington bei Washington wird unter besonderen Schutz gestellt.

Das 34-Millionen-Einwohner-Land Kanada ist Teil von Obamas Allianz gegen die dschihadistischen Terrormilizen im Irak, hat unter anderem sechs Kampfjets von Typ CF-18 Hornet geschickt. Es gab in der Vergangenheit Drohungen von Islamisten. Gerade erst haben die Behörden die Terrorgefahr daheim von "niedrig" auf "mittel" heraufgesetzt. Und am Montag attackierte der 25-jährige Radikalislamist Martin Rouleau-Couture mit seinem Auto zwei Soldaten in Saint-Jean-sur-Richelieu bei Montreal. Ein 53-jähriger Offizier starb bei diesem Attentat. Rouleau war den Behörden schon zuvor aufgefallen, sie hatten ihm seinen Pass entzogen, als er im Juli in die Türkei reisen wollte.

"Kanada wird sich niemals einschüchtern lassen", sagte Premierminister Stephen Harper am Mittwochabend (Ortszeit) bei einer TV-Ansprache. "Wir werden unsere Anstrengungen im Kampf gegen internationale Terrororganisationen verstärken und noch einmal verdoppeln. Es wird für sie keinen sicheren Ort geben."

Bereits in der vergangenen Woche hatte Harpers Regierung angekündigt, die Gesetzesgrundlage für Kanadas Geheimdienst CSIS zu verändern. Ziel ist es, verdächtige kanadische Staatsbürger besser überwachen zu können. Kanada ist Teil der sogenannten "Five Eyes", einem Verbund mit den Geheimdiensten der USA, Großbritanniens, Australiens und Neuseelands.

Mit Material von AFP
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