Boy Scouts US-Pfadfinder sollen Missbrauch vertuscht haben

In fast 500 Fällen sollen die amerikanischen Pfadfinder Fälle von Kindesmissbrauch innerhalb der Organisation nicht an die zuständigen Behörden gemeldet haben. Das berichtet die "Los Angeles Times", die insgesamt mehr als 1600 bisher vertrauliche Gerichtsakten untersuchte.

Los Angeles - Über Jahrzehnte wurde der Missbrauch vertuscht: Die Boy Scouts of Amerika, die US-Version der Pfadfinder, soll einem Bericht der "Los Angeles Times" zufolge Hunderte Fälle nicht an die Behörden gemeldet haben. Allein zwischen 1970 und 1991 hätten Betroffene, Eltern oder Mitarbeiter der Organisation 500 Vorfälle gemeldet, berichtet die Zeitung. Doch in 80 Prozent der Fälle seien diese nicht weitergeleitet, oft sogar aktiv vertuscht worden.

Die "Los Angeles Times" hatte 1600 vertrauliche Akten der Boy Scouts überprüft, die eine Art schwarze Liste ungeeigneter Freiwilliger innerhalb der Organisation darstellte und bisher unter Verschluss gehalten worden war. Erst im Rahmen von Gerichtsprozessen wurden sie als Beweismittel zugelassen und zeigen der Zeitung zufolge, dass Betreuern, die des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurden, oft ein freiwilliger Rücktritt nahegelegt wurde. Die Strafverfolgungsbehörden wurden aber nicht informiert. Viele Beschuldigte sollen sich nach ihrem 'Ausschluss' weiter an Kindern vergangen haben.

Fünf Jungen schilderten den Unterlagen zufolge 1976 ausführlich, wie ein Gruppenleiter in Pennsylvania mindestens zwei Jungen vergewaltigte und weitere sexuell belästigte. Mit den Taten konfrontiert, erklärte er sofort schriftlich seinen Rücktritt. "Viel Glück für deine neue Position", schrieb ein Verantwortlicher zurück. Er akzeptiere den Rücktritt mit "großem Bedauern".

Als Begründung für die Nichtweitergabe der Informationen, sagten Vertreter der US-Pfadfinder dem Blatt zufolge, man habe die Opfer vor peinlichen Enthüllungen schützen wollen. In einer ersten Reaktion auf den Bericht veröffentlichten die 1910 gegründeten Boy Scouts ein Statement, aus dem die Zeitung zitiert: "Die Boy Scouts of America glauben, dass jeder einzelne Missbrauchsvorfall inakzeptabel ist, und wir bedauern, dass es Zeiten gab, in denen unsere besten Absichten, Kinder zu schützen, unzureichend waren. Es tut uns sehr leid und unsere tiefste Anteilnahme gilt den Opfern." Die Akten über die ungeeigneten Freiwilligen seien dazu da, "Individuen" aus der Organisation zu entfernen, die als Vorbilder ungeeignet seien.

Zwischen 3,5 und 5 Millionen Mitglieder zählten die Boy Scouts seit 1960 jährlich, zusätzlich etwa eine Million erwachsene Gruppenleiter und Freiwillige. Derzeit laufen 50 Verfahren wegen Kindesmissbrauchs in 18 US-Bundesstaaten gegen Mitglieder oder ehemalige Angehörige der Organisation.

Seit 2010 sind alle Pfadfinder-Vertreter angewiesen, schon bei Verdacht auf Missbrauch die Behörden einzuschalten. Laut der "Los Angeles Times" droht den Boy Scouts, die rund vier Millionen Mitglieder haben, nun allerdings eine Welle von Klagen. Das Oberste Gericht in Oregon hat zudem die Veröffentlichung von 1200 Akten aus den Jahren 1965 bis 1985 angeordnet.

amp/ala/AFP/Reuters
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