Sexueller Missbrauch "Aus Opfern werden relativ häufig Täter"

In Paderborn beginnt der Prozess gegen einen 16-Jährigen, der mehrere Schüler missbraucht haben soll. Als Kind war er selbst Opfer - von einem der Täter im Fall Lügde. Die Psychiaterin Manuela Dudeck über Langzeitfolgen sexueller Gewalt.

"Menschen, die selbst als Kind sexuell missbraucht worden sind, haben ein vierfach erhöhtes Risiko, selbst Sexualstraftäter zu werden"
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"Menschen, die selbst als Kind sexuell missbraucht worden sind, haben ein vierfach erhöhtes Risiko, selbst Sexualstraftäter zu werden"

Ein Interview von


Zur Person
  • Angelika Schmitten
    Prof. Dr. med. Manuela Dudeck, Jahrgang 1968, ist Lehrstuhlinhaberin für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Ulm und Ärztliche Direktorin der gleichnamigen Klinik in Günzburg, die zu den Bezirkskliniken Schwaben gehört.

SPIEGEL: Frau Dudeck, in Paderborn steht ein 16-Jähriger vor Gericht, weil er mehrere Kinder sexuell missbraucht haben soll. Der Junge war selbst Opfer eines Täters im Fall Lügde, der sich über Jahre an ihm verging. Ist er ein Einzelfall?

Dudeck: Leider nicht. Natürlich kann man da keine pauschale Aussage treffen, nicht alle Menschen, die Opfer von sexuellem Missbrauch sind, werden zu Tätern. Aber ich habe gemeinsam mit Kriminologen von 2007 bis 2009 eine europaweite Studie mit Langzeitstrafgefangenen durchgeführt. Bei dieser Personengruppe zeigte sich: Menschen, die selbst als Kind sexuell missbraucht worden sind, haben ein vierfach erhöhtes Risiko, selbst Sexualstraftäter zu werden. Das gilt insbesondere, wenn der Missbrauch innerhalb der Familie und über Jahre stattgefunden hat. Solche Erlebnisse sind zwar nicht die einzige Ursache, aber aus Opfern werden relativ häufig Täter.

SPIEGEL: Warum?

Dudeck: Ein Kind, das jahrelang solche schlimmen Dinge erlebt, lernt Beziehung und körperliche Nähe nur in Verbindung mit sexuellem Missbrauch kennen. Dadurch kann sich auch kein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Deshalb kennen sie nur diese Möglichkeit, wenn sie sich später - als Erwachsener - Nähe wünschen. Bei jemandem, der einmalig von einem Fremden missbraucht wurde, ist das etwas anderes. Solche Menschen tendieren weniger dazu, selbst Täter zu werden.

SPIEGEL: Ist es typisch, dass die Taten bereits in einem relativ jungen Alter begangen werden?

Dudeck: Nein, aber es kommt durchaus vor. Wir sprechen dann von jugendlichen Sexualstraftätern und diese haben nicht immer eine gute Prognose in Bezug auf die soziale Wiedereingliederung.

SPIEGEL: Verstehen die Täter, dass ihr Verhalten falsch ist?

Dudeck: Wenn jemand in einem Milieu groß geworden ist, in dem Erwachsene Kinder missbrauchen, dann kann es sein, dass ihm das normal erscheint. Ihm ist vielleicht das Ausmaß der Trauer und des Schmerzes seines Opfers nicht bewusst. Denn er weiß möglicherweise gar nicht, wie ein gutes Leben aussehen kann. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung.

SPIEGEL: Aus welchen Gründen missbrauchen Missbrauchsopfer ausgerechnet wieder Kinder?

Dudeck: Einige dieser Täter sind intelligenzgemindert. Das bedeutet, dass sie aufgrund ihres geistigen Entwicklungsstandes zu einer reifen Sexualität mit einer erwachsenen Frau nicht in der Lage sind. Andere Täter wiederum haben antisoziale Persönlichkeitseigenschaften.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Dudeck: Antisoziale Menschen sind sehr egozentrisch, beachten keine sozialen Normen. Ihr Handeln scheint herzlos. Sie erleben keine Schuld. Ein antisozialer Mann, der Lust auf Sex hat, fragt eine junge Frau nicht, ob sie 14 oder 17 ist. Solche gesellschaftlichen Grenzen interessieren ihn nicht.

SPIEGEL: Bedeutet das automatisch, dass diese Personen pädophil sind?

Dudeck: Nein, es gibt viele Täter, auf die das nicht zutrifft. Pädophilie ist kein einheitliches Phänomen. Die Mehrheit der Fälle von Kindesmissbrauch ist nicht pädosexuell motiviert, sondern eben antisozial oder durch eine Intelligenzminderung. Die Sexualforscher Eberhard Schorsch (1971) und Klaus M. Beier (1995) haben versucht, Typologien zu entwickeln. Auf der anderen Seite werden nicht alle Menschen mit pädosexueller Veranlagung Täter.

SPIEGEL: Versuchen sich die Täter mit dem Missbrauch aus der eigenen Opferrolle zu befreien?

Dudeck: Es ist eine Umkehr von der Opfer- in die Täterrolle, um von der Ohnmacht in die Machtposition zu kommen. Das passiert in der Regel unbewusst. Derjenige entscheidet nicht, dass er mächtig sein will.

SPIEGEL: Ist das vergleichbar mit einem Menschen, der als Kind geschlagen wurde und als Erwachsener dasselbe tut, wenn sein Kind nicht gehorcht?

Dudeck: Das ist genau das gleiche Muster. Menschen lernen von ihren Eltern und geben das Verhalten weiter. Sie denken, dass das normal ist. Solche Fälle erlebe ich auch immer wieder in der Praxis.

SPIEGEL: Welche Fälle sind das?

Dudeck: Wenn zum Beispiel jemand im Rotlichtmilieu geboren wird und käufliche Sexualität, Erpressungen und Drogenhandel schon als Kind zu seinem Leben gehören. Dann ist antisoziales Verhalten ganz normal für ihn. Er lernt nicht, wie man sich für einen Job bewirbt, wie man eine Frau kennenlernt und so weiter. Viele dieser Männer haben später die Sehnsuchtsfantasie, das heißt den Wunsch nach einem sozial integrierten Leben. Sie wollen die sozialen Normen leben und kennenlernen. Das Problem ist aber, dass sie das jenseits des 21. Lebensjahres oft trotz Therapie nicht mehr schaffen können. Ihre Verhaltensmuster haben sich zu sehr eingeschliffen.

SPIEGEL: Ist nur sexueller Missbrauch in der Kindheit ein Grund, warum jemand selbst Sexualstraftäter wird, oder können auch andere Traumata aus der Vergangenheit ausschlaggebend sein?

Dudeck: Zentral ist die Kombination aus selbst erlebtem sexuellem Missbrauch und geringem Selbstwertgefühl. Aber es kann sein, dass weitere Erlebnisse verstärkend wirken. Wenn Menschen über Jahre sexuell missbraucht wurden, wurden sie meistens auch emotional vernachlässigt und körperlich misshandelt. Denn in einer Durchschnittsfamilie merkt man, ob es jemandem gut oder schlecht geht und achtet aufeinander. In der Regel ist der Umgang so vertrauensvoll, dass die Kinder ihren Eltern erzählen, wenn ihnen etwas Schlimmes passiert und dass ihnen geglaubt wird. Missbrauchsopfer werden oft nicht in solchen Familien groß. Sie haben oft auch nicht gelernt, was man darf und was nicht. Aber es gibt natürlich auch die Sexualstraftäter, deren Verhalten dadurch nicht erklärt werden kann. Rund 30 Prozent der Menschen, die sich an Kindern vergehen, haben keine traumatische Familiengeschichte und damit müssen wir uns auch auseinandersetzen.

SPIEGEL: Gibt es einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Opfern?

Dudeck: Frauen werden in der Regel keine Täterinnen. Sie schaden sich oft selbst, werden suizidal und emotional instabil. Meistens zeigen sich zwei Entwicklungswege: Entweder leben sie überhaupt keine Sexualität mehr oder sie gehen recht viele kurze und impulsive Beziehungen ein.

SPIEGEL: Wie kann Missbrauchsopfern geholfen werden, um zu vermeiden, dass sie später selbst Täter werden?

Dudeck: Man muss sie stets als Opfer wahrnehmen, auch wenn der eine oder andere schon Täter geworden ist. Den Betroffenen sollte eine Psychotherapie angeboten werden. Sie müssen lernen, was erlaubt ist und was nicht. Und man muss ihnen die eigenen Gefühle wieder nahebringen. Menschen lernen, wenn ihnen Schlimmes widerfährt, ihre Gefühle abzuschalten. So versuchen sie, ihr Leid zu ertragen. Deshalb können sie auch schlechter nachvollziehen, wie furchtbar es ist, Opfer zu sein.

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