Peinliche Blamage in L.A. Hilton-Staatsanwalt steckt in der Klemme

Im Fall Paris Hilton hatte Chefankläger Delgadillo noch gegen eine Zweiklassengesellschaft in der US-Justiz gewettert und die Blondine erneut hinter Gitter gebracht. Nun hat der vermeintliche Saubermann selbst ein Problem: Gegen seine Frau lief jahrelang ein Haftbefehl - und nichts geschah.

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Los Angeles - Die Frau des Anklägers, Michelle Delgadillo, war nach Angaben der "Los Angeles Times" im August 1998 von einer Streife im kalifornischen Santa Monica am Steuer trotz einer abgelaufenen Fahrerlaubnis erwischt worden. Sie wurde deswegen vor Gericht zitiert, erschien dort aber nie. Zwei Wochen nach dem Vorfall heiratete sie Rocky Delgadillo und führte fortan einen anderen Nachnamen. Laut Gerichtsakten fuhr die Angeklagte zudem einen BMW, dessen Nummernschilder abgelaufen waren, und konnte keine Kfz-Versicherung nachweisen.

Chefankläger Delgadillo: "Ich habe das Vertrauen der Öffentlichkeit missbraucht"
AP

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Als Degadillo nicht zum Gerichtstermin erschien, erließ der zuständige Richter Haftbefehl. Dieser Haftbefehl wurde nie vollstreckt, auch wenn er noch bis vergangenen Mittwoch in Kraft war. Neun Jahre lang. Nachdem die "L.A. Times" die Geschichte veröffentlicht hatte, meldete sich Michelle Delgadillo umgehend bei Gericht. Sie erhob keinen Einspruch gegen die Anklage wegen Fahrens ohne gültigen Führerschein, woraufhin der Richter den Haftbefehl aussetzte. Das Urteil: ein Jahr Bewährung und eine Geldstrafe über 431 Dollar.

Der Fehltritt seiner Frau war besonders peinlich für Staatsanwalt Delgadillo, weil er sich noch vor zwei Wochen im Fall Paris Hilton ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Die Hotelerbin hatte von Richter Michael Sauer zunächst wegen mehrerer Verkehrsvergehen eine Gefängnisstrafe von 45 Tagen aufgebrummt bekommen. Dann war sie auf Betreiben des Sheriffbüros nach wenigen Tagen unter Hausarrest nach Hause entlassen worden, aus "medizinischen Gründen", wie es hieß. Doch dann trat Staatsanwalt Delgadillo auf den Plan - mit harten Worten.

Offensichtlich läge ein "Kurzschluss" im Justizsystem vor, giftete Delgadillo. Er habe seine Mitarbeiter in Bewegung gesetzt, alles dafür zu tun, damit das Gesetz auch in diesem Fall "gleich und gerecht" angewandt werde. "Wir können kein Zwei-Klassen-Gefängnissystem hinnehmen, in dem die Reichen und Mächtigen eine Sonderbehandlung erfahren", sagte Delgadillo. Die Haftstrafe, die Paris Hilton nun absitzen muss, ist länger als die der meisten anderen Delinquenten, die wegen ähnlicher Vergehen in Kalifornien verurteilt werden, wie die "L.A. Times" herausfand.

Autoreparatur auf Kosten der Steuerzahler

Weitere unangenehme Enthüllungen dürften Rocky Delgadillo ebenfalls Bauchweh bereiten. Nachdem er tagelang Anfragen von US-Zeitungen ausgewichen war, musste er schließlich einräumen, dass seine Frau am Steuer seines stadteigenen Dienstwagens gesessen habe, als der Wagen bei einem Unfall 2004 beschädigt wurde. Einen gültigen Führerschein besaß sie zu dieser Zeit nicht, und das Auto ließen die Delgadillos auf Kosten der Steuerzahler reparieren.

Er selbst, gab er zu, sei seit über einem Jahr ohne die in Kalifornien vorgeschrieben Versicherung Auto gefahren. Seine Frau, die 2004 in einen zweiten Unfall - diesmal mit dem Privatwagen - verwickelt war, habe damals ebenfalls keinen Versicherungsschutz gehabt, als sie sich vom Unfallort entfernte. Laut "Los Angeles Times" soll Delgadillo zudem mehrere ihm unterstellte Mitarbeiter gedrängt haben, auf seine beiden Söhne aufzupassen und im Haus der Familie kleinere Arbeiten zu verrichten.

Zu den Vorwürfen sagte Delgadillo gestern, er habe das Vertrauen der Öffentlichkeit missbraucht. Ihm und auch seiner Frau sei das Ganze sehr peinlich. Er selbst habe bis Mittwoch nichts vom Haftbefehl gegen seine Gattin gewusst. Michelle Delgadillo nahm dann auch in einem eigenen Statement die Schuld an der Blamage auf sich. "Es ist einzig und allein mein Fehler." Von einem Kurzschluss im Justizsystem, einer Zweiklassengesellschaft oder Gleichheit vor dem Gesetz sagte Chefankläger Delgadillo in seiner Stellungnahme nichts.

mit Material von AP/Reuters



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