Personenschutz im US-Wahlkampf Barack Obama, Codename "Renegade"

Der Secret Service spricht von einem Wahlkampf mit "historischer Dimension": Zum ersten Mal müssen die Leibwächter der US-Behörde mit Barack Obama einen schwarzen Präsidentschaftskandidaten schützen. Die Superagenten stoßen an ihre Grenzen.

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Denver - Es war kein Training mehr, keine der unzähligen Übungen, die sie immer und immer wieder hatten absolvieren müssen. Das hier war der Ernstfall und die Gefahr mit einem Schlag nur noch wenige Kilometer entfernt.

Parteitag der Demokraten in Denver, 25. August, halb drei Uhr morgens. In drei Tagen wird Barack Obama offiziell zum Präsidentschaftskandidaten gekürt, er hält eine mitreißende Rede, spricht von "change" und "hope" und 80.000 Menschen im Invesco Field, einem dieser riesigen Football-Stadien, brüllen ihm entgegen: "Yes, we can!" Noch drei Tage.

Der Morgen graut, als eine Polizeistreife im Vorort Aurora einen Pick-up stoppt. Ein Mann steigt aus, weiß, kräftig, Ende 20, kurze, blondierte Haare. Die Beamten durchsuchen seinen Laster. Sie finden Aufputschmittel, Funkgeräte, eine kugelsichere Weste und zwei Scharfschützengewehre, eines davon mit einem Zielfernrohr für große Distanzen.

Auf die Frage der Polizisten, ob er einen Anschlag auf Barack Obama geplant habe, antwortet Tharin Gartrell nach Berichten mehrerer US-Fernsehsender schlichtweg: "Ja." Einer seiner beiden mutmaßlichen Mitverschwörer, sie werden wenig später gefasst, soll zudem einer rassistischen Gruppierung angehören. Gleichwohl beeilen sich die Behörden, die Bedrohung zu relativieren.

Obama sei nicht unmittelbar in Gefahr gewesen, teilt man umgehend mit.

Niemals zuvor wurde ein Kandidat so lange bewacht

Dennoch: Der Zwischenfall zeigt, dass die scharfen Sicherheitsvorkehrungen für den demokratischen Präsidentschaftsbewerber keineswegs übertrieben sind. Bereits Anfang Mai 2007 hatte der amerikanische Heimatschutzminister Michael Chertoff vollen Personenschutz für Obama angeordnet und damit eine neue Ära in der Geschichte der von Sicherheitsleuten begleiteten US-Wahlkämpfe eingeleitet. Niemals zuvor hatte ein Kandidat über derart lange Zeit vom Secret Service bewacht werden müssen.

"Sicherlich gibt es niemanden, der dringender und umfassender beschützt werden muss als der Präsident der Vereinigten Staaten", sagt der Washingtoner Geschäftsführer der internationalen Sicherheitsagentur Fortress Global Investigations, Andrew O'Connell, SPIEGEL ONLINE." Senator Obama jedoch kommt dem inzwischen sehr, sehr nahe."

Sieben Jahre lang hat O'Connell als "Special Agent" für den Secret Service gearbeitet. Er sorgte für die Sicherheit George H. W. Bushs, als dieser noch Präsident war, reiste mit einem Gouverneur von Arkansas namens Bill Clinton durch das Land und folgte eben diesem kurze Zeit später ins Weiße Haus. "Es war eine aufregende Zeit", sagt er.

Doch der Wahlkampf des Jahres 2008, und das weiß auch O'Connell, droht noch aufregender und womöglich auch gefährlicher zu werden, was wiederum vor allem an dem Mann liegt, den der Ex-Agent respektvoll "Senator Obama" nennt, dem aber die aktiven Sicherheitsleute den Codenamen "Renegade" verpasst haben, "der Abtrünnige".

Hillary Clinton heißt im Jargon der breitschultrigen Beschützer übrigens "Evergreen", ihr Ehemann ist "Eagle" ("Adler") und George W. Bush firmiert als "Tumbler", wie die "Washington Post" enthüllt hat.

"Senator Obamas Charisma und die öffentliche Aufmerksamkeit, die es mit sich bringt, ziehen unwillkürlich psychisch instabile Menschen an", sagt O'Connell. Attentäter seien selten politische Überzeugungstäter oder kühl kalkulierende Auftragskiller, sondern wesentlich häufiger verwirrte Personen, die sich von der Prominenz ihres Opfers animiert fühlten.

Auf die Frage, ob auch Obamas Hautfarbe etwas mit seiner möglichen Gefährdung zu tun habe, will sich O'Connell nicht einlassen. Das seien Spekulationen, winkt der ansonsten sehr leutselig erscheinende Sicherheitsexperte plötzlich ab. Und auch der Secret Service antwortet SPIEGEL ONLINE auf die Frage ebenso knapp wie eindeutig: Senator Obama befinde sich nicht in größerer Gefahr als weiße Politiker.

Teuerster Wahlkampf für den Secret Service

Trotzdem - und das überrascht dann doch - sei dem Kandidaten inzwischen eine ähnliche Sicherheitsstufe wie dem Präsidenten eingeräumt worden, so O'Connell. Der Secret Service teilte hierzu mit, man wolle sich nicht zu operativen Fragen äußern. Die Behörde verfüge jedoch "über eine große Erfahrung" im Umgang mit potenziell gefährlichen Situationen und habe die "historische Dimension" des Wahlkampfes erkannt.

Die könnte allerdings teuer werden: Auf 106,5 Millionen Dollar belaufen sich die Mittel, die der Secret Service für den Personenschutz im Wahlkampf 2008 beantragt hat - eine Rekordsumme, aber offenbar immer noch nicht genug.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP verlangte Direktor Mark Sullivan unlängst noch einen Nachschlag von 9,5 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Das Rennen um den Einzug ins Weiße Haus vor vier Jahren hatte den Secret Service laut "Washington Post" lediglich 65 Millionen Dollar gekostet - obschon sich die USA auch seinerzeit bereits im Krieg befanden.

Grund der explodierten Kosten ist auch die internationale Dimension, die der US-Wahlkampf inzwischen erreicht hat. Kandidat Obama bereiste Afghanistan, den Irak, Jordanien, Israel, die Palästinensergebiete, Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Sein Kontrahent John McCain flog nach Kanada, Kolumbien und Mexiko. Von den vielen Inlandstouren ganz zu schweigen.

Gleichzeitig schlägt auch die zeitlich ausgedehnte und personell intensive Sicherung Obamas zu Buche, wie die "Washington Post" berichtet. Demnach hatte der Secret Service sich zunächst darauf eingestellt, während des Wahlkampfes 739 sogenannte Kandidatenschutztage besetzen zu müssen. Durch die frühe Entscheidung, den Demokraten über 18 Monate von Personenschützern begleiten zu lassen, seien jedoch nun alleine auf Obamas Kampagne bereits 540 Tage entfallen - jeder von ihnen koste 44.360 Dollar.

"Wir brauchen mehr Leute"

Doch Geld ist nicht unbedingt das größte Problem der Schutzengel im Staatsdienst: Vielmehr droht das Personal knapp zu werden. Dem Zeitungsbericht zufolge müssen voraussichtlich 2000 Beamte der Einwanderungsbehörde und der Flughafensicherheit dem Secret Service aushelfen. "Wir brauchen einfach mehr Leute", stöhnte Direktor Sullivan laut "Post" kürzlich in einer parlamentarischen Anhörung.

Ein Sprecher der Behörde bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es Unterstützung aus anderen Bereichen des Heimatschutzministeriums geben werde. Laut "Post" schichtet der Secret Service jedoch auch intern um: 250 Ermittler müssen demnach vorübergehend als Personenschützer arbeiten.

"Für mich besteht wenig Zweifel daran, dass andere Aufgaben der Behörde in den nächsten Monaten vernachlässigt werden müssen", so Sicherheitsexperte O'Connell. Der Secret Service, 1865 als Exekutivorgan des Finanzministeriums gegründet, ist unter anderem für Geldfälschungs- und Betrugsdelikte sowie für Internet-Kriminalität zuständig.

O'Connell schätzt, dass zurzeit etwa 6000 Beamte für den Secret Service arbeiten, die Hälfte davon als Personenschützer für hochgestellte Politiker und Verwaltungsbeamte. Üblicherweise umgebe jeden Schützling eine Garde aus besonders geschulten Nahkampfexperten, die ihren Protegé im Notfall zu Boden würfen und versuchten, selbst ein möglichst großes Ziel zu bilden. "Sie sind in ihrem Job die Allerbesten - ohne Frage", tönt O'Connell, der einen erfolgreichen Anschlag auf einen Secret-Service-Schützling eigentlich ausschließt, "aber, naja, man weiß ja nie."

Der Kandidat Obama selbst verordnete sich in dieser Frage Gelassenheit: "Jeder, der sich um die Präsidentschaft bewirbt, weiß, dass er Risiken eingeht", sagte der Senator. Seine Frau scheint das ähnlich gelassen zu sehen.

In der Fernsehsendung "60 Minutes" sagte Michelle Obama auf die Frage des Moderators, ob sie sich um die Sicherheit ihres Mannes sorgte: "Es bringt mich nicht um den Schlaf, denn Barack, als Schwarzer, kann auch an einer Tankstelle erschossen werden. Man darf Entscheidungen nie aus Angst treffen."

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