Freispruch für Asia Bibi in Pakistan Frei, aber nicht außer Gefahr

Die wegen Blasphemie zum Tode verurteilte Asia Bibi soll nach neun Jahren Gefängnis freikommen. Pakistans oberste Richter kippten das Urteil in einem mutigen Schritt. Grund zum Aufatmen? Nein.

BIBI FAMILY/ HANDOUT/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Von


Für liberale, aufgeklärte Menschen in Pakistan dürfte es die beste Nachricht des Jahres sein: Asia Bibi soll freikommen. Drei Richter des Obersten Gerichtshofs in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad haben sie von allen Vorwürfen freigesprochen. Neun Jahre hatte sie im Gefängnis gesessen, davon acht Jahre in der Todeszelle: Sie, die Christin, war im November 2010 wegen Blasphemie zum Tode verurteilt worden, weil sie sich angeblich abfällig über den Propheten Mohammed geäußert hatte.

Angeblich hatten ein paar muslimische Frauen, mit denen sie Beeren gepflückt hatte, sich geweigert, von ihr Wasser anzunehmen, weil sie Christin sei und das Wasser daher "unrein" sei. Sie würden es nur trinken, wenn sie sich zum Islam bekenne. Asia Bibi soll geantwortet haben: "Wieso sollte ich? Jesus Christus ist für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben. Was hat Mohammed für die Menschen getan?"

Asia Bibi behauptet, sie habe nie dergleichen gesagt. Klar ist, dass ein Streit zwischen den Frauen entbrannte, die Frauen sich beim Dorfprediger beschwerten und der wiederum die Polizei informierte. Asia Bibi wurde festgenommen und nach dem Blasphemiegesetz genannten Paragrafen 295-C des pakistanischen Strafgesetzbuches verurteilt, das bei Beleidigung des Propheten zwingend die Todesstrafe vorsieht.

Fotostrecke

8  Bilder
Pakistan: Proteste nach Freispruch

Weltweit sorgte der Fall für Aufsehen. In Pakistan hingegen schwieg man aus Angst vor islamischen Extremisten über den Fall. Zwei pakistanische Politiker, die sich für Asia Bibi einsetzten, bezahlten mit ihrem Leben: Der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, der Asia Bibi in ihrer Zelle besuchte und sich für eine Abschaffung des Blasphemiegesetzes aussprach, wurde 2011 von seinem eigenen Leibwächter erschossen. Einige Monate später wurde auch ein Minister getötet. Auch er hatte sich öffentlich an die Seite von Asia Bibi gestellt und wenn nicht die Abschaffung, so doch eine Reform des Blasphemiegesetzes gefordert. Er argumentierte, es lade zum Missbrauch und diene meist nur als Vorwand für Rache bei Streitereien.

Als Mumtaz Qadri, der Mörder von Taseer, vor die Richter geführt wurde, säumten Tausende seinen Weg, darunter Anwälte, bewarfen ihn mit Rosenblättern und bejubelten ihn - immerhin hatte er mit Taseer ebenfalls einen "Blasphemisten" umgebracht. Qadri wurde zum Tode verurteilt und 2016 hingerichtet. In ganz Pakistan gab es zum Teil gewaltsame Proteste, Hunderttausende gingen auf die Straßen - nicht, weil sie gegen die Todesstrafe waren, sondern weil sie in Qadri einen Helden sahen, einen aufrechten Muslim. Die Richter mussten fortan unter Polizeischutz leben.

Proteste nach Freispruch für Asia Bibi
RAHAT DAR/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Proteste nach Freispruch für Asia Bibi

Einer der drei Richter, die jetzt Asia Bibi freigesprochen haben, war unter denen, die Qadri verurteilt hatten. Er wusste, wie heikel der Freispruch werden würde. Die Aufhebung des Todesurteils gegen Asia Bibi erfolgte bereits am 8. Oktober - aber erst heute, nach dem Treffen vieler Sicherheitsvorkehrungen, wurde sie verkündet.

Selbst Asia Bibis Anwalt Saif-ul-Malook wurde nicht vorab informiert. Vergangene Woche gab er sich im Gespräch mit dem SPIEGEL zuversichtlich: "Die Chancen stehen gut für Asia Bibi. Die Richter sind kluge, vernünftige Leute." Es war Asia Bibis vorletzte Chance. Hätten die Richter ihr Todesurteil nicht aufgehoben, hätte nur noch der Staatspräsident sie begnadigen können.

Pakistan ist weit davon entfernt, das Blasphemiegesetz abzuschaffen

Bislang ist in Pakistan zwar noch nie ein Mensch wegen Blasphemie hingerichtet worden. Aber viele, denen dieser Vorwurf gemacht wurde, sind Opfer einer Lynchjustiz geworden, eines Mobs, der das Recht in die eigene Hand nahm. Auch Asia Bibi und ihre Familie werden nie wieder so leben können, wie sie es vor dem Streit 2009 getan haben. Sie werden ins Ausland gehen, sich eine neue Identität zulegen und ein neues Leben beginnen müssen. Religiöse Fanatiker haben ihr nicht nur neun Jahre ihres Lebens geraubt, sie werden es auch in Zukunft bestimmen.

Der Freispruch ist angesichts des Drucks, den religiöse Extremisten in Pakistan auf den Staat ausüben, sehr mutig. Extremisten hatten bereits vorab angekündigt, das Land ins Chaos zu stürzen, sollte Asia Bibi freigesprochen werden. In Islamabad wurde vor Bekanntgabe des Urteils die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen, Hunderte Polizisten und Paramilitärs schützten das Regierungsviertel und das Gebäude des Obersten Gerichtshofes.

In mehreren Städten kam es am Mittwoch nach Bekanntwerden der Entscheidung zu Protesten. Das Land ist weit davon entfernt, das Blasphemiegesetz zu reformieren oder gar abzuschaffen. Asia Bibi ist frei, aber der Geist der Extremisten ist noch lange nicht besiegt.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.