Feuertod von Oury Jalloh Experten halten Beteiligung Dritter für wahrscheinlich

Legte Oury Jalloh den Brand selbst, durch den er in einer Dessauer Polizeizelle starb? Neue Gutachten internationaler Experten nähren Zweifel daran.

Experten bei Pressekonferenz: Zweifel an offizieller Version der Ereignisse
DPA

Experten bei Pressekonferenz: Zweifel an offizieller Version der Ereignisse


Zehn Jahre nach dem Feuertod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle halten neue Gutachten eine Beteiligung von Dritten für wahrscheinlicher als eine Selbsttötung. Es spreche wenig dafür, dass der Brand von dem Opfer selbst gelegt wurde, sagten mehrere Experten aus dem Ausland bei einer Pressekonferenz in Berlin. Die Veranstaltung war von "Break the Silence - Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" einberufen worden.

Jalloh, ein Asylbewerber aus Sierra Leone, starb am 7. Januar 2005 in Polizeigewahrsam. Der 36-Jährige verbrannte, auf dem Rücken liegend mit Hand- und Fußfesseln an vier Halterungen fixiert.

Das Landgericht Magdeburg verurteilte den ehemaligen Dienstgruppenleiter der Polizei wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro - aufgrund von Versäumnissen bei seinen Überwachungspflichten. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2014 das Urteil.

Die neuen Gutachten nähren nun Zweifel an der offiziellen Version der Ereignisse. Die Gutachter - zwei Brandsachverständige, ein Rechtsmediziner der Universität Ottawa und ein Experte für Giftstoffe - fanden in den Unterlagen allerdings auch keine Beweise für die Mordthese der "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh". Diese sieht Polizisten als Täter.

Experten bezweifeln, dass Jalloh Matratze in Brand setzte

Die Experten fanden es allerdings auch wenig nachvollziehbar, dass ein später gefundenes Feuerzeug bereits während des Brandes unter dem Opfer in der Zelle gelegen haben soll. Dann hätten Spuren von Gewebe oder Haut daran kleben müssen, sagten sie. Zudem deuteten der Verlauf und die Stärke des Feuers darauf hin, dass sogenannte Brandbeschleuniger wie Benzin eine Rolle gespielt hätten, auch wenn davon keine Überreste gefunden worden seien.

Der Toxikologe sagte, Jalloh sei betrunken gewesen und habe zudem Marihuana und Kokain genommen gehabt. Damit sei der Asylbewerber rein motorisch kaum in der Lage gewesen, mit gefesselter Hand die Hülle der Matratze aufzureißen, ein Feuerzeug zu zücken und den Schaumstoff anzuzünden.

Bei der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau laufen noch immer die Ermittlungen zu den Mordvorwürfen der Initiative. Die Justiz hatte in mehreren Prozessen keine Anhaltspunkte für eine Fremdbeteiligung gefunden.

Jalloh war in einer Zelle im Untergeschoss des Polizeireviers eingesperrt. Dort gab es kein Mobiliar, sondern nur einen gefliesten, beheizten Betonblock, auf dem eine Matratze mit schwer entflammbarem Überzug aus Kunstleder lag. Freunde Jallohs zweifeln vor allem daran, dass er die Matratze selbst angezündet haben soll - stark alkoholisiert und mit einem Billigfeuerzeug, das erst Tage nach dem Vorfall bei den Asservaten auftauchte.

Im November 2013 hatte die Initiative ein eigenes Brandgutachten vorgestellt. Dabei wurde der Verdacht nahegelegt, ein unbekannter Täter habe sich Zugang zur Zelle verschafft und die Matratze angezündet.

ulz/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.