Fall Oury Jalloh Experte stellt tödlichen Brand in Zelle nach

Oury Jalloh starb in einer Dessauer Polizeizelle durch einen Brand. Legte der Asylbewerber das Feuer selbst? Der Versuch eines Sachverständigen soll helfen, diese Frage zu beantworten.

DPA

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau hat ein Sachverständiger den Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Polizeizelle nachgestellt. Die Ergebnisse des Versuchs am Institut für Brand- und Löschforschung im sächsischen Dippoldiswalde würden nun ausgewertet, sagte der Behördensprecher Olaf Braun.

Der Versuch soll klären, ob Jalloh 2005 ein Feuer in seiner Gewahrsamszelle im Dessauer Polizeirevier selbst gelegt haben kann. In zwei langen Gerichtsprozessen blieb bislang ungeklärt, wie es zu dem Brand am 7. Januar 2005 in der Zelle kam. Jalloh, ein Asylbewerber aus Sierra Leone, kam dabei ums Leben. Der 36-Jährige verbrannte auf dem Rücken liegend, mit Hand- und Fußfesseln an vier Halterungen fixiert.

Für den jetzigen Versuch wurde ein Raum der Zelle nachempfunden, in der Jalloh starb. Ein Dummy, versehen mit Sensoren, Schweinehaut und Fett, lag auf einer Matratze. "Wir starten bei null und lassen bewusst bisherige Resultate beiseite. Rekonstruiert werden soll vor allem der zeitliche Ablauf", sagte der Sachverständige Kurt Zollinger vom Forensischen Institut Zürich.

Juristisch ist bislang ungeklärt geblieben, wie es zu dem Brand kam. Das Landgericht Magdeburg verurteilte den ehemaligen Dienstgruppenleiter der Polizei im Dezember 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro - aufgrund von Versäumnissen bei seinen Überwachungspflichten. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2014 das Urteil.

Gutachten lassen Beteiligung Dritter vermuten

Viele Menschen gehen im Fall Jalloh von einem nicht gesühnten Mord aus. Die Gruppe "Break The Silence - Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" sieht Polizisten als Täter.

Im November 2013 hatte die Initiative ein eigenes Brandgutachten vorgestellt. Dabei wurde der Verdacht nahegelegt, ein unbekannter Täter habe sich Zugang zur Zelle verschafft und die Matratze angezündet.

Ein Gutachten, das von der Initiative im vergangenen Oktober vorgestellt wurde, sah keine Beweise für die Mordthese, hielt eine Beteiligung Dritter aber für wahrscheinlicher als eine Selbsttötung:

  • Die Experten - zwei Brandsachverständige, ein Rechtsmediziner der Universität Ottawa und ein Experte für Giftstoff - fanden es wenig nachvollziehbar, dass ein später gefundenes Feuerzeug bereits während des Brands unter dem Opfer in der Zelle gelegen haben soll; entsprechende Gewebe- oder Hautspuren wurden nicht gefunden.
  • Zudem deuteten der Verlauf und die Stärke des Feuers darauf hin, dass sogenannte Brandbeschleuniger wie Benzin eine Rolle gespielt hätten, auch wenn davon keine Überreste gefunden worden seien.
  • Der Toxikologe sagte, Jalloh sei betrunken gewesen und habe zudem Marihuana und Kokain genommen gehabt. Damit sei der Asylbewerber rein motorisch kaum in der Lage gewesen, mit gefesselter Hand die Hülle der Matratze aufzureißen, ein Feuerzeug zu zücken und den Schaumstoff anzuzünden.

Jallohs Zelle befand sich im Untergeschoss des Polizeireviers. Darin lag nur eine Matratze mit einem schwer entflammbaren Überzug aus Kunstleder auf einem gefliesten, beheizten Betonblock.


Zusammengefasst: Das Experiment eines Sachverständigen soll bei der Beantwortung der Frage helfen, ob der Asylbewerber Oury Jalloh 2005 das Feuer selbst gelegt haben kann, durch das er in einer Dessauer Polizeizelle starb. Nun hat der Experte Kurt Zollinger vom Forensischen Institut Zürich den Versuch am Institut für Brand- und Löschforschung im sächsischen Dippoldiswalde durchgeführt. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau will die Ergebnisse auswerten. Kritiker sehen in Jallohs Tod einen nicht gesühnten Mord; ein Dienstgruppenleiter der Polizei wurde im Fall Jalloh rechtskräftig wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt.

7. Januar 2005 - Tod Oury Jallohs
Oury Jalloh kommt bei einem Brand in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers ums Leben. Der Mann aus Sierra Leone war in Gewahrsam, weil ihm vorgeworfen wurde, mehrere Frauen belästigt zu haben. Außerdem sollte seine Identität geklärt werden. Da er sich heftig gewehrt hatte, wurde er an Händen und Füßen gefesselt.
28. Mai 2005 - Anklage gegen zwei Polizisten
Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen zwei Polizisten. Ein Dienstgruppenleiter soll den Rauchmelder der Zelle ignoriert haben. Ihm wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Der zweite Beamte wird wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, weil er ein Feuerzeug in Jallohs Hose übersehen haben soll. Die Anklagen werden zunächst nicht zugelassen.
18. Juli 2006 - Gutachter wirft Dienstgruppenleiter Fehler vor
Gutachter kommen zu dem Schluss, dass der angeklagte Dienstgruppenleiter am 7. Januar 2005 falsch reagierte. Nach Einschätzung von Brandexperten wäre der Mann "bei rechtzeitigem und sachgerechtem Handeln" des Polizisten zu retten gewesen.
27. März 2007 - Prozessbeginn
Am Landgericht Dessau beginnt der Prozess gegen die beiden Polizisten. Sie bestreiten die Vorwürfe im Wesentlichen. Die Mutter Jallohs ist als Nebenklägerin vertreten.
8. Dezember 2008 - Freispruch
Das Landgericht Dessau-Roßlau spricht die beiden angeklagten Polizisten frei.
7. Januar 2010 - BGH kippt Freispruch eines Polizisten
Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe entscheidet, dass der Prozess gegen den Dienstgruppenleiter neu aufgerollt werden muss. Der Freispruch des anderen Beamten ist rechtskräftig.
12. Januar 2011 - Beginn des neuen Prozesses
Am Landgericht Magdeburg beginnt der neue Prozess.
21. Januar 2011 - Angeklagter sagt aus
Der Angeklagte sagt aus, trotz des mehrfachen Alarms nicht an einen Brand in der Zelle gedacht zu haben. Mindestens einmal habe er den Alarm ausgestellt.
13. Dezember 2012 - Schuldspruch
Das Landgericht Magdeburg verurteilt den Dienstgruppenleiter wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 90 Euro. Gegen das Urteil legen der Verurteilte, die Staatsanwaltschaft sowie die Nebenklage Revision ein. Der BGH muss sich ein zweites Mal mit dem Fall befassen.
12. November 2013 - Initiative stellt Brandgutachten vor
Die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" stellt ein neues Brandgutachten vor, demzufolge Jalloh das Feuer in der Zelle nicht selbst gelegt haben kann. Die Aktivisten hatten mit dem irischen Brandgutachter Maksim Smirnou Matratzen und Schweinekadaver angezündet und kamen zum Ergebnis, dass Jalloh mit Benzin übergossen und angezündet worden sein muss. Die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft hatten aber keine Brandbeschleuniger gefunden.
4. September 2014 - BGH bestätigt Urteil gegen Dienstgruppenleiter
Der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil des Landgerichts Magdeburg. Damit ist die Verurteilung in letzter Instanz rechtskräftig abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau betont, die Akte Jalloh sei noch nicht geschlossen. Es werde weiter ermittelt, wie es zum Brand gekommen sei.
27. Oktober 2015 - Gutachter halten Beteiligung Dritter für wahrscheinlich
Die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" präsentiert neue Gutachten, die eine Beteiligung von Polizisten am Tod Jallohs für wahrscheinlich halten. Die Gutachter aus England und Kanada fanden in den Unterlagen zu dem Fall aber auch keine Beweise für die Mordthese.
18. August 2016 - Neuer Brandversuch der Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau lässt einen neuen Brandversuch durchführen. Damit soll geklärt werden, ob Jalloh selbst das Feuer gelegt haben kann.

Quelle: dpa

ulz/dpa

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