Feuertod eines Asylbewerbers Was das neue Gutachten im Fall Oury Jalloh bedeutet

Oury Jalloh verbrannte 2005 in einer Dessauer Polizeizelle, bis heute sind die Umstände seines Todes nicht geklärt. Nun wirft ein Gutachten neue Fragen auf. Wie geht es weiter in dem skandalträchtigen Fall?

Arrestzelle 5 im Polizeirevier Dessau (Archivbild): Wurde Jalloh geschlagen?
Eckehard Schulz/ imago images

Arrestzelle 5 im Polizeirevier Dessau (Archivbild): Wurde Jalloh geschlagen?


  • Worum geht es?

Seit bald 15 Jahren beschäftigt der Fall Oury Jalloh Justiz, Politik und Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt: Der aus Sierra Leone stammende Asylbewerber war am 7. Januar 2005 in einer Arrestzelle der Dessauer Polizei verbrannt. Die genauen Todesumstände sind bis heute nicht geklärt, angeblich soll der an einer feuerfesten Matratze fixierte Jalloh den Brand selbst gelegt haben.

Das Landgericht Magdeburg verurteilte 2012 einen Beamten wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe, weil er nicht für eine ausreichende Beaufsichtigung des Gefangenen gesorgt hatte. Zugleich untermauerte das Gericht den Standpunkt, Jalloh sei für das Feuer wahrscheinlich selbst verantwortlich. Diese Version des Geschehens halten Kritiker für unhaltbar.

Zuletzt hatten Angehörige Jallohs mithilfe eines sogenannten Klageerzwingungsverfahrens versucht, die Justiz zu neuen Ermittlungen gegen damals diensthabende Polizisten zu zwingen. Diesen Antrag verwarf das Oberlandesgericht Naumburg in der vergangenen Woche. Nun hat die "Initiative Oury Jalloh" ein Gutachten vorgelegt, wonach Jalloh vor seinem Tod möglicherweise schwer misshandelt wurde.

  • Was steht in dem Gutachten?

Der Initiative zufolge gibt es klare Hinweise auf eine Misshandlung Jallohs kurz vor seinem Tod. Das gehe aus der forensischen Expertise hervor, die der Radiologe Boris Bodelle erstellt habe. Bodelle ist Professor sowie Oberarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums in Frankfurt am Main.

Die Initiative zitiert aus Bodelles Gutachten: "Nach Begutachtung der Bilddateien der Computertomographie vom 31.03.2005 des Leichnams des Oury Jalloh sind Knochenbrüche des Nasenbeins, der knöchernen Nasenscheidewand sowie ein Bruchsystem in das vordere Schädeldach sowie ein Bruch der 11. Rippe rechtsseitig nachweisbar". Es sei davon auszugehen, "dass diese Veränderungen vor dem Todeseintritt entstanden sind".

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Verstorbener Asylbewerber: Der Fall Oury Jalloh

Bodelle weist in seinem Gutachten unter anderem auf spezielle Entzündungen hin, wie die "taz" berichtet: Diese zeigten, dass Jalloh noch gelebt haben müsse, als ihm die Verletzungen zugefügt worden seien. Die Brüche wurden ihm demzufolge also nicht etwa während der Löscharbeiten oder beim Transport in die Leichenhalle zugefügt.

  • Wird der Fall nun neu aufgerollt?

Es wäre überraschend, sollte die Justiz nun von sich aus neue Ermittlungen aufnehmen. Die Generalstaatsanwaltschaft des Landes Sachsen-Anhalt hatte dies im vergangenen Jahr mit der Begründung abgelehnt, es mangele an "beweisbaren Anhaltspunkten, die eine Entzündung der Matratze durch Oury Jalloh ausschließen können und eine Entzündung durch Polizeibeamte oder durch Dritte belegen".

Daran dürfte sich aus Sicht der Justiz nun wenig geändert haben - denn das Gutachten beweist nicht die These der Angehörigen, Jalloh sei von Polizisten umgebracht worden. Die Initiative argumentiert jedoch, die Expertise stelle den offiziell angenommenen Zeitverlauf des Geschehens vom 7. Januar 2005 infrage. Demnach könnte ein Übergriff auf Jalloh auch ein mögliches Mordmotiv sein - das Feuer hätte dieser Argumentation zufolge dazu dienen können, Polizeigewalt zu vertuschen.

Die Linken im Landtag argumentieren, das Vorliegen neuer Erkenntnisse müsse nun zwangsläufig zu neuen Ermittlungen führen. "Angesichts der Bedeutung des Falles und der Schwere des im Raum stehenden Verdachtes 'Oury Jalloh - das war Mord' wäre der Generalbundesanwalt die richtige Instanz dafür", heißt es in einer Stellungnahme der innenpolitischen Sprecherin der Fraktion, Henriette Quade.

Video: Der Fall Oury Jalloh

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"Wieso braucht es erst ein extern veranlasstes Gutachten, um diese Verletzungen zu entdecken", schreibt sie, "und hat die Justiz tatsächlich alles Notwendige und Mögliche unternommen, um den Tod Oury Jallohs aufzuklären?" Quade kritisiert auch, dass der Landtag einen Untersuchungsausschuss abgelehnt habe. Dass die von der Regierungskoalition eingesetzten Sonderermittler immer noch nicht ihre Arbeit aufgenommen hätten, belege ebenfalls "den nicht vorhandenen Aufklärungswillen".

Wie es in dem Fall weitergeht, ist derzeit kaum abzusehen. Die Rechtsanwältin Beate Böhler, Vertreterin der Hinterbliebenen Jallohs, hatte schon im Januar weitere rechtliche Schritte ins Spiel gebracht: Denkbar sei eine Verfassungsbeschwerde, notfalls werde man bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

mxw



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