Pakistaner in Großbritannien Die verlorenen Seelen von Ostlondon

Warum wurden zwei Dutzend in London aufgewachsene Pakistaner beinahe zu Massenmördern? Liegt die Antwort in den tristen Vorstädten der Metropole? SPIEGEL ONLINE sprach mit einem wütenden 17-Jährigen, einem arrivierten Banker und einem Partygirl über das zerissene Leben zwischen den Kulturen.

Aus London berichtet


London - Auf einen Krückstock gestützt, humpelt der junge Mann mit der muslimischen Kopfbedeckung von der U-Bahn-Station zum Gunnersbury Park im Westen Londons. Dort ist "London Mela" angesagt, ein südasiatischer Jahrmarkt, es gibt indische, pakistanische und bengalische Musik, Tänze, Currystände. Asam Chaudhry arbeitet hier, an einem Teestand. Er stammt aus Sialkot, jener Stadt in der pakistanischen Provinz Punjab, in der die Sportkonzerne billig ihre Fußbälle nähen lassen.

Seit fünf Jahren lebt der 17-Jährige mit seinen Eltern im Osten von London, in Ilford, Tausende pakistanisch-stämmige Muslime leben hier. Chaudhry hat eine pakistanische Flagge dabei, in die er sich später, auf dem Festplatz, hüllen will. "Ich bin ich stolz auf meine Herkunft, warum soll ich das nicht zeigen?"

Vor drei Wochen hätten ihm Rechtsradikale in Romford, einem Nachbarort von Ilford, den Oberschenkel gebrochen, erzählt er. "Wir waren zu sechst, die mindestens 20 Leute", sagt Chaudhry. "Wir haben die weder provoziert noch sonst etwas gemacht, diese Leute haben uns einfach so angegriffen. Aber die Polizei hat uns festgenommen, nicht die, und uns gefragt, wieso wir eine Schlägerei begonnen haben."

So etwas, sagt Chaudhry, passiere ständig in London. Er habe genug von all der Diskriminierung und von den Beschimpfungen durch wildfremde Leute auf der Straße, denen er sich seit vergangenem Donnerstag, seit der Terror-Razzia gegen eine Gruppe überwiegend pakistanischer junger Männer ausgesetzt sieht. "Was habe ich verdammt noch mal mit denen zu tun?", sagt er.

Dass zwei Dutzend in London aufgewachsene Pakistaner einen Massenmord über den Wolken planten, will er nicht wahrhaben. Chaudhry glaubt lieber den in seiner Community kursierenden Verschwörungstheorien: Die Ganze Anti-Terror-Aktion sei ein "mieser Plan von George Bush und Tony Blair" gewesen, sagt Chaudhry. "Die wollen von den Problemen in Nahost ablenken und suchen einen Grund, Angst vor Muslimen zu schüren. Was haben die eigentlich gegen diese Typen in der Hand, die sie verhaftet haben?" Er werde sich das nicht länger bieten lassen, diese islamfeindliche Politik nicht und Beschimpfungen erst recht nicht, sagt Chaudhry

"Wie junge Löwen, die geärgert wurden"

Chaudhry nennt seine Lösung "Rückbesinnung auf die wahren Werte des Islam, und das heißt auch: gegen Verleumdung und Beleidigungen zu kämpfen. Natürlich nicht mit terroristischen Mitteln." Aber wie er kämpfen will, sagt er nicht. Seit einigen Wochen lasse er sich einen Bart wachsen, als Zeichen seiner Verbundenheit zum Islam, sagt er und zeigt auf den Flaum an seinen Wangen. Außerdem spreche er, wann immer möglich, Urdu statt Englisch.

Über die pakistanisch-stämmigen Selbstmordattentäter, die sich im Sommer 2005 in Londoner U-Bahnen in die Luft sprengten, sagt er: "Die müssen sich wie junge Löwen gefühlt haben, die ständig geärgert wurden." Es klingt, als habe er Verständnis für die Tat.

Ganz anders Ibrahim Khan. Der Investmentbanker ist überzeugt, dass die meisten britisch-pakistanischen Familien selbst Schuld sind an der Radikalisierung ihrer Söhne. Die Familie des 43-Jährigen stammt aus Lahore, Khan selbst wurde in Manchester geboren, er war ein paar Mal gemeinsam mit seiner - ebenfalls pakistanisch-stämmigen - Frau zu Besuch in Pakistan, sein zwölfjähriger Sohn und seine zehnjährige Tochter noch nie.

"Die britische Politik hat versagt"

Khan spricht sehr britisches Englisch, fährt Porsche und BMW und lebt in einer schicken Wohnung im Zentrum von London, "ich glaube, ich bin da der einzige Nicht-Weiße". Wie viele pakistanische Familien kamen seine Eltern in den fünfziger Jahren nach England, als Menschen aus Commonwealth-Staaten noch problemlos immigrieren konnten. Er selbst habe Glück gehabt, sagt er, weil seine Eltern Wert auf Bildung gelegt hätten.

"Jetzt leben in diesem Land fast eine Million Pakistaner, und zu was haben es die meisten gebracht? Zu nichts, zu gar nichts", sagt Khan. "Sie leben in trostlosen Vorstädten in winzigen Reihenhäusern, kassieren Sozialleistungen, wenn überhaupt, haben sie einen Fish-and-Chips-Laden oder einen Curry-Schnellimbiss. Sie schicken ihre Kinder zu schlechten Schulen. Von Politik verstehen sie nichts, viele aus der älteren Generation sprechen ja nicht einmal ein Wort Englisch."

Außerdem, kritisiert Khan, würden viele pakistanische Muslime ihre Kinder in arrangierte Ehen zwingen, traditionelles Familienleben einfordern und jegliche Integration in die britische Gesellschaft verweigern. "Hier hat auch die britische Politik über Jahrzehnte komplett versagt, weil sie nichts für die Integration getan hat", sagt er.

Dankbare Opfer für Extremisten

"Die jungen Leute kriegen von den Eltern nicht das, was sie für ein Leben hier brauchen. Und dann werden sie auch noch ständig diskriminiert, zum Beispiel bei der Jobsuche. Und selbst Inder, ob Hindus oder Sikhs, wollen mit den Muslimen nichts zu tun haben, weil sie sie für ihre eigene Diskriminierung verantwortlich machen. Die jungen Pakistaner sind also verlorene Seelen - und dankbare Opfer für Extremisten, die ihnen mit ihren kranken Ideen das Paradies versprechen. Oder sie driften ab und lehnen ihre pakistanische Kultur plötzlich ab."

Vermutlich meint er damit junge Pakistaner wie Amreen Rana. So mancher konservative Muslim würde die 20-Jährige als Hure bezeichnen: Die junge Frau trägt einen Minirock und ein eng anliegendes T-Shirt. Die schulterlangen, schwarzen Haare wirft sie alle paar Sekunden nach hinten, kramt dann wieder in ihrer Handtasche nach einem Lippenstift und kontrolliert ihre rot lackierten Fingernägel.

Amreen Rana wurde in London geboren, ihre Familie stammt aus dem südpakistanischen Karatschi. Am Samstagabend ist sie auf dem Weg in eine Disco, "ich bin mit Freundinnen verabredet". Ihre Eltern würden ihren Lebenswandel sicher nicht gutheißen. "Sie wissen aber nichts davon. Ich habe mich ja erst bei einer Freundin umgezogen", sagt sie und lacht. "Ihnen gegenüber muss ich immer so tun, als würde ich mich für Pakistan, Islam und den ganzen traditionellen Kram interessieren. Irgendwann werde ich ihnen wohl sagen müssen, was ich davon halte: nichts."



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