Urteil gegen Patientenmörder Niels Högel Unbegreiflich

85 Morde an Patienten konnten Niels Högel nachgewiesen werden, er wird das Gefängnis womöglich nie wieder verlassen. Und doch ist das Urteil unerträglich für viele Angehörige möglicher Opfer.

Niels Högel
Mohssen Assanimoghaddam/REUTERS

Niels Högel

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Frank Brinkers ringt um Fassung. "Wir sind echt durch die Hölle gegangen", sagt er. "Dass jetzt überhaupt nichts klar ist, ist sehr, sehr bitter." Brinkers steht vor den Weser-Ems-Hallen in Oldenburg, er kämpft mit den Tränen. Eben hat die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Oldenburg ihr Urteil über Niels Högel verkündet. Brinkers sagt: "Es ist schwer zu ertragen."

Wegen Mordes an 85 Patientinnen und Patienten hat das Gericht den früheren Krankenpfleger Niels Högel am Donnerstag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und seine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Frank Brinkers Vater, Bernhard Brinkers, ist im September 2001 im Klinikum Oldenburg gestorben. Er wurde 63 Jahre alt. Dass Högel für den Tod seines Vaters verantwortlich ist, sehen die Richter nicht als erwiesen an. In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten: Högel wurde in diesem und in 14 weiteren Fällen vom Vorwurf des Mordes freigesprochen.

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann ahnt, was das Urteil für die Angehörigen bedeutet. Er hat seine Worte bei der Urteilsverkündung mit Bedacht gewählt. "Eine Hauptverhandlung ist dann erfolgreich verlaufen, wenn wir am Ende sagen können: Wir wissen, was passiert ist, wir haben es verstanden", sagt der Richter gleich zu Beginn. "Im Idealfall wissen wir sogar, warum es passiert ist." Im Fall Högel ist dies nicht gelungen. "Nicht in allen Fällen haben wir eine Antwort gefunden."

"Buchhalter des Todes"

Immer wieder spricht der Richter Högel direkt an. "Ihre Taten, Herr Högel, sind unbegreiflich", sagt er: "Es sind so viele! Es ist so viel, dass der menschliche Verstand kapituliert angesichts der schieren Anzahl der Taten, die Sie Woche für Woche, Jahr für Jahr begangen haben. Ihre Schuld ist so groß, sie ist unfassbar." Wegen Mordes in 100 Fällen war Högel angeklagt. In jedem einzelnen Fall hatte das Gericht die Täterschaft des Angeklagten zu prüfen. "Ich kam mir vor wie ein Buchhalter des Todes", sagt der Richter.

Högel mordete von Februar 2000 bis Juni 2005, erst im Klinikum Oldenburg, dann im Klinikum Delmenhorst. Er mordete nachts, morgens, mittags, abends, manchmal mehrmals am Tag. Er mordete aus niedrigen Beweggründen und überwiegend heimtückisch. Nach Überzeugung des Gerichts tötete er 31 Patienten in Oldenburg und 54 Patienten in Delmenhorst. Seine Opfer waren 34 bis 96 Jahre alt. Manche waren todkrank, manche hofften auf ihre baldige Entlassung aus der Klinik.

Högel spritzte ihnen Medikamente, um ihren Kreislauf kollabieren zu lassen, damit er sie dann als Pfleger reanimieren konnte. Er habe mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt, stellt das Gericht fest. Er habe den Kick gesucht - und die Anerkennung der Kollegen. Beides sei ihm wichtiger gewesen als das Leben von Menschen.

Woanders könnten es 1275 Jahre Haft sein

Bührmann versucht, Högel die Dimension seiner Schuld deutlich zu machen. Dazu nimmt er eine ungewöhnliche Rechnung vor. Nach deutschem Recht steht auf Mord immer eine lebenslange Freiheitsstrafe, die nach 15 Jahren enden könnte. Ob Högel zehn, 30 oder 85 Patienten getötet hat, würde an dem Strafmaß nichts ändern. In den USA ist das anders, sagt der Richter. Dort werden auch Strafen ausgesprochen, die jedes Menschenleben übersteigen. Und dann rechnet Bührmann vor. Er multipliziert 85 Morde mit 15 Jahren Freiheitsstrafe. Der Richter blickt zum Angeklagten. "Herr Högel, das wären 1275 Jahre."

"Unbegreiflich" sei das Wort, das dieses Verfahren geprägt habe. "Und letztendlich hat diese Unbegreiflichkeit Ihre Taten möglich gemacht", sagt Bührmann. "Wer glaubt schon, dass sein Kollege Woche für Woche, Jahr für Jahr Menschen umbringt?"

Dabei war durchaus aufgefallen, dass die Todesrate in die Höhe schoss, wenn Högel Dienst hatte. Es wurde über den "Todes-Högel" getuschelt, sogar eine Strichliste geführt - und doch konnte Högel weitermorden. Fünfeinhalb Jahre lang.

In fünf Fällen in Oldenburg und in zehn Fällen in Delmenhorst reichten die Indizien nicht aus, um Högel wegen Mordes zu verurteilen. Der Richter sagt aber auch: "In keinem dieser 15 Fälle können wir sagen, dass wir überzeugt sind, dass Herr Högel Ihre Angehörigen nicht getötet hat." Auch dies hätte den Familien Gewissheit verschafft. Doch: "Wir können es nicht sicher sagen." Bührmann ahnt, was das für Frank Brinkers und die anderen Familien bedeutet. "Damit entlassen wir Sie genau in die Ungewissheit, die für Sie so quälend sein muss."

Gab es wirklich eine Pause in der Mordserie?

In den meisten dieser 15 Fälle geht es um den Wirkstoff Lidocain. Högel hat mit Lidocain getötet, doch das Mittel wird auch als Betäubungsmittel zum schmerzfreien Einführen von Kathetern und Sonden verwendet. Das Gericht kann nicht ausschließen, dass es auf diese Art in die Körper der Verstorbenen gelangt ist, ohne Högels Zutun.

Wie viele Menschen Niels Högel tatsächlich getötet hat, wird wohl im Dunkeln bleiben. Die feuerbestatteten Toten konnten nicht mehr untersucht werden. Und es gibt eine unerklärliche Lücke in Högels Mordserie. 2002 wechselte er in Oldenburg von der herzchirurgischen Intensivstation in die Anästhesieabteilung. Dort will er plötzlich nicht mehr getötet haben. Der Richter hat ein "ungutes Gefühl", wie er sagt. Deshalb fragt er Högel an diesem Tag noch einmal: "Ist es wirklich so, dass 2002 auf der Anästhesie nichts war?" Eine Antwort bekommt er nicht.

Bührmann weiß um Högels Fähigkeit, sehr überzeugend zu lügen. Noch 2014 hatte Högel beteuert, nur in Delmenhorst, nicht in Oldenburg getötet zu haben. "Das macht die Einschätzung Ihrer Person so schwierig", sagt er zu Högel: "Man kann sich bei Ihnen nie sicher sein."

Das Gericht hat ein lebenslanges Berufsverbot für Högel ausgesprochen. "Sie, Herr Högel, sollen nie mehr Gelegenheit haben, Ihren Beruf auszuüben." Dabei ist ohnehin fraglich, ob der heute 42-Jährige jemals wieder in Freiheit gelangt. Das Gericht hat keine Sicherungsverwahrung angeordnet, da dies zum Schutz der Bevölkerung nicht notwendig sei, weil Högel ohnehin erst wieder freikommt, wenn Gutachter ihn für ungefährlich halten. Und Bührmann sagt auch, dass eine lebenslange Freiheitsstrafe durchaus tatsächlich bedeuten könnte, dass Högel den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringt.

Für Frank Brinkers ist das kein Trost. Er wollte Gewissheit über die Umstände des Todes seines Vaters. Diese Gewissheit hat er nicht bekommen.

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