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Der Fall Peggy Knobloch: "Der Dorfdepp soll es gewesen sein"

Verschwundenes Mädchen Im Zweifel gegen Ulvi

Ulvi K. ist geistig behindert - und sitzt seit acht Jahren in Haft. Er soll im Mai 2001 im fränkischen Lichtenberg die neunjährige Peggy Knobloch getötet haben. Ihre Leiche wurde nie gefunden, ein Anwalt will den Fall neu aufrollen. Ist der 35-Jährige in Wahrheit unschuldig?

Ulvi K.s Wünsche sind immer dieselben, eine Dose Tabak, ein Glas Kaffee und ein Döner. Wenn seine Eltern oder seine gesetzliche Betreuerin zum Bezirkskrankenhaus nach Bayreuth fahren, halten sie beim Türken um die Ecke, lassen sich das gefüllte Fladenbrot in Alufolie wickeln und bringen es ihm mit.

Seit acht Jahren ist Ulvi K. in einer geschlossenen Abteilung untergebracht. Er ist 35 Jahre alt, von wuchtiger Statur, die Hände dick, der Blick gutmütig. Ein tapsiger Typ mit kindlichem Gemüt, der langsam spricht, fast schwerfällig.

Ulvi K.s Tagesablauf ist immer derselbe. Er wickelt Kabel und faltet Kartons. Er hat einen IQ von 67, kann kaum lesen und schreiben, ansonsten ist sein Entwicklungsstand mit dem eines reifeverzögerten Zehnjährigen vergleichbar. Er ist stolz, weil er in den Patientenbeirat gewählt wurde, und er ist meist fröhlich, weil ihn seine Arbeit in der Psychiatrie ausfüllt. Er vergisst, warum er überhaupt hier ist.

Gerüchte über Doktorspiele

Knapp 70 Kilometer entfernt ist er aufgewachsen. In Lichtenberg, einem Tausend-Einwohner-Ort in Oberfranken, hoch über dem Höllental, mit verwinkelten Häusern, umgeben von düsteren Wäldern voller verwachsener Trampelpfade. Seine Eltern betreiben ein Bistro, früher gehörte ihnen die Schlossklause oben auf dem Berg. Manchmal durfte Ulvi K. dort kellnern.

In dieser beschaulichen Idylle verschwindet am 7. Mai 2001 Peggy Knobloch zwischen Schule und Elternhaus. Sie ist neun Jahre alt, ein blondes Mädchen mit auffallend hellblauen Augen, das keine Scheu hatte, oft im Ort herumstreunte.

Monatelang wird nach Peggy gesucht, mit Tornados der Bundeswehr, Hundertschaften der Polizei. Es heißt, Peggy sei verschleppt worden, vielleicht in die Türkei, wo ihr Stiefvater herkommt, oder nach Tschechien in ein Bordell. Wilde Theorien machen die Runde. Der damalige Innenminister Günther Beckstein drängt auf Aufklärung des Verbrechens, lässt die Leitung der 70 Mann starken Sonderkommission austauschen. Die Ermittler stehen unter Druck.

Dann kommt heraus: Ulvi K. hat vor Jahren einen kleinen Jungen sexuell missbraucht. Ulvis Mutter hatte ihn angezeigt. Auf einmal macht im Dorf die Runde, dass er noch andere Jungen mit Keksen lockte, zu Doktorspielen überredete, vor ihnen die Hosen herunterzog und onanierte. Viele Kinder hätten ihn ausgelacht und gehänselt. Peggy soll er gar vergewaltigt haben - vier Tage vor ihrem Verschwinden.

Kein Anwalt, kein Tonbandgerät

Ende April 2002 entwickelt ein Profiler eine Hypothese zum Tathergang. Demnach könnte Ulvi K. Peggy auf dem Heimweg abgepasst haben und ihr einbläuen wollen, ihn nicht zu verraten. Doch Peggy rennt fort, den Schulranzen auf dem Rücken. Er holt sie ein, tötet sie.

Während der Suche nach dem Täter wird Ulvi K. in der Psychiatrie in Bayreuth untergebracht. Er braucht Betreuung, die seine Eltern nicht leisten können. Nach 40 Vernehmungen, protokolliert auf 800 Seiten, gibt er schließlich zu, Peggy aufgelauert, sie eingeschüchtert, verfolgt und getötet zu haben. Sein Geständnis liest sich wie eine Kopie der Tathergangshypothese. Ausgerechnet, als er das Verbrechen einräumt, ist sein Anwalt nicht anwesend und das Tonbandgerät kaputt. Im Oktober 2002 wird Ulvi K. im Bezirkskrankenhaus festgenommen.

Peggys Leiche ist bis heute nicht gefunden worden. Es klingt nach dem perfekten Mord. Die Ermittler sind davon überzeugt, dass Ulvi K. innerhalb einer Stunde Peggy verfolgte, tötete und verscharrte - ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Auch der pinkfarbene Schulranzen ist verschwunden.

Ulvi K. widerruft sein Geständnis.

Gudrun Rödel verfolgt in der Zeitung den Prozess, sie rechnet fest mit einem Freispruch. Sie schreibt Ulvi K.s Eltern einen Brief, spricht ihnen Mut zu. Sie kann nachempfinden, wie ihnen zumute sein muss, welch doppelte Hilflosigkeit sie erfahren. Gudrun Rödel ist selbst Mutter einer geistig behinderten Tochter.

Doch das Landgericht Hof verurteilt Ulvi K. Ende April 2004 in einem Indizienprozess wegen Mordes zu lebenslanger Haft.

Am Tag nach Ulvis Verurteilung fährt Gudrun Rödel mit ihrem Ehemann Harald ins 30 Kilometer entfernte Lichtenberg und setzt sich in der Schlossklause an einen Ecktisch. Für das Ehepaar ist dieser Moment das Schlüsselerlebnis. Ein paar Tische weiter sitzt ein Mann, der bitterlich weint. "Wieso sperren sie den armen Kerl ein?", schluchzt er. "Der Ulvi hat doch bei mir Holz gehackt." Der Mann will den vermeintlichen Mörder zur Tatzeit gesehen haben.

Noch heute, wenn Gudrun Rödel von dieser Begegnung berichtet, füllen sich die großen, blauen Augen ihres Ehemannes mit Tränen. Gemeinsam nehmen sie sich des Falls an. Wie Miss Marple und Mister Stringer ermitteln sie auf eigene Faust, recherchieren, befragen, werfen nachts Flyer in die Briefkästen in Lichtenberg und laden zu Bürgerversammlungen ein. Sie sprechen von manipulierten Vernehmungsprotokollen, vielen Ungereimtheiten, einem gefälschten Abschlussbericht.

Ein Anwalt will 60 Entlastungszeugen präsentieren

Im Januar 2005 verwirft der Bundesgerichtshof die Revision der Verteidigung. Gudrun Rödel und die Bürgerinitiative, die sich gebildet hat, sind entschlossener denn je. Rödel wird Ulvi K.s gesetzliche Betreuerin. Seine Eltern sind einverstanden, bis heute haben sie das Urteil nicht verkraftet. Jede Woche besuchen sie ihn. Wenn Nachbarn und Freunde an Weihnachten und zum Geburtstag Geschenke für Ulvi K. vorbeibringen, zündet seine Mutter die Kerze an, die auf dem Fensterbrett steht, vor einem Bild ihres Sohnes.

"Warum willst du eine Betreuerin haben?", fragt der Richter damals Ulvi K.

"Sie soll mein Geld verwalten."

"Das ist eine gute Idee, wie viel Geld hast du denn?"

"Keins!"

Gudrun und Harald Rödel sitzen auf ihrem grau gemusterten Sofa in ihrem Wohnzimmer in Münchberg, bei dieser Anekdote müssen beide schmunzeln. Vom Regal lacht ihre Tochter Simone aus einem Bilderrahmen. Zeit ihres Lebens war sie auf dem Reifestand einer Dreijährigen, sie starb vor zwei Jahren im Alter von 40 Jahren.

21 Jahre lang hat Gudrun Rödel in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, sie hat Michael Euler eingeschaltet und für ihn die Akten vorsortiert. Der junge Rechtsanwalt empfängt sie in seinem Büro im sechsten Stock mit Blick auf die verspiegelten Bankentürme von Frankfurt am Main. Ein dynamischer Mann von 31 Jahren.

Knapp 16.000 Seiten Papier hat er in mehr als 700 Stunden durchgeackert, er ist sicher: "Ulvi war es nicht, da ist ein Unschuldiger verurteilt worden." Das widerrufene Geständnis, das Glaubhaftigkeitsgutachten und die belastenden Zeugenaussagen - alles könne er widerlegen, sagt Euler. Angeblich existierte auch mal ein Gutachten, das belegt, dass Ulvi K. Peggy nicht vergewaltigt haben kann. Wie andere Unterlagen auch sei es aber verschwunden.

Euler will in Kürze den Antrag auf Wiederaufnahme einreichen. Er sagt, er habe neue Beweise und 60 Zeugen, die Ulvi entlasten, weil sie Peggy nach dem angeblichen Todeszeitpunkt lebend gesehen haben wollen oder weil ihnen von den Ermittlern Suggestivfragen gestellt wurden. Einer von ihnen ist Ulvi K.s Zimmernachbar in der Psychiatrie. Im ersten Prozess hatte er behauptet, der Angeklagte habe ihm den Mord gestanden. Tatsächlich habe er das jedoch erfunden, sagt der Mann heute.

Die Ermittler halten die Einwände für Verschwörungstheorien. "Der Ulvi war's", sagt einer und verweist auf ein Video, das bei einer Tatortbegehung entstanden ist. Darin schildert Ulvi K. en detail den Tathergang. "Was er da alles erzählt, kann sich einer wie der nicht ausdenken." Allerdings war sein Anwalt auch bei dieser Befragung vor Ort nicht anwesend.

Peggys Mutter hat Lichtenberg verlassen. Sie und ihre Eltern sind davon überzeugt, dass Peggy tot und ihr Mörder verurteilt ist. Auf dem Friedhof in Nordhalben nahe Lichtenberg haben sie einen Grabstein errichtet mit einem Foto des Kindes. "Wer nicht an Engel glaubt, der ist dir nie begegnet", ist eingraviert. Peggys leiblicher Vater und dessen Eltern klammerten sich an die Hoffnung, dass das Mädchen noch lebt, sagt Gudrun Rödel. Auch sie verteidigten Ulvi K.